{"id":1254,"date":"2014-03-12T17:34:26","date_gmt":"2014-03-12T16:34:26","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=1254"},"modified":"2017-02-23T16:48:53","modified_gmt":"2017-02-23T15:48:53","slug":"1254","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2014\/03\/12\/1254\/","title":{"rendered":"Schweiz: Kein Asylhafen Europas"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der Debatte rund um die \u00d6ffnung der Schweiz gegen aussen spielt die Asylfrage eine grosse Rolle. Oft wird behauptet, die Schweiz trage eine viel zu grosse Last an Asylantr\u00e4gen. Die Gegenseite kontert mit dem Hinweis auf absolute Zahlen und weist auf deren vergleichsweise tiefen Werte hin. Ein Vergleich vorhandener Daten von 1995 bis 2013 zeigt, dass die Schweiz gewichtet nach Wirtschaftskraft und Bev\u00f6lkerungsgr\u00f6sse tats\u00e4chlich europ\u00e4ischer Durchschnitt in Sachen Asylantr\u00e4ge ist &#8211; und nicht der Asylhafen Europas.<\/strong><\/p><p>Es ist ein Bonmot, das jedem bekannt ist, der sich mit Statistiken auseinandersetzt: Mit Zahlen wird gelogen. Das stimmt nicht wirklich. Aber ein bisschen schon. Gehen wir davon aus, dass Daten gem\u00e4ss wissenschaftlichen Standards erfasst werden, dann werden die Zahlen am Ende nicht l\u00fcgen. Das, was wir dann irgendwo in einer Tabelle wiederfinden, hat einen wahrheitsgetreuen Ursprung. Die Frage ist, was mit diesen Zahlen \u00a0gemacht wird. Eine Selektion der Zahlen findet statt, gewisse Faktoren werden beleuchtet, andere nicht. Man kann Zahlen graphisch so darstellen, dass eine Story erz\u00e4hlt wird, und im n\u00e4chsten Schritt dieselben Zahlen so aufbereiten, dass etwas ganz anderes \u00fcbrig bleibt. Sauber mit Zahlen arbeiten heisst, die Darstellung der Zahlen derart transparent zu gestalten, dass diese kritisiert werden kann.<\/p><p>Die Asylzahlen der Schweiz sind Daten, mit denen oben genanntes Spiel oft betrieben wird. Erfasst werden sie vom Bundesamt f\u00fcr Migration, wir k\u00f6nnen davon ausgehen, dass sie nicht verf\u00e4lscht werden. Doch in der politischen Aufarbeitung der Daten werden ganz unterschiedliche Schl\u00fcsse gezogen: F\u00fcr die einen <a title=\"SVP - Parteiprogramm\" href=\"http:\/\/www.svp.ch\/de\/assets\/File\/positionen\/themen\/Asylpolitik.pdf\">&#8222;l\u00e4uft der Asylbereich aus dem Ruder&#8220;<\/a>, f\u00fcr die anderen <a title=\"&quot;Solidarit\u00e9 sans fronti\u00e8res&quot; Generalsekret\u00e4r Casaola im Tagesanzeiger\" href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/schweiz\/standard\/Von-einer-Flutwelle-kann-keine-Rede-sein\/story\/18971652?track\">&#8222;kann von einer Flutwelle nicht die Rede sein&#8220;<\/a>. Aus den exakt selben Zahlen werden sich diametral entgegenstehende Aussagen abgeleitet. Wer hat Recht?<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/cf.datawrapper.de\/HCRSS\/11\/\" height=\"480\" width=\"640\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p><p>Betrachten wir als erstes die Anzahl Asylantr\u00e4ge in der Schweiz verglichen mit anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Aus oben stehender Grafik, welche nur die absoluten Fallzahlen der EU27-Staaten sowie der Schweiz, Norwegen und Island beinhaltet, wird zweierlei klar: Die Schweiz ist europaweit nicht Klassenbeste in Sachen