{"id":22097,"date":"2021-08-30T09:03:06","date_gmt":"2021-08-30T07:03:06","guid":{"rendered":"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/?p=22097"},"modified":"2024-10-14T21:32:38","modified_gmt":"2024-10-14T19:32:38","slug":"skepsis-und-polarisierung-auf-dem-land-sieht-man-die-corona-massnahmen-kritischer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2021\/08\/30\/skepsis-und-polarisierung-auf-dem-land-sieht-man-die-corona-massnahmen-kritischer\/","title":{"rendered":"Skepsis und Polarisierung: Auf dem Land sieht man die Corona-Massnahmen kritischer"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><em>Die Corona-Pandemie spaltet die Schweiz. Romandie und Deutschschweiz sind sich bez\u00fcglich Pandemiebek\u00e4mpfung selten einig. Doch auch zwischen Stadt und Land scheint es Differenzen zu geben. <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Stadt-Land-Graben ist eine Konstante in der schweizerischen Politik. Das zeigt sich immer wieder an den Abstimmungssonntagen. J\u00fcngstes Bespiel in einer langen Reihe ist das Scheitern der Konzernverantwortungsintitative. Sie wurde in l\u00e4ndlich gepr\u00e4gten Gebieten abgelehnt. In den grossen St\u00e4dten ist das Anliegen hingegen auf viel Zustimmung gestossen.  Aktuelle Studien zeigen, dass sich die Differenzen zwischen Stadt und Land akzentuieren und die Schweiz mittlerweile tiefer spalten als der &#8222;R\u00f6stigraben&#8220;. <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"[1] (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/politische-landschaft-differenzen-zwischen-stadt-und-land-spalten-tiefer-als-sprache\" target=\"_blank\">[1]<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Corona-Pandemie ist viel \u00fcber die Unterschiede zwischen den Sprachregionen geschrieben und diskutiert worden. Gegenseitige Vorw\u00fcrfe und Schuldzuweisungen waren im Herbst beinahe an der Tagesordnung. Der Stadt-Land-Graben fand weit weniger Beachtung. Eine Studie der Universit\u00e4t Basel zeigt aber, dass es zumindest in der ersten Phase der Pandemie in puncto Arbeitssituation Unterschiede zwischen Stadt und Land gegben hat. Die Kurzfassung: je st\u00e4dtischer die Region, desto verbreiter ist Homeoffice unter den Arbeitnehmenden.<a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"[2] (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/cieb.shinyapps.io\/HomeOffice_CH\/\" target=\"_blank\">[2]<\/a> Eine Auswertung der Bev\u00f6lkerungsumfragen von Sotomo legt den Schluss nahe, dass es auch Unterschiede bez\u00fcglich Akzeptanz der vom Bundesrat beschlossenen Corona-Massnahmen gibt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Versammlungsverbote werden auf dem Land kritischer gesehen<\/h3>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich stossen die politischen Massnahmen zur Pandemiebek\u00e4mpfung in l\u00e4ndlichen Gebieten auf weniger Zustimmung als in den grossen St\u00e4dten. Anfang Juni wurden Einschr\u00e4nkungen der Bewegungsfreiheit in l\u00e4ndlichen Gemeinden von 27 Prozent der Befragten als \u00fcbertrieben wahrgenommen. In den grossen St\u00e4dten wie Z\u00fcrich, Basel oder Bern teilten nur 21 Prozent diese Ansicht. Konkret ging es um das Verbot von Menschenansammlungen mit mehr als dreissig Personen in der \u00d6ffentlichkeit. Dieses wurde erst mit den grossen Lockerungsschritten vom 21. Juni gekippt. Es folgte die tr\u00fcgerische Sicherheit im Sommer, bevor die Fallzahlen Anfang Oktober stark zugenommen haben. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"796\" src=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Different-1-1024x796.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-22609\" srcset=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Different-1-1024x796.png 1024w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Different-1-300x233.png 300w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Different-1-768x597.png 768w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Different-1-1536x1195.png 1536w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Different-1-2048x1593.