Von Zürichs Tramfahrt der (Un-)Gleichheiten

Vom sonnigen linken Seeufer in Wollishofen über den Zürcher Paradeplatz, mitten durch den Tramtunnel bis an den Schwamendingerplatz. Das 7er-Tram verbindet auf dieser Fahrt den Süden mit dem Norden der Stadt Zürich und erweist sich als Route der sozialen (Un-)Gleichheiten. Wie sich diese jedoch genau äussern, soll Quartier für Quartier statistisch sichtbar gemacht werden.

Von Klischees und anderen (Un-)Gleichheiten

Ausgerüstet für die Fahrt von Wollishofen bis zum Schwamendingerplatz steige ich in das eben eingefahrene 7er-Tram ein. Es herrscht freie Sitzplatzwahl, denn als Endstation dieser Linie hat sich das Tram beinahe komplett geleert. Nach wenigen Minuten geht ein abruptes Ruckeln durch den Wagen, die Gleise beginnen zu quietschen und meine Reise beginnt.
Während der Fahrt bemerke ich, dass wohl beinahe jeder Zürcher eine durch Klischees geprägte Vorstellung von den vom 7er-Tram durchfahrenen Stadtquartieren hat. Diese Vorstellungen beziehen sich vor allem auf die Quartiere Wollishofen und Schwamendingen-Mitte. Oder anders ausgedrückt auf das am sonnigen linken Seeufer verortete Quartier der Reichen und dem Arbeiterquartier im Norden der Stadt. Ein Blick in die Statistik zeigt jedoch, dass diese beiden Stadtquartiere gar nicht so unterschiedlich sind, wie von vielen angenommen. Vielmehr sind es meistens die Quartiere des Stadtzentrums, welche mit stark abweichenden Werten auf sich aufmerksam machen. Den einzigen klaren Unterschied zwischen Wollishofen und Schwamendingen-Mitte bildet der Ausländeranteil. Da sich dieser wohl am stärksten visuell in der Öffentlichkeit bemerkbar macht, wird er hier auch als eine der Ursachen der immer noch bestehenden Klischees angeführt.

„Vo Wollishofe uf Schwamendinge zue“
Das 7er-Tram verbindet auf der Fahrt von Wollishofen nach Schwamendingen-Mitte, den Süden mit dem Norden der Stadt Zürich. Hierbei macht es Halt in vier von insgesamt 12 Stadtkreisen beziehungsweise in acht von 34 Stadtquartieren. Die rund 35 minütige Fahrt (10.3 km) führt mitten durch das Herzen Zürichs und verbindet unter anderem die Haltestellen zweier Stadtquartiere, die im immer noch stark klischee-geprägten Verständnis der Zürcher Bevölkerung nicht unterschiedlicher sein könnten. Im Süden ist dies das im Jahre 1893 durch Zwang eingemeindete Stadtquartier Wollishofen. Am linken Zürichseeufer verortet, gilt es als eines von sieben exklusiven Stadtquartieren mit direktem Seeanstoss. Heute ist das Quartier mehr ein Wohnquartier als wie ursprünglich ein Industriegebiet. Bereits früh mit der Ablösung des Rösslitrams 1900 und der Tramspurverlängerung 1928 wurde Wollishofen an das Zürcher Tramnetz angebunden (Stadt Zürich 2015a: 4). Im Norden ist es das Stadtquartier Schwamendingen-Mitte. Dieses wurde während der zweiten Welle im Jahre 1934 in die Stadt eingemeindet. Es war Teil des bedeutenden Industriezentrums um Oerlikon und machte durch ein starkes Bevölkerungswachstum auf sich aufmerksam. Das Quartier war vor allem durch zuziehende Arbeiterfamilien aus ärmeren Bevölkerungsschichten geprägt, die sich dort die tieferen Bodenpreise eher leisten konnten als im teuren Stadtzentrum (Stadt Zürich 2015b: 4). Mit der Umfunktionierung des ursprünglich geplanten U-Bahntunnels zu einem Tramtunnel, wurde das Stadtquartier 1986 an das Zürcher Tramnetz angebunden (Stadt Zürich 2015b: 5).

