Wählen wie Mama

Das Elternhaus spielt in der politischen Meinungsbildung nach wie vor eine zentrale Rolle. Vor allem der Einfluss der Mutter ist in den letzten 40 Jahren für gewisse Wählergruppen gestiegen. Die Vorbildfunktion des Vaters dagegen nimmt im Vergleich dazu leicht ab.

Seit das Frauenstimmrecht 1971 auch die hintersten Winkel der Schweiz erreicht hat, wählen immer mehr Stimmbürger wie ihre Mutter. Wie eine neue Analyse der Selects-Umfragen aus den Jahren 1975, 1999 und 2015 ergeben hat, weisen allen voran junge WählerInnen sowie AnhängerInnen der SP, EVP und der Grünen eine weitaus engere Beziehung zur Mutter auf.

Insgesamt, über alle Wählergruppen hinweg, ist dieser Trend jedoch nur äusserst schwach ausgeprägt. Betrachtet man die allgemeine Entwicklung der Familienkohärenz, verlaufen die Kurven für die Übereinstimmung mit den Elternteilen nahezu parallel: Die Tiefstwerte für beide Gruppen werden in den 1970er-Jahren verzeichnet, worauf die Werte um die Jahrhundertwende für Mütter um 4.9%- und für Väter um 4.6%-Punkte in die Höhe schnellen, um dann bis 2015 nochmals im Mittel um 1.3%-Punkte abzunehmen. Im Schnitt stiegen die Anteile der Befragten, die wie ihr Vater wählten um 3.01%-Punkte, während der Anstieg bei den Müttern mit 3.08%-Punkten leicht höher war.

Allgemeine Entwicklung
Grundgesamtheit ist das Total der Befragten im jeweiligen Jahr. 

Im Allgemeinen zeigt sich jedoch auch eine ernstzunehmende Korrelation zwischen erhältlicher Information zur Parteiidentifikation der Eltern und dem eigenen Wahlverhalten der Befragten und der tatsächlichen Übereinstimmung zwischen den beiden. Demnach könnte man bei mehr Daten tendenziell auch eine grössere Familienkohärenz erwarten. Ob nun aber mehr oder weniger Auskünfte vorliegen, ändert nichts daran, dass tätsächlich immer mehr Wähler wie ihre Mutter wählen. Aber ist dieser leichte Trend bei Männern und Frauen gleichermassen ausgeprägt?  Oder sind es am Ende eher die Söhne, die wie ihre Mutter wählen, und Töchter eher  wie ihre Väter?

Keine Muttersöhnchen

Männliche und weibliche Befragte haben grundlegend verschiedene politische Beziehung zum Vater und zur Mutter. Im Allgemeinen ist die Beziehung beider Gruppen zum Vater viel stabiler und verändert sich kaum über die Zeit, während diejenige zur Mutter im Mittel jährlich leicht gestiegen ist. Männliche Befragungsteilnehmer zeigen mit einer mittleren Übereinstimmung von 28.26% zu 22.74% eine weitaus engere Bindung zum Vater auf. Bei Frauen dagegen sind die Unterschiede mit 24.78% für den Vater zu 24.22% für die Mutter viel kleiner.

Warum um die Jahrhundertwende mehr WählerInnen wie ihre Mutter wählten als noch 1975, erklärt sich hauptsächlich durch die Töchter, die mit einer Steigung von 3.21%-Punkten den leichten Rückgang von 1.08%-Punkten bei den männlichen Befragten mehr als ausgleichen. Weshalb im gleichen Zeitraum auch mehr Befragte dasselbe Wahlverhalten wie ihr Vater aufwiesen, lässt sich dagegen nicht durch das Geschlecht ihres Nachwuchs erklären. Erklärt sich die Annäherung an die ploitischen Präferenzen der Mutter am Ende vielleicht auch durch das Alter der Wähler?

Ideologische Kohärenz nach Geschlecht
Grundgesamtheit ist die Anzahl derjenigen Befragten, die im jeweiligen Jahr mit mindestens einem der beiden Elternteilen übereinstimmten.

Individualismus light

Die Differenzen zwischen verschiedenen Altersgruppen sind um einiges stärker ausgeprägt noch als die Genderunterschiede. Wie aus der nächsten Grafik ersichtlich wird, hat zwischen den 1970er- und 90er-Jahren ein leichter Bruch der jüngeren Wähler und denen mittleren Alters mit ihren Vätern stattgefunden. Denn obwohl ihre Werte zwar nicht gesunken sind, stiegen sie mit 3.91%- bzw. 2.63%-Punkten nicht einmal halb so stark wie die Anteile der 50-59-jährigen (+8.01%-Punkte) und 60-69-jährigen (+8.53%-Punkte). Dadurch ergibt sich, mit Ausnahme der ältesten Wählergruppe, eine klare Altersschichtung, was auf historische Sozialisierungsunterschiede hindeutet.

