{"id":26997,"date":"2022-08-22T11:05:20","date_gmt":"2022-08-22T09:05:20","guid":{"rendered":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/?p=26997"},"modified":"2024-10-14T21:27:33","modified_gmt":"2024-10-14T19:27:33","slug":"wenn-maenner-ueber-frauenthemen-sprechen-eine-analyse-zum-redeverhalten-im-nationalrat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2022\/08\/22\/wenn-maenner-ueber-frauenthemen-sprechen-eine-analyse-zum-redeverhalten-im-nationalrat\/","title":{"rendered":"Wenn M\u00e4nner \u00fcber \u00abFrauenthemen\u00bb sprechen \u2013 eine Analyse zum Redeverhalten im Nationalrat"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Immer mehr Politikerinnen schaffen den Einzug in den Nationalrat<\/em>.<em> Hat die h\u00f6here Frauenrepr\u00e4sentation einen Einfluss auf das Redeverhalten m\u00e4nnlicher Politiker?<\/em> <em>Die Analyse zeigt: Je gr\u00f6sser die weibliche Konkurrenz, desto weniger \u00e4ussern sich Nationalr\u00e4te zu Anliegen, die Frauen \u00fcberproportional betreffen. Aber: Der Gender-Gap bei Reden zu diesen Themen scheint sich zu verkleinern. <\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Jahrtausendwende ist der Anteil Nationalr\u00e4tinnen markant angestiegen. Die letzten Wahlen 2019 wurden sogar als \u00abFrauenwahl\u00bb gefeiert, da erstmals \u00fcber 40 Prozent der Parlamentarier:innen im Nationalrat weiblich sind. <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[1]<\/a> Es hat demnach grosse Fortschritte gegeben bez\u00fcglich der deskriptiven Repr\u00e4sentation von Frauen in der Schweizer Politik. Wie sieht es hingegen bei ihrer substantiellen Repr\u00e4sentation <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[2]<\/a> aus? Auch wenn man\/frau es sich anders w\u00fcnschen w\u00fcrde: Es gibt bis heute gesellschaftliche Themen, die Frauen \u00fcberdurchschnittlich betreffen beziehungsweise benachteiligen. <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[3]<\/a> Es stellt sich die Frage, in welchem Ausmass solche \u00abfrauenspezifischen\u00bb Themen auf dem politischen Parkett behandelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere das Verhalten der M\u00e4nner wurde in diesem Zusammenhang noch kaum untersucht. W\u00e4hrend die Vermutung naheliegt, dass die Repr\u00e4sentation von \u00abFrauenanliegen\u00bb im Parlament durch den erh\u00f6hten Anteil Nationalr\u00e4tinnen zunimmt, ist nicht klar, wie m\u00e4nnliche Abgeordnete damit umgehen. Gibt es einen <em>spillover<\/em>-Effekt, wonach sich die Nationalr\u00e4te ebenfalls in der Verantwortung sehen, \u00abfrauenspezifische\u00bb Themen anzusprechen? Oder ziehen sie sich infolge der neuen weiblichen Konkurrenz eher aus diesen Themenfeldern zur\u00fcck?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Analyse der Nationalratsreden im Zeitraum 1999-2021 zeigt: Im Allgemeinen reden die M\u00e4nner weniger \u00fcber \u00abweibliche\u00bb Anliegen, je h\u00f6her der Frauenanteil unter den Abgeordneten ausf\u00e4llt. Allerdings hat sich die L\u00fccke zwischen ihrer gesamten Redet\u00e4tigkeit und den Wortmeldungen zu \u00abfrauenspezifischen\u00bb Themen tendenziell verringert. Das k\u00f6nnte auf eine etwas st\u00e4rkere Sensibilisierung hindeuten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Parlamentarier debattieren deutlich seltener \u00fcber \u00abFrauenthemen\u00bb im Vergleich zu ihrer gesamten Redet\u00e4tigkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Wichtigste vorab: Was soll ein \u00abFrauenthema\u00bb denn sein? Neben biologischen Angelegenheiten wie die Geburt, Abtreibungsrechte oder die Reproduktionsmedizin ber\u00fccksichtigt dieser Artikel auch soziale Themen, welche \u2013 Stand heute \u2013 \u00fcberproportionale Auswirkungen auf das Leben von Frauen haben. Dazu z\u00e4hlen beispielsweise Zwangsverheiratungen, Kinderbetreuung und sexuelle Bel\u00e4stigung, aber auch die Pflege von Angeh\u00f6rigen oder