{"id":15719,"date":"2018-05-27T19:27:44","date_gmt":"2018-05-27T17:27:44","guid":{"rendered":"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/?p=15719"},"modified":"2018-06-14T18:18:02","modified_gmt":"2018-06-14T16:18:02","slug":"augustreden-und-neujahrsansprachen-partepolitisch-gefaerbt-historisch-bedingt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2018\/05\/27\/augustreden-und-neujahrsansprachen-partepolitisch-gefaerbt-historisch-bedingt\/","title":{"rendered":"Augustreden und Neujahrsansprachen: Partepolitisch gef\u00e4rbt, historisch bedingt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zweimal im Jahr wendet sich die Bundespr\u00e4sidentinnen oder der Bundespr\u00e4sident mit einer Neujahrsansprache und einer Augustrede an das Volk. <\/strong><strong>Eine Analyse der Reden zeigt, dass diese <\/strong><strong>parteipolitischen Kriterien unterstehen und historische Ereignisse widerspiegeln.<\/strong><\/p><p>In Kandersteg, einem kleinen \u00d6rtchen im Berner Oberland, wurde um die Jahrtausendwende Geschichte geschrieben. Protagonisten waren ein T\u00e4nnlein, ein Tunnel, ein Teleprompter und ein tapferer Bundespr\u00e4sident. Doch alles der Reihe nach: Es schneite flaumige Flocken als sich Adolf Ogi vor dem Nordportal des L\u00f6tschbergtunnels neben eine kleine Tanne stellte, um die offizielle Neujahrsansprache zu halten. Selbst die Inszenierung mit Tunnel und T\u00e4nnlein h\u00e4tte wohl f\u00fcr Gel\u00e4chter gesorgt. Zum Verh\u00e4ngnis wurde Ogi jedoch der Teleprompter. Tapfer versuchte er seinen markigen Worten mit pr\u00e4sidentieller Gestik und zuversichtlich-autorit\u00e4rer Tonlage Gewicht zu verleihen. Die zusammengekniffenen Augen und die stockende Stimme verrieten jedoch seine Leseschwierigkeiten. F\u00fcr diese Darbietung erntete der neue Bundespr\u00e4sident kurzfristig Hohn und Spott, l\u00e4ngerfristig trug sie ihm jedoch viel Sympathie ein und blieb unvergessen. Nach dem Inhalt der \u201eJahrtausendrede\u201c gefragt, m\u00fcssten die meisten aber passen. Und so geht es uns mit den meisten Neujahrsansprachen und Augustreden. Dabei bietet dieser zweij\u00e4hrliche Fernsehauftritt den Bundespr\u00e4sidentinnen und Bundespr\u00e4sidenten eine einmalige Gelegenheit, die politische Richtung ihrer Amtszeit vorzugeben. Indem 34 Augustreden und 42 Neujahrsansprachen einer automatisierten Textanalyse unterzogen und sogenannte Topic Models generiert werden, kann herausgefunden werden, welchen Themen sich die Rednerinnen und Redner bedienen.<\/p><p><strong>Mit Zuversicht ins neue Jahr<\/strong><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-15978\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/g1-8-1024x969.png\" alt=\"\" width=\"780\" height=\"738\" srcset=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/g1-8-1024x969.png 1024w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/g1-8-300x284.png 300w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/g1-8-768x727.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 780px) 100vw, 780px\" \/><\/p><p>Adolf Ogis Rede rief zur Zuversicht auf. Daf\u00fcr stand das Nordportal des L\u00f6tschbergtunnels, \u201eein Jahrhundertwerk, erbaut zwischen 1906 und 1912. Geplant von zuversichtlichen und weitsichtigen Menschen.\u201c Und sie stand f\u00fcr eine selbstbewusste Schweiz \u201eim Konzert der Nationen.\u201c Daf\u00fcr stand das T\u00e4nnlein, das trotz der Diversit\u00e4t seiner \u00c4ste eine Einheit war und bald zu einem starken Baum heranwachsen w\u00fcrde. Tats\u00e4chlich betonen die Bundesr\u00e4tinnen und Bundesr\u00e4te in ihren Neujahrsansprachen typischerweise den Wohlstand und das wirtschaftliche Potential der Schweiz und schauen zuversichtlich in die Zukunft. Die absoluten Protagonisten von Neujahrsansprachen sind allerdings Krisen, Sorgen und Probleme. Auch geht es weit h\u00e4ufiger um Frieden und soziale Anliegen als um die Wirtschaft. Dies zeigt ein Blick auf die H\u00e4ufigkeitsverteilung von den Themen der Neujahrsansprachen seit 1972. Am Anfang ihrer Reden halten die Bundesr\u00e4tinnen und Bundesr\u00e4te n\u00e4mlich gerne ein Kurzreferat \u00fcber die Herausforderungen der Zeit: \u201eIm vergangenen Jahr ist manches geschehen, was uns verunsichert. Zuerst hat der starke Franken viele Betriebe ersch\u00fcttert. Und zuletzt haben uns Terror, Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me und Konflikte gezeigt, wie schnell aus Risiken Dramen werden\u201c, fasste beispielsweise Johann Schneider-Ammann das Jahr 2015 zusammen.