Abbildung 1: Rot eingezeichnet ist der Start- sowie der Zielpunkt der abgefahrenen Route mit dem 7er-Tram. Ersichtlich sind ebenfalls die acht tangierten Stadtquartiere. Anmerkung: In Anlehnung an: alt-zueri.ch.

Auf den ersten Blick scheint das 7er-Tram auf dieser Fahrt den sozialen Kosmos der Stadt Zürich gut abbilden zu können. Doch inwiefern unterscheiden sich die tangierten Stadtquartiere auch bei einer genaueren statistischen Betrachtung voneinander? Und inwiefern gibt es (Un-)Gleichheiten zwischen den immer noch stark durch Klischees geprägten Stadtquartieren im Norden und Süden (Wollishofen und Schwamendingen-Mitte)? Diesen beiden Fragen wurde basierend auf dem exklusiv zur Verfügung gestellten Datensatz* der Statistik Stadt Zürich nachgegangen.

Ausländeranteil
Untersucht man den Ausländeranteil pro Quartier im Zeitverlauf (1993-2016) fällt auf, dass im Quartier City die stärksten Schwankungen auszumachen sind. Betrachtet man zudem nur die letzten sechs Jahre, dann zeigt sich, dass lediglich in diesem Quartier ein sinkender Ausländeranteil zu verzeichnen ist.
Bei der Gegenüberstellung der Ausländeranteile der Quartiere Wollishofen und Schwamendingen-Mitte zeigen sich starke Unterschiede. So wohnten in Schwamendingen-Mitte bereits 1993 anteilsmässig mehr Ausländer als es bis ins Jahr 2016 in Wollishofen jemals getan haben. Auch bei der Zusammensetzung dieser Ausländeranteile eröffnen sich für das Jahr 2016 deutliche Ungleichheiten. Diese äussern sich, indem sich die Ausländeranteile in Wollishofen an dritter Stelle aus Spaniern und in Schwamendingen-Mitte aus Portugiesen zusammensetzen.

Zuzüge
Es fällt auf, dass der Wohnungsboden in den beiden Stadtquartieren City und Rathaus vor allem bei den Luzernern sehr gefragt ist. So verzeichnen diese beiden Quartiere prozentual die grössten Zuzugswerte für das Jahr 2016.
Spannend ist der Fakt, dass sich die beiden Quartiere Wollishofen und Schwamendingen-Mitte kaum in ihren Zuzugsraten unterscheiden. Ein Unterschied zwischen den beiden Quartieren ist lediglich im jeweiligen Zuzugskanton auszumachen. Hierbei bevorzugen die Südschweizer vor allem Schwamendingen-Mitte als Wohnort, wohingegen unsere westlichen Kantonsnachbarn Wollishofen präferieren.

Altersstruktur
Das Stadtquartier Saatlen verzeichnet die grösste Schere zwischen jungen und alten Personen. Mit dem mit Abstand grössten Anteil Junger, ist in diesem Quartier knapp jede dritte Person unter zwanzig Jahren. Ältere Personen scheint es im Verhältnis viel eher ins Stadtzentrum zu ziehen, genauer ausgedrückt ins Quartier Rathaus. Dieses Stadtquartier zeichnet sich im Jahre 2016 als einziges untersuchtes Quartier aus, welches über einen höheren Anteil alter als junger Personen verfügt.
Die beiden Quartiere Wollishofen und Schwamendingen-Mitte zeigen im Vergleich einen ähnlichen Anteil junger bzw. alter Personen auf. Hierbei setzt sich Schwamendingen-Mitte jedoch ein wenig mehr aus jungen Personen und etwas weniger aus Pensionären zusammen.