Lohn(un)gleichheit. <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[4]<\/a> In diesem Beitrag werden \u00abFrauenthemen\u00bb mithilfe eines W\u00f6rterbuchs von <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1111\/spsr.12392\" target=\"_blank\">H\u00f6hmann<\/a> (2020) definiert, der eine \u00e4hnliche Analyse im deutschen Kontext durchgef\u00fchrt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Entgegen den Erwartungen ist es nicht so, dass in den letzten Jahren mehr \u00fcber \u00abfrauenspezifische\u00bb Anliegen gesprochen wurde. \u00dcber alle Parliamentarier:innen hinweg ist die absolute Anzahl solcher Redebeitr\u00e4ge eher zur\u00fcckgegangen, von 1126 in der 46. Legislatur (1999-2003) auf 812 in der letzten abgeschlossenen Legislatur (2015-2019). <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[5]<\/a> Dies gilt allerdings auch f\u00fcr die Anzahl Nationalratsreden insgesamt. Es lohnt sich deshalb, einen Blick auf die relativen Redeanteile von Nationalr\u00e4t:innen zu werfen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abbildung 1<\/strong> macht den generellen R\u00fcckgang von Reden bei den M\u00e4nnern ersichtlich. Der Anteil Nationalr\u00e4te ist in der betrachteten Zeitspanne um 18.5 Prozentpunkte (Pp.) gesunken (von 76.5 auf 58 Prozent) \u2013 ihr Redeanteil verringerte sich analog dazu um 16.7 Pp. W\u00e4hrend der 46. Legislatur wurden drei Viertel der Reden von M\u00e4nnern gehalten, in der aktuellen Legislaturperiode&nbsp;sind es noch knapp unter 60 Prozent. <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[6]<\/a>  Interessanterweise lag der m\u00e4nnliche Redeanteil pro Legislatur meistens leicht unter dem Anteil Nationalr\u00e4te. Das heisst im Umkehrschluss, dass Parlamentarierinnen etwas redefreudiger waren, als man\/frau es aufgrund ihrer deskriptiven Repr\u00e4sentation erwarten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"551\" src=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_bar-8-1024x551.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-27085\" srcset=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_bar-8-1024x551.png 1024w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_bar-8-300x162.png 300w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_bar-8-768x414.png 768w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_bar-8-1536x827.png 1536w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_bar-8-2048x1103.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Abbildung 1<\/strong>: Redeanteile der Nationalr\u00e4te \/ M\u00e4nneranteil im Nationalrat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig ist auch die grosse Differenz zwischen den Redeanteilen der Nationalr\u00e4te insgesamt und ihren Redeanteilen bei den \u00abfrauenspezifischen\u00bb Themen. In diesen Sachbereichen melden sich die M\u00e4nner deutlich seltener zu Wort. Auch hier ging ihr Redeanteil \u00fcber die Zeit eher zur\u00fcck (mit einem kleinen Ausreisser nach oben in der 49. Legislaturperiode). Gleichzeitig verringerte sich jedoch der Abstand zwischen ihrer gesamten Redeaktivit\u00e4t und ihrem Redeanteil bei  \u00abweiblichen\u00bb  Anliegen. Zwischen 1999-2003 betrug dieser Unterschied noch rund 20 Pp., in der laufenden Legislaturperiode ist die Differenz auf 14.1 Pp. geschrumpft. <a href=\"#footnotes\">[7]<\/a> Dies k\u00f6nnte ein Hinweis daf\u00fcr sein, dass sich Nationalr\u00e4te infolge der gr\u00f6sseren Frauenpr\u00e4senz zwar weniger h\u00e4ufig zu Wort melden, aber dass ihr relatives Interesse an \u00abfrauenspezifischen\u00bb Themen doch etwas angestiegen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Linke Nationalr\u00e4te reden weniger \u00fcber \u00abweibliche\u00bb Anliegen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie sieht die Verteilung in den Ratsfraktionen aus? <strong>Abbildung 2<\/strong> zeigt die grosse Varianz zwischen den einzelnen Fraktionen. Die SVP (und die EVP\/EDU) befinden