{"id":14037,"date":"2017-12-17T23:37:24","date_gmt":"2017-12-17T22:37:24","guid":{"rendered":"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/?p=14037"},"modified":"2018-01-12T12:04:06","modified_gmt":"2018-01-12T11:04:06","slug":"hotel-mama-zu-bequem-um-auszuziehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2017\/12\/17\/hotel-mama-zu-bequem-um-auszuziehen\/","title":{"rendered":"Hotel Mama &#8211; zu bequem um auszuziehen?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein voller K\u00fchlschrank, frische W\u00e4sche, geb\u00fcgelte Hemden &#8211; das Hotel Mama ist wieder in! Anstatt nach Unabh\u00e4ngigkeit zu streben, scheinen junge Leute in den letzten Jahrzehnten immer h\u00e4ufiger den Komfort im Elternhaus zu suchen. Glaubt man dem Klischee, werden vor allem Kinder aus Einwanderer-Familien gerne bis ins Erwachsene Alter von Mama umsorgt. Ein Vorurteil oder steckt wirklich etwas dahinter?\u00a0 <\/strong><\/p><p>Laut dem Bundesamt f\u00fcr Statistik verliessen Jugendliche in den 1970er das Elternhaus bereits mit 20 Jahren. Heutzutage scheint die Suche nach der Unabh\u00e4ngigkeit immer sp\u00e4ter stattzufinden. Wird unsere Generation zu Nesthockern oder l\u00e4sst sich diese Entwicklung etwa auf Einwanderer-Familien zur\u00fcckf\u00fchren? Die Grafik zeigt, wie sich die Wohnsituation von jungen Leuten in der Stadt Z\u00fcrich zwischen 2013 und 2016 ver\u00e4ndert hat, aufgeteilt nach Nationalit\u00e4t.<\/p><p><!-- iframe plugin v.6.0 wordpress.org\/plugins\/iframe\/ --><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Plot-1.html\" width=\"250%\" height=\"550\" scrolling=\"no\" class=\"iframe-class\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p><p><strong>Verw\u00f6hnte Kinder oder traditionsbewusste Eltern?<\/strong><\/p><p>Im Alter von 15 bis 19 Jahren zieht nur ein Bruchteil der Jugendlichen schon von zu Hause aus und das unabh\u00e4ngig von der Nationalit\u00e4t. Spannend wird es in der Altersklasse zwischen 20 und 24. Hier sind deutliche Unterschiede zwischen den Nationen erkennbar. Etwa die H\u00e4lfte der Schweizerinnen und Schweizer wohnt in diesem Alter noch zu Hause. Bei Familien aus dem Balkan, der T\u00fcrkei und Sri Lanka ist es ein weit h\u00f6herer Anteil. Das Klischee der Nesthocker aus dem S\u00fcden scheint sich im Vergleich zu Westeurop\u00e4ern zu best\u00e4tigen.<\/p><p>Wer bei Mama wohnt muss oft weder putzen, waschen noch kochen, sondern wird rundum von den Eltern verw\u00f6hnt. Die Unterschiede in der Grafik legen nah, dass vor allem Kinder aus bestimmten Nationen diese Dienste zu beanspruchen scheinen. Werden Kinder aus dem Balkan, der T\u00fcrkei und Sri Lanka etwa zu unselbstst\u00e4ndigen Mutters\u00f6hnchen- und T\u00f6chterchen erzogen? Tats\u00e4chlich ist Bequemlichkeit h\u00e4ufig ein Hindernis, das Nest zu verlassen. Dies trifft jedoch genau so auf Schweizer wie auf Migranten zu und sollte daher keineswegs ein Bild von faulen oder verw\u00f6hnten Migrantenkindern zeichnen (Marty 2013). Vielmehr sind es die Familienstruktur und verankerte Traditionen, die den Schritt\u00a0zum Auszug erschweren. (S\u00fcd-)Osteurop\u00e4ische L\u00e4nder gelten als kollektivistische Kulturen, in denen das Gef\u00fchl von Gemeinschaftlichkeit, gegenseitiger Abh\u00e4ngigkeit und famili\u00e4rem Zusammenhalt st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt ist als in individualistischen Gesellschaften wie der Schweiz (Hofstede 2003). Folglich ist zu erwarten, dass Einwanderer aus S\u00fcdeuropa, dem Balkan und t\u00fcrkischst\u00e4mmige Familien in der Schweiz ein hohes famili\u00e4res Solidarit\u00e4tspotential aufweisen und deshalb die Eltern vergleichsweise erst sp\u00e4ter &#8222;verlassen&#8220;.