<\/p><p><strong>Viel Patriotismus am Nationalfeiertag<\/strong><\/p><p>Ganz anders aufgebaut sind 1. August-Reden. Weit st\u00e4rker als in den Neujahrsansprachen kommt der Nationalstolz zum Zug. Am h\u00e4ufigsten wird an die Solidarit\u00e4t der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcber Kantonsgrenzen hinweg appelliert. Aber auch das Zeichnen einer freiheitlichen Schweiz mitten in Europa oder das Herausstreichen der helvetischen Besonderheiten sind beliebte Elemente \u2013\u00a0und zwar \u00fcber die Parteigrenzen hinweg. \u201e\u00dcberall beneidet man uns um unsere Errungenschaften\u201c, behauptete Doris Leuthard 2017. \u00dcberraschenderweise war es auch kein SVP-Vertreter, der 2007 stolz an den 716. Geburtstag der Schweiz erinnerte und f\u00fcr den Beibehalt der Schweizer Traditionen pl\u00e4dierte, sondern SP-Bundespr\u00e4sidentin Micheline Calmy-Rey.<\/p><p><strong>Stolze SP, zuversichtliche FDP <\/strong><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-15980\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/g2-2-1024x963.png\" alt=\"\" width=\"780\" height=\"734\" srcset=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/g2-2-1024x963.png 1024w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/g2-2-300x282.png 300w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/g2-2-768x723.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 780px) 100vw, 780px\" \/><\/p><p>Calmy-Reys Themenwahl \u00fcberrascht. Noch \u00fcberraschender ist jedoch die Feststellung, dass Gr\u00fcndungsstolz \u00fcber alle Reden hinweg gesehen das beliebteste Element in Reden von SP Bundesr\u00e4ten ist. Gerade im Falle der Genferin lohnt sich aber ein Blick auf den Inhalt. Hier offenbart sich n\u00e4mlich, dass Calmy-Rey trotz dem R\u00fcckgriff auf patriotische Phrasen auf SP-Parteilinie bleibt und diese sogar nutzt, um ihr Argument einer offenen, demokratischen und solidarischen Schweiz voranzubringen. Auch Umweltthemen vermag sie geschickt in ihre patriotische Rhetorik einzuflechten. \u201eWir sind b\u00e4uerlicher Herkunft\u201c, sagt sie und argumentiert in politisch gr\u00fcner Manier: \u201eWir wissen, dass wir das Land, die Landschaft und die Umwelt erhalten und pflegen m\u00fcssen.\u201c \u00c4hnlich geht Calmy-Rey in ihrer Augustrede von 2011 vor. \u201eSchweiz, Freiheit, Europa\u201c, ein Thema, das andere SP-Bundespr\u00e4sidentinnen und \u2013Pr\u00e4sidenten kaum anschnitten, nutzte sie, um an eine mutige und aktive Schweiz im Konzert der Nationen zu appellieren. Somit unterscheidet sich ihre Argumentation deutlich von jener des SVP-Bundesrates Ueli Maurer, dessen Rede dem selben Thema zugeordnet wurde, der aber gegen die Europ\u00e4ische Union und internationale Institutionen donnerte und sich f\u00fcr eine freie und unabh\u00e4ngige Schweiz einsetzte. Generell betonen die SVP-Bundesr\u00e4te in ihren Ansprachen h\u00e4ufig die Besonderheit der Schweiz und prophezeien ihr eine rosige Zukunft dank starker Wirtschaft und Demokratie. Der soziale Part kommt dagegen der CVP zu, deren Bundesr\u00e4tinnen und Bundesr\u00e4te gerne mit den Schlagworten \u201eWelt\u201c, \u201eFrieden\u201c und \u201eSozial\u201c operieren. Am 1. Januar 1990 erinnerte Arnold Koller dementsprechend an \u201edie Kranken, Gebrechlichen, Benachteiligten [in der Schweiz und an] die Verfolgten, Entrechteten, Hungernden im Ausland.\u201c Parteibuchkonform sprechen schliesslich die Vertreterinnen und Vertreter der FDP; in ihren Reden stehen Wirtschaft und Wohlstand oft an erster Stelle.