sich in fast jeder Legislaturperiode am weitesten oben rechts. Die Fraktionen sind also stark m\u00e4nnergepr\u00e4gt und die Redeanteile der M\u00e4nner zu \u00abfrauenspezifischen\u00bb Angelegenheiten fallen entsprechend hoch aus. Am anderen Pol unten links liegen die SP und die Gr\u00fcnen. Sie erreichen mitunter auch Frauenanteile \u00fcber 50 Prozent, was sich in tieferen m\u00e4nnlichen Redeanteilen zu \u00abFrauenthemen\u00bb widerspiegelt. \u00dcber die Jahre hinweg hat sich die Rangordnung zwischen den Fraktionen nicht gross ver\u00e4ndert. Die Entwicklung der FDP-Liberalen in der laufenden 51. Legislaturperiode f\u00e4llt aber auf: Sowohl der fraktionsinterne Frauenanteil als auch der Redeanteil der M\u00e4nner zu \u00abfrauenspezifischen\u00bb Themen liegt bei rund 34 Prozent. In fr\u00fcheren Legislaturen z\u00e4hlten sie zu den Fraktionen mit eher hohen m\u00e4nnlichen Redeanteilen. Spannend ist ebenfalls das Abschneiden der Gr\u00fcnliberalen. Sie befinden sich immer deutlich oberhalb der blauen Trendlinie, was bedeutet, dass die gr\u00fcnliberalen Parlamentarier mehr \u00fcber \u00abFrauenthemen\u00bb sprechen, als man\/frau es aufgrund des Frauenanteils in der Fraktion erwarten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_fr_scatter_neu-1024x683.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-27384\" srcset=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_fr_scatter_neu-1024x683.png 1024w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_fr_scatter_neu-300x200.png 300w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_fr_scatter_neu-768x512.png 768w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_fr_scatter_neu-1536x1024.png 1536w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_fr_scatter_neu-2048x1365.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Abbildung 2<\/strong>: Redeanteile der Nationalr\u00e4te zu \u00abfrauenspezifischen\u00bb Themen \/ M\u00e4nneranteil nach Fraktion<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Der Vaterschaftsurlaub lockt die M\u00e4nner ans Rednerpult <strong>\u2013 aber auch die Covid-Impfung von Schwangeren<\/strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00abfrauenspezifischen\u00bb Reden decken verschiedene Themenfelder ab. \u00dcber die Zeit hinweg wurde jedoch nicht \u00fcber jedes Thema gleich intensiv debattiert. <strong>Abbildung 3<\/strong> zeigt die Entwicklung der m\u00e4nnlichen Redet\u00e4tigkeit zu ausgew\u00e4hlten Unterthemen im Vergleich zum M\u00e4nneranteil im Nationalrat. <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[8]<\/a> Bei den Reden, die das Stichwort \u00abVaterschaft\u00bb enthalten, hat sich die L\u00fccke zwischen den Parlamentarier- und Redeanteilen tendenziell vergr\u00f6ssert. In der aktuellen Legislatur aber steigt der m\u00e4nnliche Redeanteil zum Thema sprunghaft an. Das h\u00e4ngt mit der Debatte zum 2020 beschlossenen Vaterschaftsurlaub zusammen (der wohl einige Nationalr\u00e4te pers\u00f6nlich betraf). Auch bei anderen Themen sieht man\/frau insgesamt r\u00fcckl\u00e4ufige Entwicklungen, welche durch einzelne Ausreisser unterbrochen werden. Beim Schlagwort \u00abLohngleichheit\u00bb stieg der Anteil von M\u00e4nnern gehaltene Reden in der 50. Legislaturperiode stark an, als \u00fcber verbindliche Lohnanalysen f\u00fcr Unternehmen diskutiert wurde. In der 48. Legislaturperiode sprachen die Nationalr\u00e4te pl\u00f6tzlich h\u00e4ufiger \u00fcber Vergewaltigungen. Die Redetexte verraten, dass es sich vorwiegend um Beitr\u00e4ge zur SVP-Ausschaffungsinitiative handelte, die das Thema Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t bespielte. Da die SVP-Fraktion einen tiefen Frauenanteil hat (siehe <strong>Abbildung 2<\/strong>), f\u00fchrte diese Debatte zu einem h\u00f6heren Redeanteil der M\u00e4nner. Das Thema \u00abSchwangerschaft\u00bb stiess 2021 pl\u00f6tzlich auf Interesse, als es um die (Nicht-)Impfung von Schwangeren gegen das Coronavirus ging.