Dass sich die jüngere Hälfte der Gesellschaft gerade in einer Periode vom Vater entfremdete, die durch einen allgemeinen Aufwärtstrend familiärer Werte gekennzeichnet war, deutet auf einen rebellischen Individualismus hin. Das passt ganz zum Bild, das man sich von der Generation Y macht: Eine Generation, die ohne die kollektive apokalyptische Anspannung des Kalten Krieges aufwuchs, dafür mit einer Welt in der die individuelle Bedrohung von AIDS und Arbeitslosigkeit eine Tatsache war. Bekannt für ihren individualistischen Konsumerismus, lebt die erste netgeneration ganz im Zeichen des Ich – allem Anschein nach auch an der Wahlurne.

 Übereinstimmung mit Eltern nach Alter
Anteil Übereinstimmung des Wahlverhalten des Befragten mit dem des jeweiligen Elternteils, nach Alterskategorie geordnet. Die Grundgesamtheit bilden jeweils alle „x bis y“-jährigen des jeweiligen Jahres.

Bei den Müttern zeigt sich dagegen ein ganz anderes Bild: Zu keiner Zeit sind alte WählerInnen konservativer als junge WählerInnen. Die Individualisierungseffekte beschränken sich allein auf die 30-39-jährigen, deren Übereinstimmungswerte nur um 3.45%-Punkte steigen, während die aller anderen Altersgruppen eine Erhöhung zwischen 5.93%- und 7.39%-Punkten aufweisen konnten, mit Ausnahme der 70-100-jährigen. Entgegen allen Erwartungen ist die Übereinstimmung mit der Mutter für die jüngste Alterskohorte der 18-29-Jährigen bis 2015 am stärksten, wo sie wiederum von der Generation Y eingeholt wird.

Der Anstieg des traditionellen Wahlverhalten um die Jahrhundertwende ging also auf der Seite des Vaters – paradoxerweise! – von den alt-68ern aus, während die Kinder der 1980er Jahre eher dagegen gehalten haben. Auf der Seite der Mutter dagegen zeigten letztere bis in die jüngste Vergangenheit eine eher konservative Tendenz mit hohen Übereintsimmungswerten. Insgesamt resultiert das Ringen der Generationen in einer durchschnittlichen Steigung über alle Altersklassen von 1.97%-Punkten für Mütter und 1.68%-Punkten für Väter. Wie steht es aber um die Parteienzugehörigkeit der Eltern: Hat die Parteienidetifikation der Eltern einen Einfluss auf die Übereinstimmung mit ihren Kindern?

SVP: Die neuen Individualisten

Was die Parteientreue der Nachkommen anbelangt, weisen SP- und EVP-WählerInner sowie Anhänger der Grünen 2015 eine grössere Stammwählerschaft auf Seiten der Mutter auf. Obwohl auf beiden Seiten die Anteile der familientreuen EVP-Wähler gestiegen sind, zeigte sich mütterlicherseits eine explosionsartige Zunahme von 12.81%-Punkten für die EVP gegenüber einem schmalen Plus von 3.43%-Punkten beim Vater. Auch die Werte für die Grünen zeigen auf beiden Seiten in dieselbe Richtung: nach unten; doch kommen sie mütterlicherseits auf einem höheren Niveau (5.16%) zu stehen als väterlicherseits (2.78%). Was SP-WählerInnen mit sozialdemokratischer Mutter anbelangt, so haben sie 2015 sogar leicht zugenommen auf  20.29%, während sie väterlicherseits auf 17.75% abgenommen haben.

Das Interessanteste ist aber, worin sich die Befragten nicht unterscheiden: Für SVP-WählerInnen ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass ihre Eltern selber keine Anhänger der Volkspartei waren. Von 1975 bis 2015 fiel ihr Anteil um 15.06%-Punkte, und das obwohl – oder gerade weil – die SVP in den 1990er Jahren ihren Wähleranteil von rund 11% (1991) auf 26,7% (2003) verdoppeln konnte. Die SVP hat offenbar eine eigene Wählergeneration hervorgebracht, die sich in ihren politischen Präferenzen vom Elternhaus entfremdeten. Diese Dynamik ist umso erstaunlicher, da die SVP als konservative und traditionsorientierte Partei gilt. Insofern scheint Traditionsbewusstsein sich also nicht auf die politische Sozialisierung im Elternhaus zu beziehen, sondern auf bestimmte kulturelle Werte. Die andere auffällige Traditionspartei dagegen, die EVP, konnte sich die politische Emanzipation der Frau zur Förderung einer neuen innerfamiliären Parteientreue zunutze machen.