<\/p><p>Traditionell bedingt\u00a0bleiben viele \u00abKinder\u00bb aus diesen Kulturkreisen\u00a0bis zur Hochzeit bei den Eltern wohnen. F\u00fcr einige Familien w\u00e4re es gar eine Schande, wenn das Kind vor der Ehe auszieht. Dies best\u00e4tigt auch die Grafik: Leute aus dem Balkan, Sri Lanka und der T\u00fcrkei wohnen auch zwischen 25 und 29 vergleichsweise h\u00e4ufig noch \u00abzu Hause\u00bb. Ein tieferer Blick in die Daten zeigt, dass hierbei in vielen F\u00e4llen schon vor 2013 eine eigene Familie gegr\u00fcndet wurde und diese Personen deshalb\u00a0den eigenen Familienhaushalt als\u00a0Haushaltskategorie \u00abzu Hause\u00bb angeben.<\/p><p>Neben dem traditionellen Aspekt spielen auch \u00f6konomische Gr\u00fcnde eine wichtige Rolle. Familien aus den besprochenen L\u00e4ndern geh\u00f6ren h\u00e4ufig noch zu einer einkommensschwachen gesellschaftlichen Schicht und k\u00f6nnen daher ihren Kindern vergleichsweise wenig finanzielle Unterst\u00fctzung bei einer eigenen Wohnung bieten.<\/p><p><strong>Italiener, Spanier und Portugiesen entkommen dem Image der \u00abMama Kinder\u00bb &#8211; zumindest in Z\u00fcrich<\/strong><\/p><p>Das wohl bekannteste Klischee ist das der italienischen Mutters\u00f6hnchen und der S\u00fcdeurop\u00e4ern, die sich nicht vom Elternhaus l\u00f6sen k\u00f6nnen. Wie die Grafik zeigt, scheint dieses Vorurteil zumindest f\u00fcr Italiener, Spanier und Portugiesen in Z\u00fcrich \u00fcberwunden zu sein. Mit 20 bis 24 Jahren ist schon \u00fcber die H\u00e4lfte von zu Hause ausgezogen, \u00e4hnlich wie in Schweizer Familien. Auff\u00e4llig ist der Unterschied zu anderen westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern in dieser Alterskategorie. Deutsche, Franzosen und Niederl\u00e4nder wagen den Schritt zur Unabh\u00e4ngigkeit schon um einiges fr\u00fcher. 2013 wohnten \u00fcber dreiviertel von ihnen schon in einem eigenen Haushalt. Dieser grosse Unterschied zur Schweiz l\u00e4sst sich wahrscheinlich darauf zur\u00fcckf\u00fchren, dass es sich dabei h\u00e4ufig um Studenten handelt, die schon alleine in die Schweiz gezogen sind. Ein anderer Faktor ist, dass auch eingeb\u00fcrgerte Migrantinnen und Migranten zur Nationalit\u00e4t &#8222;Schweiz&#8220; geh\u00f6ren. Zwischen 25 und 29 Jahren haben auch \u00fcber 75% der Schweizerinnen und Schweizer den Auszug aus dem Elternhaus geschafft und\u00a0erreichen\u00a0eine \u00e4hnliche Quote wie der Rest der Westeurop\u00e4er.<\/p><p><strong>Flexibilit\u00e4t statt Unabh\u00e4ngigkeit<\/strong><\/p><p>Das Auszugsalter ist also in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Schnell werden Jugendliche\u00a0deswegen als faul und unselbstst\u00e4ndig abgestempelt. Dabei handelt es sich aber l\u00e4ngst nicht immer um bequeme Nesthocker. Laut einer Studie von <a href=\"https:\/\/www.comparis.ch\/comparis\/press\/medienmitteilungen\/artikel\/2017\/immobilien\/nesthocker\/hotel-mama\">comparis.ch<\/a> ist meist die finanzielle Situation f\u00fcr den Aufenthalt im Hotel Mama entscheidend. \u00dcber die H\u00e4lfte der Befragten gab an, sich keine Wohnung leisten zu k\u00f6nnen. Dies ist in allen Altersklassen der Hauptgrund \u2013 sei es wegen einer Ausbildung, eines zu geringen Einkommens oder aufgrund von Arbeitslosigkeit. Jeder Zweite geniesst die All-inclusive Betreuung der Eltern gratis und muss zu Hause nichts abgeben. Vielen Jugendlichen geht es aber auch darum, nicht auf einen gewissen Lebensstandard verzichten zu m\u00fcssen \u2013 neue Kleider, Ferien und Ausgang geh\u00f6ren dazu. F\u00fcr diese finanzielle Flexibilit\u00e4t gibt man gerne ein St\u00fcck Unabh\u00e4ngigkeit her.