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_kw-2-1024x683.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-27060\" srcset=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_kw-2-1024x683.png 1024w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_kw-2-300x200.png 300w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_kw-2-768x512.png 768w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_kw-2-1536x1024.png 1536w, https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/redeanteile_vs_nranteile_zeit_kw-2-2048x1365.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Abbildung 3<\/strong>: Redeanteile der Nationalr\u00e4te zu verschiedenen Subthemen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u00dcbers Ganze gesehen ist der M\u00e4nneranteil bei Nationalratsreden zu \u00abfrauenspezifischen\u00bb Angelegenheiten zur\u00fcckgegangen, im Gleichschritt mit dem wachsenden Frauenanteil im Parlament. Dennoch suggeriert die kleiner werdende L\u00fccke zwischen der allgemeinen Redet\u00e4tigkeit der M\u00e4nner und ihren Wortmeldungen zu \u00abFrauenthemen\u00bb, dass ihr Interesse \u2013 relativ gesehen \u2013 leicht angestiegen ist. Es gibt zum Teil deutliche Unterschiede zwischen den Ratsfraktionen. Auch mit Blick auf verschiedene Unterthemen ver\u00e4ndert sich die Redefreudigkeit der Nationalr\u00e4te \u00fcber die Zeit.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p id=\"footnotes\"> <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[1]<\/a> Vor zwanzig Jahren lag dieser Wert noch bei unter einem Viertel. Siehe \u00ab<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/politik\/wahlen\/frauen.html#1390978129\" target=\"_blank\">Frauen und Wahlen<\/a>\u00bb (Bundesamt f\u00fcr Statistik, 2022).<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[2]<\/a> Substantielle Repr\u00e4sentation meint, dass Parlamentarier:innen verantwortlich f\u00fcr und im Interesse der Repr\u00e4sentierten handeln (siehe <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.defacto.expert\/2021\/04\/13\/politische-repraesentation-von-frauen-in-der-schweiz-und-in-europa-blick-zurueck-und-nach-vorn\/\" target=\"_blank\">Fuchs<\/a>, 2021; bzw. Pitkin, 1967: 209).<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[3]<\/a> Siehe <a href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1111\/spsr.12392\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">H\u00f6hmann<\/a>, 2020.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[4]<\/a> Die vollst\u00e4ndige Liste aller verwendeten Suchbegriffe ist dem R-Code zu entnehmen. F\u00fcr Informationen zum methodischen Vorgehen, siehe Box <strong>Daten, Validit\u00e4t und Methoden<\/strong>.<br><br> <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[5]<\/a> \u00dcber die gesamte Zeitperiode hinweg betrafen 13.6 Prozent der analysierten Reden mindestens ein \u00abfrauenspezifisches\u00bb Anliegen.<br><br> <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[6]<\/a> Dabei ist zu beachten, dass die Anteile f\u00fcr die laufende 51. Legislaturperiode auf eine kleinere absolute Anzahl Reden beruhen, da zum Zeitpunkt der Datenerhebung erst die H\u00e4lfte der Legislatur vor\u00fcber war.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[7]<\/a> In der 49. Legislaturperiode war der Unterschied mit 13.7 Pp. am kleinsten, wie in <strong>Abbildung 1<\/strong> angegeben.