Zivilstatus
Es fällt auf, dass während der Tramfahrt von Wollishofen nach Schwamendingen-Mitte die Anteile verheirateter Personen stetig abnehmen. Diese Abnahme erreicht ihren anteilsmässigen Tiefpunkt im Quartier Rathaus. Ab diesem Zeitpunkt steigen die Anteilswerte verheirateter Personen jedoch wieder an. Der Spitzenwert wird im Stadtquartier Saatlen erreicht. Spannend zu beobachten ist ebenfalls, dass das Quartier Rathaus anteilsmässig nicht nur am wenigsten Verheiratete aufweist, sondern auch am meisten Geschiedene.
Zudem gilt es anzumerken, dass sowohl Wollishofen als auch Schwamendingen-Mitte im Jahre 2016 einen ähnlichen Anteil an Geschiedenen und Verheiraten aufweisen.

Neubauten
In Saatlen wurde in den letzten zehn Jahren kräftig gebaut. So weist dieses Quartier mit Abstand den grössten Anteil an Neubauten auf. Auf der anderen Seite des Spektrums befinden sich die beiden Quartiere des Stadtzentrums. Sowohl das Quartier City als auch das Quartier Rathaus fällt mit einem tiefen Anteil an Neubauten auf. Zudem wird ersichtlich, dass in Wollishofen und Schwamendingen-Mitte in den letzten zehn Jahren prozentual ähnlich viel gebaut wurde. Mit ihren Werten gehören sie zu der Gruppe der Quartiere mit den grössten Anteilen an Neubauten.

[Anzahl Wörter: 951 (exkl. Titel, Lead, Grafikbeschriftungen, „Methodische Anmerkungen“)]

*Methodische Anmerkungen
Der basierend auf einer Kooperation zwischen der Statistik Stadt Zürich (SSZ) und dem Institut für Politikwissenschaft Zürich (IPZ) zur Verfügung gestellte Datensatz beinhaltet Variablen zu: Bevölkerung, Zuzug, Wegzug, Umzug, Wohnung und Gebäude der ganzen Zürcher Stadtbevölkerung für die Jahre 1993-2016. Der Stichtag eines Jahresabschlusses liegt jeweils auf dem 31. Dezember des entsprechenden Jahres. Alle Daten wurden anonymisiert, sodass keine Rückschlüsse auf Einzelpersonen gemacht werden konnten.

Nachtrag zu den Grafiken

  • Grafik 2: Die top 20 Nationalitäten ergeben sich aus den Top 20 Staatszugehörigkeiten für das Jahr 2016. Alle anderen Nationen wurden in Kontinenten ausgegeben. Kontinenten-Ausprägungen und die Ausprägung „Schweiz“ wurden bei der Visualisierung nicht berücksichtigt.
  • Grafik 3: Die Ausprägung „Zürich“ und „Ausland“ wurden für die Analyse nicht berücksichtigt.

Literaturverzeichnis

  • Stadt Zürich (2015a): Quartierspiegel 2015. Wollishofen. (https://www.stadt-zuerich.ch/content/dam/stzh/prd/Deutsch/Statistik/Publikationsdatenbank/quartierspiegel/pdf/Quartierspiegel_021-Wollishofen_2015.pdf [19.11.2017]).
  • Stadt Zürich (2015b): Quartierspiegel 2015. Schwamendingen-Mitte. (https://www.stadt-zuerich.ch/content/dam/stzh/prd/Deutsch/Statistik/Publikationsdatenbank/quartierspiegel/pdf/Quartierspiegel_122-Schwamendingen-Mitte_2015.pdf [19.11.2017]).

Abbildungsverzeichnis

  • Alt-zueri.ch (2017): Gang dur Züri – Begriffserklärungen Quartier. (https://www.alt-zueri.ch/turicum/strassen/quartier.htm [13.12.2017]).

Inspirationsquelle

  • Tagesanzeiger (2016): Zürichs Gegensätze – Haltestelle für Haltestelle.(https://interaktiv.tagesanzeiger.ch/2016/bus3132/einkommensspitzen [10.12.2017]).

Anmerkungen zum Blogbeitrag:
Yves Custer (yves.custer@uzh.ch)
Matrikelnummer: 13-715-651
Politischer Datenjournalismus (Herbstsemester 2017)
Dozierende: Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Bruno Wüest, Alexandra Kohler
Abgabedatum: 17.12.2017
Dokumentiertes R-Script: R-Script_YC

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