{"id":2862,"date":"2014-05-18T01:16:38","date_gmt":"2014-05-18T00:16:38","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=2862"},"modified":"2017-02-23T15:47:59","modified_gmt":"2017-02-23T14:47:59","slug":"sudeuropa-nach-der-krise-desillusioniert-aber-nicht-verzweifelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2014\/05\/18\/sudeuropa-nach-der-krise-desillusioniert-aber-nicht-verzweifelt\/","title":{"rendered":"S\u00fcdeuropa nach der Krise: Desillusioniert, aber nicht verzweifelt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der \u00f6konomische Sturm, der\u00a0 in den letzten Jahren \u00fcber Europa gew\u00fctet hat, scheint sich langsam aber sicher zu legen. Von Staatsbankrotten ist nicht mehr die Rede, und Sorgenkinder wie Griechenland und Portugal sind wieder in der Lage, am\u00a0 Finanzmarkt Geld aufzunehmen. Wachstum wird wieder prognostiziert. Doch wie hat die Krise auf die Landschaft in den K\u00f6pfen der Europ\u00e4er gewirkt? Die European Social Survey, welche seit 2002 die Befindlichkeiten der Europ\u00e4er erfragt, kann auf diese Frage einige Antworten liefern.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Datenjournalismus mag einigen Beobachtern ein neueres Phanomen sein, Wirtschaftsredaktoren entlockt der Begriff jedoch meist nur ein m\u00fcdes L\u00e4cheln: Die Berichterstattung zu wirtschaftlichen Themen ist seit jeher von Zahlen gepr\u00e4gt, von Preisen, makro\u00f6konomischen Indikatoren, Wechselkursen und Prozentpunkten. Die Europ\u00e4ische Schuldenkrise ist folglich eines dieser Themen, dass im Bezug auf harte Indikatoren bereits zu Gen\u00fcge analysiert wurde. Dieser Blogpost befasst\u00a0 sich deshalb mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Krise. Die <em>European Social Survey<\/em> bietet dazu eine Ideale Datenquelle: Seit 12 Jahren wird diese Befragung der Bev\u00f6lkerung alle 2 Jahre durchgef\u00fchrt, so dass der Zeitraum der Eurokrise bis 2012 erfasst ist, und auch mit der Situation vorher verglichen werden kann. Es geht dabei vor allem um das Bild, welches die Europ\u00e4er von Wirtschaft und Politik haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wurden f\u00fcr diese Analyse die L\u00e4nder ausgew\u00e4hlt, welche von der Krise besonders betroffen waren: die GIIPS (Griechenland, Irland, Portugal und Spanien, Daten f\u00fcr Italien sind leider nicht vorhanden), und auch Krisengewinner Deutschand und die wenig betroffene Schweiz. Die Entwickung der Zufriedenheit mit der Wirtschaftslage des Landes deckt sich mit der tats\u00e4chlichen wirtschaftlichen Entwicklung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/cf.datawrapper.de\/7tddt\/2\/\" height=\"400\" width=\"740\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schweiz und Deutschland geh\u00f6ren zu den L\u00e4ndern, welche trotz Eurokrise gut dastehen, im Falle der Schweiz war die wirtschaftliche Situation auch vor Der Krise einigermassen zufriedenstellend, w\u00e4hrend sich Deutschland mit einer hohen Arbeitslosigkeit herumschlug und die Deutschen im Schnitt sogar unzufriedener mit der Wirtschaftslage ihres Landes waren als die Bewohner Griechenlands, was heute kaum mehr vorstellbar w\u00e4re: Die Deutschen sind so zufrieden mit der Wirtschaft wie seit 10 Jahren nicht mehr, w\u00e4hrend die Griechen das einen durchschnittlichen Wert von 1,3\u00a0 auf einer Skala von 0 bis 10 zustande bringen. W\u00e4hrend Griechen und Portugiesen bereits vor der Krise nicht besonders zufrieden waren, sieht es nun richtig d\u00fcster aus. Die gr\u00f6ssten Verlierer sind allerdings Spanien und Irland: W\u00e4hrend Irland dank eines \u00fcberdimensionierten Bankensektors vorallem von der Finanzkrise betroffen war, und sich w\u00e4rend der Eurokrise sogar etwas erholen konnte, sieht man Spanien seinen Immobilienboom und das subsequente Platzen der Blase wunderbar der Zufriedenheit seiner B\u00fcrger an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Umfragewerte decken sich zwar wundersch\u00f6n mit der tats\u00e4chlichen wirtschaftlichen Entwicklung, sie waren aber ebenfalls zu erwarten. Wie sieht nun aber die Zufiedenheit mit der Regierung, und das Vertrauen in Politische Institutionen wie das nationale Parlament, die EU oder gar die Demokratie aus?