Asylantr\u00e4ge (aber auch nicht die Schlechteste) und die Schweiz macht den Trend der ansteigenden Fallzahlen ab 2006 nicht mit. Das Dublin-Verfahren, an dem sich die Schweiz seit 2008 beteiligt, d\u00fcrfte daf\u00fcr sorgen, dass die Schweiz vom europaweiten Anstieg ab 2006 wenig sp\u00fcrt. Asylsuchende, die die <a title=\"The Migrants Files\" href=\"http:\/\/www.detective.io\/detective\/the-migrants-files\">Hauptmigrationswege<\/a> nutzen und in Griechenland, Italien, Spanien oder Malta erstmals erfasst werden, stellen in diesen L\u00e4ndern ihr Asylgesuch. Wird das Gesuch dort abgelehnt lohnt sich ein weiteres Asylgesuch in der Schweiz kaum, da dieses mit Verweis auf das bereits abgeschlossene Verfahren im vorhergehenden Land abgelehnt werden sollte.<\/p><p>Fakt ist (wie von links moniert), dass die Schweiz als Binnenland verglichen mit anderen L\u00e4ndern europaweit nicht die meisten Asylantr\u00e4ge bearbeitet. Von rechts wird darauf oft entgegnet, dass das zwar stimme, der Vergleich aber wenig Sinn mache. Denn es sei klar, dass die Schweiz mit L\u00e4ndern wie Deutschland oder Frankreich nicht mithalten k\u00f6nne. Schliesslich sei die Schweiz viel kleiner und \u00fcberhaupt bearbeite sie im Vergleich der L\u00e4nder pro 1000 Einwohner sogar sehr viele Asylantr\u00e4ge. Stimmt das?<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/cf.datawrapper.de\/LKVBX\/4\/\" height=\"480\" width=\"648\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p><p>Ja, es stimmt. Geschlagen wird die Schweiz 2013 nur von Schweden und Malta, welche pro 1000 Einwohner mehr Asylantr\u00e4ge bearbeiten als die Schweiz. Auch im R\u00fcckblick gibt die Schweiz keine schlechte Figur ab, geh\u00f6rt eher zu den L\u00e4ndern, welche pro 1000 Einwohner viele Asylantr\u00e4ge bearbeiten. Ist die Schweiz nun der Asylhafen Europas, welcher eine vergleichsweise zu hohe Asyllast tr\u00e4gt? Die Frage muss gestellt werden, ob ein Vergleich der Anzahl Antr\u00e4ge pro 1000 Einwohner viel sinnvoller ist als der Vergleich der absoluten Zahlen. Ein Beispiel: Griechenland und Belgien haben beide ungef\u00e4hr 11 Millionen Einwohner. Doch w\u00fcrde es wohl niemanden in den Sinn kommen, die zwei L\u00e4nder gleichzustellen. Das Bruttoinlandprodukt von Belgien bewegt sich 2013 bei ungef\u00e4hr 381 Milliarden Euro, w\u00e4hrend dasjenige von Griechenland rund 200 Milliarden Euro tiefer ist. Vergleichbare L\u00e4nder mit \u00e4hnlichen Voraussetzungen, Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen? Kaum.\u00a0 Unterstrichen wird dies auch von der aktuellen Praxis der Schweiz, Dublin-F\u00e4lle (also Menschen, die vor dem Asylantrag in der Schweiz bereits einen Antrag in Griechenland stellten) nicht zur\u00fcck nach Griechenland zu schicken.<\/p><p>Ein Vorschlag, der von der <a title=\"FDP - Europ\u00e4ischer Verteilungsschl\u00fcssel\" href=\"http:\/\/www.europahirsch.eu\/politisch\/ausschusse\/ausschuss-burgerliche-freiheiten-justiz-inneres\/asylpaket\/europaischer-verteilungsschlussel-fur-asylsuchende\/\">deutschen FDP<\/a> in der Europa-Politik forciert wird, setzt die Anzahl Asylantr\u00e4ge mit der Bev\u00f6lkerungsgr\u00f6sse und der Wirtschaftsst\u00e4rke eines Landes in Relation. Ein System, das in Deutschland unter dem Namen K\u00f6nigsteiner Schl\u00fcssel bereits