Parteientreue 
Anteil Übereinstimmung des Wahlverhalten des Befragten mit dem des jeweiligen Elternteils, nach Partei geordnet. Grundgesamtheit sind die Wähler der jeweiligen Parteien desselben Jahres.

Obwohl also Mütter insgesamt kaum merklich wichtiger werden als Väter, sind sie in den letzten 40 Jahren für gewisse Gruppen dennoch neue politische Vorbilder und Meinungsbildner geworden. Ob diese kleine Erfolgsgeschichte in den nächsten Jahrzehnten noch eine Fortsetzung erhält, lässt sich auf dieser Datenlage jedoch nicht sagen.

[Anzahl Wörter: 1’068 (inkl. Lead, exkl. Diagramm-Titel und „Hinweise zur Methode“)]

Hinweise zur Methode
Dieser Artikel geht von Informationen zum Wahlverhalten der Befragten sowie dem ihrer Mutter und ihres Vaters aus, deren Vergleichbarkeit vorausgesetzt wird. Glücklicherweise gibt es in der Selects-Studie drei Variablen, die genau diese Informationen erheben und vergleichbare Antworten aufweisen: Die Frage nach der parteipolitischen Identifikation des Vaters (1975-2011: pid6b, 2015: f12900) und der Mutter (1975-2011: pid7b, 2015: f12905) sowie die Frage nach der Partei, für die der/die Befragte in  jeweiligen Befragungsjahren gewählt hat (1975-2011: vdn1b, 2015: f11800).
Da alle drei Variablen zusammen nur in den Jahren 1971, 1975, 1999 und 2015 gemessen wurden und 1971 als notorisch unzuverlässige Messung gilt, bilden die anderen drei Jahre die Datengrundlage des Artikels. Obwohl diese Grundlage ziemlich schmal ist, ist sie doch insofern interessant, als sie Messzeitpunkte enthält, die jeweils rund 20 Jahre auseinanderliegen und so doch eine grobe Betrachtung der historischen Entwicklung erlaubt. Aufgrund der schmalen Datenlage handelt es sich aber nicht um ein Prognosemodell.
Zur Messung der Übereinstimmung wurden zwei neue binäre Variablen kreiert, die einen Wert von 1 ausweisen, wenn die vom Befragten gewählte Partei mit der Parteiidentifikation des jeweiligen Elternteils übereinstimmt, und einen Wert von 0, wenn sie dies nicht tun. Teilweise gibt es für gewisse Antwortmöglichkeiten keine Entsprechung in der jeweils anderen Variable, sodass diese spezifischen Fälle nicht in Untersuchung aufgenommen werden konnten.
Es wurden zudem zwei multivariate logistische Regressionen gerechnet, um zu testen, ob die Effekte der im Artikel diskutierten Wählergruppen auch wirklich für sich signifikant sind, d.h. tatsächlich eine gewisse Varianz in der Übereinstimmung zwischen den Elternteilen und ihren Sprösslingen erklären. Dabei wurden jeweils die neu generierten Übereinstimmungsvariablen als abhängige Variable gewählt, während die Alterskategorien und das Geschlecht als erklärende Variablen und das politische Interesse, der Bildungsgrad und das Jahr als Kontrollvariablen benutzt wurden. Die von den Befragten gewählte Partei dagegen wurde nicht in die Regression aufgenommen, da die abhängige Variable eine Datentransformation dieser Variable darstellt und somit a priori schon eine Korrelation gegeben ist.
Die Effekte der Alterskategorien waren in der Regression für die Übereinstimmung mit der Mutter im Vergleich zur Baseline-Kategorie der 18-29-jährigen jeweils für 30-39-jährigen und 40-49-jährigen schwach signifikant, für die 50-59- und 60-69-jährigen dagegen stark signifikant. Für die Übereinstimmung mit dem Vater konnten nur noch schwach signifikante Effekte für die Alterskategorien 3-5 nachgewiesen werden. Weiblichen Befragten konnte dagegen in beiden Regressionen nicht nachgewiesen werden, dass sie stärker mit den jeweiligen Elternteilen übereinstimmen als männliche Befragte. Dies stimmt mit den Befunden weiter oben, im Artikel, überein.
Die Selects-Daten und den verwendeten R-Code zum Nachvollziehen der Datenmanipulation sind hier zu finden

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