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#footnotes\" data-type=\"internal\">[8]<\/a> Die Darstellungen zu den einzelnen Stichworten basieren auf zwischen 81 und 150 Reden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#dccbed\"> <strong>Informationen zum Blogbeitrag<\/strong><br><br>Verfasserin: Jenny Roberts<br>E-Mail: <a href=\"mailto:jennifer.meredith.roberts@gmail.com\">jennifer.meredith.roberts@gmail.com<\/a><br>Lehrveranstaltung: Forschungsseminar \u00abPolitischer Datenjournalismus\u00bb (FS 2022)<br>Dozierende: Dr. Theresa Gessler, Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Bruno W\u00fcest<br>Abgabedatum: 17. Juni 2022<br>Anzahl W\u00f6rter (exkl. Lead, Anhang und Fussnoten): 1023<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#dccbed\"> <strong>Daten, Validit\u00e4t und Methoden<\/strong><br><br>Die Daten f\u00fcr die Analyse wurden vom Dozierenden (Dr. Bruno W\u00fcest) zur Verf\u00fcgung gestellt. Sie wurden mit dem R-Paket <em>swissparl<\/em> via die Webservices der Schweizer Parlamentsdienste heruntergeladen. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von 1999 (Beginn 46. Legislaturperiode) bis Ende 2021 (laufende 51. Legislaturperiode). Im finalen Datensatz sind 38&#8217;625 Reden erfasst. Die Angaben zu den Frauenanteilen im Nationalrat\/pro Fraktion stammen vom <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/politik\/wahlen\/frauen.html#1390978129\" target=\"_blank\">BFS<\/a>.<br><br>In die Anaylse eingeflossen sind ausschliesslich Nationalratsreden, welche nicht von Bundesr\u00e4t:innen oder Bundeskanzler:innen gehalten wurden. Der Grund f\u00fcr diese Einschr\u00e4nkung liegt darin, dass Exekutivmitglieder eine andere Art politische Repr\u00e4sentation pflegen als Abgeordnete im Parlament. W\u00e4hrend Erstere den Gesamtbundesrat vertreten m\u00fcssen, sind Parlamentarier:innen am ehesten noch an die Haltung ihrer Fraktion gebunden. Sie k\u00f6nnen aber grunds\u00e4tzlich mehr oder weniger frei entscheiden, ob sie sich zu den untersuchten \u00abFrauenthemen\u00bb \u00e4ussern oder nicht. Auch wenn ein:e Nationalr\u00e4t:in ein Kommissionspr\u00e4sidium oder sonstige Spezialfunktion innehat, welche Redepflichten mit sich bringt, handelt es sich um substantielle Repr\u00e4sentation (z.B. der Kommissionsmeinung). Ausserdem kann die Annahme getroffen werden, dass sich Parlamentarier:innen f\u00fcr die Pr\u00e4sidien derjenigen Gremien bewerben, die sie inhaltlich besonders interessieren.<br><br>Was die im Nationalrat vertretenen Fraktionen angeht, wurden nur diejenigen ber\u00fccksichtigt, die innerhalb einer Legislaturperiode mindestens 200 Reden (egal zu welchem Sachverhalt) verzeichneten. Ziel dieser Begrenzung war das Vermeiden von sehr kleinen Substichproben, die Generalisierungen erschweren. Somit wurden die folgenden (ehemaligen) Fraktionen aus der Analyse ausgeschlossen: Liberale (46. Legislatur), BDP (48. Legislatur). Wegen ihrer inhaltlichen N\u00e4he wurden die christlichdemokratische, Mitte-, CVP\/EVP- und CVP\/EVP\/glp-Fraktionen im Nachgang zu einer Kategorie zusammengefasst.<br><br>Um die \u00abfrauenspezifischen\u00bb Reden zu bestimmen, wurde ein Dictionary-Ansatz gew\u00e4hlt. Wenn eine Rede mindestens eines der gesammelten Stichworte enthielt, wurde sie als \u00abfrauenspezifisch\u00bb gekennzeichnet. Das Suchergebnis wurde f\u00fcr jedes Schlagwort anhand einer Stichprobe manuell \u00fcberpr\u00fcft und die Dictionary entsprechend angepasst. Beispielsweise wurde das Stichwort \u00abPflege\u00bb pr\u00e4zisiert, da das urspr\u00fcngliche Ergebnis zu grob ausfiel (z.B. \u00abPflege eines regelm\u00e4ssigen Austauschs\u00bb). Neu wurden nur Reden ber\u00fccksichtigt, die den Suchbegriff im spezifischeren Kontext von \u00abAlterspflege\u00bb, \u00abKrankenpflege\u00bb, \u00abPflege von Angeh\u00f6rigen\u00bb usw. enthielten. Die finale Liste aller verwendeten Suchbegriffe ist im R-Code aufgef\u00fchrt.<br><br>Hier geht\u2019s zum <strong><a href=\"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/blogbeitrag_roberts_fs_neu.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Code<\/a><\/strong> der gezeigten Grafiken.<br><br><em>Bei der Interpretation der Ergebnisse gilt es, einige Vorbehalte zu beachten:<\/em><br><br>Da die Analyse einen deskriptiven Fokus hat, k\u00f6nnen keine kausalen Zusammenh\u00e4nge belegt werden. Die Auswertungen zeigen aber grobe Tendenzen auf und erlauben somit eine erste Ann\u00e4herung an die Fragestellung.