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Am 18. Oktober reagierte der Bundesrat auf die anrollende zweite Welle der Pandemie. Per 19. Oktober wurde wieder ein Verbot von Menschenansammlungen, diesmal mit mehr als 15 Personen, beschlossen. Diese Versch\u00e4rfung der Massnahmen empfand wiederum ein betr\u00e4chtlicher Teil der Bev\u00f6lkerung als zu weitgehend. Auch die unterschiedliche Wahrnehmung zwischen Stadt und Land blieb bestehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur die Versammlungsverbote gingen vielen zu weit, sondern auch die Einschr\u00e4nkung von Gesch\u00e4ften und Dienstleitungsangeboten sowie das Verbot von grossen Events. Im Juni fanden in l\u00e4ndlichen Gebieten knapp 30 Prozent der Befragten, dass der Bundesrat mit solchen Massnahmen \u00fcbertreibe. In den grossen St\u00e4dten waren es 22 Prozent. Dasselbe Bild zeigt sich in der zweiten Welle der Pandemie. Mitte Oktober beschloss der Bundesrat einschneidende Massnahmen f\u00fcr Clubs, Bars und Restaurants. Essen und Trinken war nur noch sitzend erlaubt. Solche Vorschriften wurden im l\u00e4ndlichen Raum wiederum kritischer gesehen, als in den St\u00e4dten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zustimmung zu Massnahmen br\u00f6ckelt in der zweiten Welle<\/h3>\n\n\n\n<p>Betrachtet man auch Personen, denen die Massnahmen zu wenig weit gehen, zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Befragungszeitpunkten. Die Zustimmung zu den politischen Massnahmen hat mit Beginn der zweiten Welle der Pandemie stark gelitten. Im Vergleich mit den geltenden Massnahmen im Juni, wurden die im Oktober beschlossenen Massnahmen nur noch von halb so vielen Befragten als angemessen eingesch\u00e4tzt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"796\" src=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Akzeptanz-2-1024x796.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-22606\" srcset=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Akzeptanz-2-1024x796.png 1024w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Akzeptanz-2-300x233.png 300w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Akzeptanz-2-768x597.png 768w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Akzeptanz-2-1536x1195.png 1536w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Akzeptanz-2-2048x1593.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die zweite Welle der Pandemie f\u00fchrte offensichtlich zu einem starken Stimmungswandel in der Bev\u00f6lkerung. Der Ruf nach strengeren Massnahmen wurde lauter. Gleichzeitig gingen die Massnahmen immer noch vielen Menschen zu weit. Dieser Trend zur Polarisierung zeigt sich sowohl in st\u00e4dtisch als auch in l\u00e4ndlich gepr\u00e4gten Gebieten und gleichermassen in den Agglomerationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders bez\u00fcglich der Abfederung von Lohnausf\u00e4llen nahm der Druck aus der Bev\u00f6lkerung zu. In den St\u00e4dten war Ende Oktober erstmals eine Mehrheit der Meinung, dass der Bundesrat in dieser Hinsicht zus\u00e4tzliche Massnahmen ergreifen m\u00fcsste. Etwas weniger stark war diese Forderung in l\u00e4ndlichen Gebieten. Die Polarisierung zeigt sich aber auch hier deutlich. Es scheint, als h\u00e4tte die Landesregierung \u00fcber den Sommer viel Vertrauen verspielt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die obersten Krisenmanager verlieren \u00fcberall an Vertrauen<\/h3>\n\n\n\n<p>Eine Auswertung der Daten zeigt tats\u00e4chlich, dass die zunehmende Polarisierung mit schwindendem Vertrauen in den Bundesrat einherging. Der Vertrauensverlust zwischen Juni und Oktober ist beidseits des &#8222;R\u00f6stigrabens&#8220; markant. Auf einer Punkteskala von 1 bis 5, wobei 5 &#8222;sehr grosses Vertrauen in den Bundesrat&#8220; bedeutet, sank das Vertrauen in der Romandie um fast einen Punkt. Etwas weniger ausgepr\u00e4gt ist dieser Einbruch in den Deutschschweizer Kantonen. Dort startete der Bundesrat allerdings zu Beginn der Pandemie mit weit gr\u00f6sserem Vertauensvorschuss als in der Romandie. Interessant ist, dass der Bundesrat im Juni in den grossen Deutschschweizer St\u00e4dten mehr Vertrauen genoss, als auf dem Land. \u00dcber den Sommer hat er gerade in diesen st\u00e4dtischen Gebieten besonders viel Vertrauen verspielt. Im Oktober sind die Vertrauenswerte in den St\u00e4dten gar niedriger als auf dem Land.  <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/vertrauen2-1024x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-23726\" srcset=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/vertrauen2-1024x1024.png 1024w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/vertrauen2-300x300.png 300w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/vertrauen2-150x150.png 150w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/vertrauen2-768x768.png 768w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/vertrauen2-1536x1536.png 1536w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/vertrauen2-2048x2048.png 2048w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/vertrauen2-60x60.png 60w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/vertrauen2-220x220.png 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein Blick auf die Zahlen aus dem M\u00e4rz zeigt, dass der Bundesrat zu Beginn der Pandemie in der Deutschschweiz weit mehr Vertrauen genoss als in der Romandie. Die Unterschiede zwischen den Sprachregionen wurden dann von Monat zu Monat kleiner. Im Juni hat sich das Verh\u00e4tnis umgekehrt. Ab diesem Zeitpunkt war in der Romandie das Vertrauen in den Bundesrat h\u00f6her als in der Deutschschweiz. \u00dcber den Sommer haben sich die Werte dann angeglichen. Im Oktober sind die Unterschiede zwischen den Sprachregionen kaum mehr ausgepr\u00e4gt. Am meisten Vertrauen genoss die Landesregierung im Herbst noch in den grossen St\u00e4dten der Romandie. Am kritischsten gegen\u00fcber der Politik des Bundesrats waren zu diesem Zeitpunkt die Bewohner der grossen Deutschschweizer St\u00e4dte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-pale-cyan-blue-background-color has-background\"><strong>Daten, Validit\u00e4t und Methoden<\/strong><br><br><em>Daten und Methodik: <\/em><br>Grundlage f\u00fcr den Blogbeitrag bilden die Daten des Corona Monitorings von sotomo. F\u00fcr die Einteilung der Gemeinden nach Stadt\/Land Typologie wurde auf bereits bestehende Kategorisierungen des Bundesamts f\u00fcr Statistik zur\u00fcckgegriffen. Eine Kombination aus zwei unterschiedliche Typisierungen erlaubt eine genauere Einteilung. Verwendet wurden die Einteilung nach <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"R\u00e4umen mit st\u00e4dtischem Charakter (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.atlas.bfs.admin.ch\/maps\/13\/de\/10447_10446_3191_227\/17718.html\" target=\"_blank\">R\u00e4umen mit st\u00e4dtischem Charakter<\/a> (7 kategorien) und die  <a href=\"https:\/\/www.atlas.bfs.admin.ch\/maps\/13\/de\/10448_3194_3191_227\/17773.html\">Agglomerationsgr\u00f6ssenklassen<\/a> (6 Kategorien).  Daraus ergeben sich folgende f\u00fcnf Gemeindetypologien: grosse Kernst\u00e4dte,  kleine Kernst\u00e4dte, grosse Agglomeration , kleine Agglomerationen und l\u00e4ndlicher Raum. Die genaue Einteilung der Gemeinden in die verschiedenen Kategorien ist im Code ersichtlich.<br><br><em>Validit\u00e4t:<\/em><br>Befragugnsteilnehmer aus Gemeinden, die durch Fusionen erst nach 2015 entstanden sind, wurden f\u00fcr die Auswertungen der Differenzen zwischen Stadt und Land nicht ber\u00fccksichtigt.  Die Gemeindenummern dieser Gemeinden sind in den Einteilung in st\u00e4dtische und l\u00e4ndliche Gemeinden des bfs nicht vorhanden. Es handelt sich um 2&#8217;048 von insgesamt 142&#8217;335 Beobachtungen. <br><br><em>Quellen:<\/em><br>SRF, 03.06.2019,<br><a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/politische-landschaft-differenzen-zwischen-stadt-und-land-spalten-tiefer-als-sprache\">https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/politische-landschaft-differenzen-zwischen-stadt-und-land-spalten-tiefer-als-sprache<\/a><br>Christian Rutzer, Matthias Niggli und Thomas Gerber, April 2020,<br><a href=\"https:\/\/cieb.shinyapps.io\/HomeOffice_CH\/\">https:\/\/cieb.shinyapps.io\/HomeOffice_CH\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a id=\"wp-block-file--media-34f00a15-c969-4607-bd60-b5cca8f0d2c8\" href=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Code_Blogbeitrag_Patrick_Baumann.html\">Code_Blogbeitrag_Patrick_Baumann<\/a><a href=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Code_Blogbeitrag_Patrick_Baumann.html\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download aria-describedby=\"wp-block-file--media-34f00a15-c969-4607-bd60-b5cca8f0d2c8\">Download<\/a><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-pale-cyan-blue-background-color has-background\"><strong>Informationen zum Blog<\/strong><br><br><strong>Autor:<\/strong> Patrick Baumann, patrick.baumann@uzh.ch<br><strong>Titel:<\/strong> Skepsis und Polarisierung: Auf dem Land sieht man die Corona-Massnahmen kritischer <br><strong>Modul:<\/strong> Forschungsseminar Politischer Datenjournalismus (HS20)<br><strong>Dozenten: <\/strong> Alexandra Kohler,  Bruno W\u00fcest, Fabrizio Gilardi<br><strong>Abgabedatum:<\/strong> 03.01.2021<br><strong>Anzahl W\u00f6rter:<\/strong>  751<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Corona-Pandemie spaltet die Schweiz. 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