<\/p><p>Die zweite Grafik zeigt, in welchen Altersklassen welcher Haushaltstyp bei Z\u00fcrcherinnen und Z\u00fcrchern unabh\u00e4ngig der Nationalit\u00e4t am beliebtesten ist. Ziemlich eindeutig ist die Wohnsituation der 15 bis19-J\u00e4hrigen. Diese scheinen sich bei den Eltern am wohlsten zu f\u00fchlen. In der n\u00e4chsten Alterskategorie liefert sich das Elternhaus ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Wohngemeinschaft. Auch Zweipersonenhaushalte kommen h\u00e4ufig vor. Die Daten bilden jedoch nur die Stadt Z\u00fcrich ab, wo Wohngemeinschaften wegen der Universit\u00e4tsn\u00e4he vermutlich beliebter sind als in anderen St\u00e4dten und auf dem Land. Die Kategorien, die f\u00fcr das \u00abHotel Mama\u00bb stehen, nehmen dann zwischen 25 und 29 Jahren\u00a0eindeutig ab. Hier herrscht der Zweipersonenhaushalt vor, aber auch Wohngemeinschaften und Einpersonenhaushalte sind gut vertreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-14811\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Rplot09.jpeg\" alt=\"\" width=\"839\" height=\"552\" srcset=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Rplot09.jpeg 839w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Rplot09-300x197.jpeg 300w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Rplot09-768x505.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 839px) 100vw, 839px\" \/><\/p>\n<h3>Informationen zum Blogbeitrag<\/h3><p>Verfasserin: Blerta Salihi, Matrikelnummer: 12-758-736, Mail: blerta.salihi@uzh.ch<br \/>\nAbgabe: 17.12.2017<br \/>\nVeranstaltung: Forschungsseminar Politischer Datenjournalismus, Universit\u00e4t Z\u00fcrich<br \/>\nDozierende Personen: Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. des. Bruno W\u00fcest, Alexandra Kohler<br \/>\nAnzahl W\u00f6rter:\u00a0863<\/p><p><strong>Daten<\/strong><\/p><p>Der Blogbeitrag basiert auf Daten der Statistik Stadt Z\u00fcrich, welche im Rahmen\u00a0des Forschungsseminars politischer Datenjournalismus dem Institut f\u00fcr Politikwissenschaft zur Verf\u00fcgung gestellt wurden.<\/p><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><p>Hofstede, G. (2003):\u00a0<em>Culture&#8217;s consequences: Comparing values, behaviors, institutions and organizations across nations<\/em>. Sage publications.<\/p><p>Marty, S. (2015):\u00a0\u00abEs ist cool geworden, bei den Eltern zu wohnen\u00bb. (<a href=\"http:\/\/www.20min.ch\/schweiz\/news\/story\/20145147\">http:\/\/www.20min.ch\/schweiz\/news\/story\/20145147<\/a>[Stand 17.12.2017]).<\/p><p>Spielhofer, N. (2017):\u00a0Fast jeder zweite Nesthocker wohnt gratis im Hotel Mama. (<a href=\"https:\/\/www.comparis.ch\/comparis\/press\/medienmitteilungen\/artikel\/2017\/immobilien\/nesthocker\/hotel-mama\">https:\/\/www.comparis.ch\/comparis\/press\/medienmitteilungen\/artikel\/2017\/immobilien\/nesthocker\/hotel-mama<\/a>[Stand 17.12.2017]).<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><strong>Beitragsbild:\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/dierkschaefer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">dierck schaefer<\/a>\u00a0|\u00a0<a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/dierkschaefer\/3355752505\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Flickr<\/a>\u00a0<i>|\u00a0<\/i><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">CC BY-SA 2.0<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein voller K\u00fchlschrank, frische W\u00e4sche, geb\u00fcgelte Hemden &#8211; das Hotel Mama ist wieder in! 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