<br><br>Die erw\u00e4hnten Redeanteile der m\u00e4nnlichen bzw. weiblichen Abgeordneten beziehen sich immer auf die absolute Anzahl Reden innerhalb einer Legislaturperiode\/Fraktion. Die Analyse wurde nicht auf einzelne Parlamentarier:innen heruntergebrochen. Das heisst, es kann sein, dass besonders redefreudige Nationalr\u00e4t:innen in bestimmten Legislaturen\/Fraktionen die Bilanz stark beeinflussen, w\u00e4hrend die Unterschiede zwischen Durchschnittsabgeordneten der verschiedenen Fraktionen wom\u00f6glich kleiner ausfallen. Mit der gew\u00e4hlten Vorgehensweise werden die Dimensionen der gesamten Redet\u00e4tigkeit jedoch am besten abgebildet.<br><br>Im Gegensatz zum Artikel von <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1111\/spsr.12392\" target=\"_blank\">H\u00f6hmann<\/a> (2020), der eine \u00e4hnliche Analyse im deutschen Kontext durchgef\u00fchrt hat, ber\u00fccksichtigt dieser Beitrag nur die <em>Anzahl<\/em> gehaltener Reden und nicht deren inhaltiche <em>Richtung<\/em>. F\u00fcr eine tiefergehende Analyse w\u00e4re es allerdings wichtig zu wissen, inwiefern sich die Nationalr\u00e4te zu \u00abfrauenspezifischen\u00bb Themen \u00e4ussern: Zielen ihre Beitr\u00e4ge eher auf die Ausweitung von Frauenrechten bzw. die Verringerung von Diskriminierung (z.B. durch Forderungen nach mehr Lohngleichheit), oder sind sie eher antiemanzipatorisch gef\u00e4rbt (wie z.B. die Forderung nach einem strikteren Abtreibungsgesetz)? Dieser zentrale Aspekt konnte aus Zeit- und Platzgr\u00fcnden nicht in den vorliegenden Beitrag einfliessen. Es w\u00fcrde sich jedoch lohnen, die Wertung von Redebeitr\u00e4gen zu \u00abFrauenthemen\u00bb in einem anderen Rahmen zu beleuchten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Literaturverzeichnis<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p><em>Bundesamt f\u00fcr Statistik: Frauen und Wahlen (2022).<br><\/em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/politik\/wahlen\/frauen.html#1390978129\" target=\"_blank\">https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/politik\/wahlen\/frauen.html#1390978129<\/a> [Stand: 17.06.2022].<br><br><em>Fuchs, Gesine: Politische Repr\u00e4sentation von Frauen in der Schweiz und in Europa: Blick zur\u00fcck und nach&nbsp;vorn<\/em> <em>(2021).<\/em><br><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.defacto.expert\/2021\/04\/13\/politische-repraesentation-von-frauen-in-der-schweiz-und-in-europa-blick-zurueck-und-nach-vorn\/\" target=\"_blank\">https:\/\/www.defacto.expert\/2021\/04\/13\/politische-repraesentation-von-frauen-in-der-schweiz-und-in-europa-blick-zurueck-und-nach-vorn\/<\/a> [Stand: 17.06.2022].<br><br><em>H\u00f6hmann, Daniel: When Do Men Represent Women\u2019s Interests in Parliament? How the Presence of Women in Parliament Affects the Legislative Behavior of Male Politicians<\/em> (2020). <em>In: Swiss Political Science Review 26(1): 31-50.<\/em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/Parliament Affects the Legislative Behavior of Male Politicians (2020). In: Swiss Political Science Review 26(1): 31-50. https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1111\/spsr.12392\" target=\"_blank\"><br>https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1111\/spsr.12392<\/a> [Stand: 17.06.2022].<br><br><em>Pitkin, Hanna: The Concept of Representation (1967).<\/em> <em>Berkeley: University of California Press.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer mehr Politikerinnen schaffen den Einzug in den Nationalrat. Hat die h\u00f6here Frauenrepr\u00e4sentation einen Einfluss auf das Redeverhalten m\u00e4nnlicher Politiker? Die Analyse zeigt: Je gr\u00f6sser die weibliche Konkurrenz, desto weniger \u00e4ussern sich Nationalr\u00e4te zu Anliegen, die Frauen \u00fcberproportional betreffen. Aber: Der Gender-Gap bei Reden zu diesen Themen scheint sich zu verkleinern. 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