<\/p><p><strong>Reden als Spiegel historischer Ereignisse<\/strong><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-15976\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/g3-3-1024x883.png\" alt=\"\" width=\"780\" height=\"673\" srcset=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/g3-3-1024x883.png 1024w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/g3-3-300x259.png 300w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/g3-3-768x662.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 780px) 100vw, 780px\" \/><\/p><p>Die pr\u00e4sidentiellen Reden nur nach parteipolitischen F\u00e4rbungen hin zu untersuchen, griffe aber zu kurz. Sie sind auch gepr\u00e4gt von historischen Ereignissen. Als die Schweizer Frauen 1971 das Stimmrecht erhielten, unterliess es FDP-Bundespr\u00e4sident Nello Celio 1972 nicht, dies in seine Neujahrsansprache einzuflechten. Er w\u00fcrdigte den steinigen und m\u00fchsamen Weg der \u201eSchweizerfrau\u201c zur politischen Teilhabe und hiess sie so in der politischen Gemeinschaft willkommen \u2013\u00a0Gemeinschaft war denn auch das Thema seiner Rede. Ein Jahr sp\u00e4ter kam es zur \u00d6lkrise. Die Schweizer Strassen blieben drei Sonntage im November autofrei und wurden durch Fahrr\u00e4der ersetzt. Bundespr\u00e4sident Ernst Brugger mahnte in seiner Neujahrsansprache: \u201eDie Zeiten des \u00dcberflusses und der Vergeudung [sind] endg\u00fcltig vorbei. Seine Rede stand \u2013\u00a0selbstverst\u00e4ndlich \u2013\u00a0im Zeichen der wirtschaftlich angespannten Lage. Dies wiederholte sich anfangs der 1990er-Jahre und 2009, als die Wirtschaft erneut kriselte. Und als 1989 die Mauer fiel, sich ein Zerfall des Ostblockes abzeichnete und in Z\u00fcrich eine immer gr\u00f6ssere offene Drogenszene entstand, stand Arnold Kollers Neujahrsansprache im Zeichen von Frieden und Sozialem. Und so ist nicht immer ganz klar, was von Parteiprogramm und was historischen Gegebenheiten gepr\u00e4gt ist. Eines ist allerdings sicher; auch wenn sowohl Neujahrsansprachen und Augustreden einem immer \u00e4hnlichen Aufbau unterlegen sind, setzten die Bundespr\u00e4sidentinnen und -pr\u00e4sidenten durchaus eigene Akzente. Und dies betrifft nun nicht die Inszenierung \u2013\u00a0beispielsweise mit T\u00e4nnlein, Tunnel und Teleprompter \u2013\u00a0 sondern den Text.<\/p><p><em>Chantal Marquart<\/em><\/p>\n<h6><strong>Informationen zum Blogbeitrag<\/strong><\/h6>\n<h6>Verfasserin: Chantal Marquart | Matrikelnummer: 13-763-13 | chantalmirja.marquart@uzh.ch<\/h6>\n<h6>Abgabedatum: 27.05.2018<\/h6>\n<h6>Dozierende: Dr. Bruno W\u00fcest, Alexandra Kohler<\/h6><p>Wortzahl: 980<\/p><p><strong>Informationen zur Methode<\/strong><\/p><p>Die Daten, auf denen dieser Blogbeitrag basiert, stammen von der Webseite des Bundes. Auf einer Unterseite werden 42 Neujahrsansprachen (1972-1974, 1980-2018) und 34 Augustreden ( 1978, 1985-2017) aufgef\u00fchrt. Die Reden wurden mittels R von der Website gescraped und mit dem dem stm-package bearbeitet. Die Suche nach der optimalen Anzahl Topic Models hat die im Text vorgestellten Themen ergeben. F\u00fcr jedes Topic Model schl\u00e4gt R passende Begriffe vor. Manuell wurden jeweils drei bis vier ausgew\u00e4hlt, um die Themen m\u00f6glichst aussagekr\u00e4ftig zusammenfassen zu k\u00f6nnen. Anschliessend wurde von jeder Rede das proportional st\u00e4rkste Thema herausgeschrieben. F\u00fcr die weitere Analyse und die Visualisierungen wurden nur diese so generierten Themen verwendet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweimal im Jahr wendet sich die Bundespr\u00e4sidentinnen oder der Bundespr\u00e4sident mit einer Neujahrsansprache und einer Augustrede an das Volk. Eine Analyse der Reden zeigt, dass diese parteipolitischen Kriterien unterstehen und historische Ereignisse widerspiegeln.In Kandersteg, einem kleinen \u00d6rtchen im Berner Oberland, wurde um die Jahrtausendwende Geschichte geschrieben. 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