angewendet wird &#8211; auch in <a title=\"K\u00f6nigsteiner Schl\u00fcssel: Dt. Asylwesen\" href=\"http:\/\/www.bamf.de\/EN\/Migration\/AsylFluechtlinge\/Asylverfahren\/Verteilung\/verteilung-node.html\">Asylfragen<\/a>. Der Vorschlag ist folgendermassen: Der BIP-Anteil eines Landes am Gesamt-Europa-BIP wird mit zwei multipliziert. Dazu gerechnet wird der Bev\u00f6lkerungsanteil eines Landes an der Gesamtbev\u00f6lkerung. Dieser Prozentsatz wird durch drei geteilt, daraus ergibt sich wie viele Asylantr\u00e4ge die einzelnen L\u00e4nder von allen Asylantr\u00e4ge in Europa bearbeiten sollten. Ein Prinzip, dass die Asyllast der einzelnen L\u00e4nder fairer verteilen soll als das Jetzige, in welchem die Asyllast prim\u00e4r \u00fcber geographische Gegebenheiten verteilt wird.<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/cf.datawrapper.de\/RjVy9\/3\/\" height=\"480\" width=\"640\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/cf.datawrapper.de\/I8YwX\/7\/\" height=\"480\" width=\"640\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p><p>Die Zahlen sind eindeutig: Berechnet man f\u00fcr die 30 ber\u00fccksichtigten L\u00e4nder ihren jeweiligen Anteil an Asylantr\u00e4gen gem\u00e4ss dem K\u00f6nigsteiner Schl\u00fcssel und vergleicht man diesen Sollwert mit dem tats\u00e4chlichen Wert, dann ist die Schweiz biederer Durchschnitt. Ihre Abweichung vom Sollwert ist \u00fcber die Jahre hinweg minim (mit der Ausnahme von 2000), sie macht nicht mehr und nicht weniger als ihr zusteht. Es sind L\u00e4nder entlang der Hauptmigrationsrouten wie Spanien oder Griechenland, die verglichen mit der Situation bei einer Verteilung nach K\u00f6nigsberger Schl\u00fcssel aktuell viel zu stark belastet werden (L\u00e4nder mit einem positiven Wert bearbeiteten mehr Asylantr\u00e4ge als ihnen gem\u00e4ss dem Schl\u00fcssel zugeteilt worden w\u00e4ren). L\u00e4nder wie Island (fernab der Migrationsrouten) oder Holland bilden den Abschluss der Liste. Sie nehmen viel weniger Asylantr\u00e4ge entgegen als ihnen gem\u00e4ss ihrer Bev\u00f6lkerungszahl und ihrem BIP zustehen w\u00fcrde.<\/p><p>Sch\u00f6n zurecht gelegt k\u00f6nnen die Daten allen recht geben. Der Vergleich der absoluten Zahlen zeigt, dass die Schweiz nur Durchschnitt ist, w\u00e4hrend ein Vergleich der Zahlen pro 1000 Einwohner den Eindruck hinterl\u00e4sst, dass die Schweiz ganz vorne mit dabei ist. Die Frage ist, welche Kontextfaktoren man politisch und \u00f6konomisch wichtig findet und entsprechend in den Vergleich miteinbezieht. Die im K\u00f6nigsberger Schl\u00fcssel vorgeschlagenen Faktoren erscheinen intuitiv sinnvoll, die Anwendung des Schl\u00fcssels ist sowohl in der Praxis erprobt wie auch nicht \u00fcberm\u00e4ssig komplex. W\u00fcrden Asylantr\u00e4ge gem\u00e4ss diesem System verteilt, dann h\u00e4tte die Schweiz keinerlei Grund, sich als Asylhafen Europas zu sehen, welcher \u00fcberrannt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Debatte rund um die \u00d6ffnung der Schweiz gegen aussen spielt die Asylfrage eine grosse Rolle. Oft wird behauptet, die Schweiz trage eine viel zu grosse Last an Asylantr\u00e4gen. Die Gegenseite kontert mit dem Hinweis auf absolute Zahlen und weist auf deren vergleichsweise tiefen Werte hin. 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