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Werfen wir zun\u00e4chst einen Blick auf die Zufriedenheit mit der Regierung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/cf.datawrapper.de\/oh3Lt\/1\/\" height=\"400\" width=\"740\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Umfrageresultate sind hier etwas dichter beieinander,\u00a0 und es werden genenerell weniger extreme Durschnittswerte erreicht, aber grunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich feststellen, dass die Zufriedenheit mit der Regierung sehr \u00e4hnlich wie die Zufriedenheit mit der\u00a0 Wirtschaftslage verl\u00e4uft, in der Tat l\u00e4sst sich ein klarer Zusammenhang finden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Rplot021.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3069\" alt=\"Rplot02\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Rplot021.png\" width=\"740\" height=\"500\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Modell bezieht sich auf L\u00e4nder, und nicht auf Individuen\u00a0 um den Zusammenhang grafisch besser aufzeigen zu k\u00f6nnen,\u00a0 und hat nur bedingte Aussagekraft, da es nur die oben untersuchten L\u00e4nder beinhaltet, und keine Kontrollvariablen oder geclusterte Standardfehler (wegen der mehrfachen L\u00e4nderverwendung) aufweist, jedoch l\u00e4sst ein R<sup>2<\/sup> von 0.86 auf einen starken Zusammenhang schliessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir uns nun der Frage stellen, ob die EU bei der Bev\u00f6lkerung an Popularit\u00e4t gewonnen hat, so liefert uns die <em>European Social Survey<\/em> auch hier Antworten. Die Frage, ob die Europ\u00e4ische Integration schon zu weit fortgeschritten ist oder noch weiter gehen sollte, wird in allen L\u00e4ndern sehr \u00e4hnlich beantwortet, die Krise oder L\u00e4nderunterschiede scheinen keine signifikante Rolle zu spielen. W\u00e4hrend die Mehrheit der Befragten eine neutrale Antwort (Antwortcode 5) abgibt, halten sich Europafreunde und -skeptiker die Waage, und die Krise scheint daran nichts zu \u00e4ndern. Europa als gesellschaftliches Projekt scheint also nicht gef\u00e4hrdet, auch wenn eher eurosekeptische L\u00e4nder wie Grossbrittanien (Durchschnittswert\u00a0 3.9) nach wie vor Ihre Rolle einnehmen. Das selbe gilt auch f\u00fcr die Allgemeine Zufriedenheit mit dem Leben: Zwar sind hier L\u00e4nderunterschiede klar sichtbar, so sind Schweizer zufriedener als Griechen, doch die Krise brachte auch hier keine signifikante Ver\u00e4nderung. Es kann also festgehalten werden, dass einiges an Vertrauen in die Wirtschaft und Politik abhandengekommen ist, aber die B\u00fcrger S\u00fcdeuropas der Verzweiflung doch noch nicht so nahe sind, wie man dies aufgrund Medienberichten durchaus meinen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neu im ESS-Datensatz von 2012 ist auch die Frage, wie wichtig es f\u00fcr die Befragten ist, in einer demokratisch regierten Land zu leben. Da hier leider kein Zeitvergleich m\u00f6glich ist, k\u00f6nnen wir nur spekulieren, wie die Situation vor der Krise ausgesehen hat. Doch auch nach der Krise sehen wir, dass die Krise auch den Glauben an die Demokratie nicht br\u00f6ckeln l\u00e4sst:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/cf.datawrapper.de\/5hN6t\/1\/\" height=\"800\" width=\"720\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier es es wohl vor allem eine historisch gewachsene Einstellung zur Demokratie, welche die Unterschiede in der Beurteilung der Wichtigkeit der Demokratie erkl\u00e4rt, und nicht die mittlerweile scheinbar \u00fcberwundene Krise. Der hohe Wert, welche die Befragten der Demokratie beimessen, lasst also darauf schliessen, dass die Schuldenkrise, so gravierend deren Folgen auch sein m\u00f6gen, den Glauben an ein demokratisches Europa nicht nachhaltig untergr\u00e4bt. Es bleibt zu hoffen, dass mit den sich verbessernden Wirtschaftsindikatoren auch das Vertrauen in die Politik zur\u00fcckkehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Blogpost ist Teil des Forschungsseminar &#8222;Politischer Datenjournalismus&#8220; and der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, Dozenten sind Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann und Dr. des. Bruno W\u00fcest. Der Post wurde von Nikolai Thelitz (nikolai.thelitz@uzh.ch, Matrikel-Nr.: 09-724-626) verfasst und am 17. Mai 2014 mit einer L\u00e4nge von 828 W\u00f6rtern abgegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das R-Skript finden Sie <a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/blogpost3.txt\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00f6konomische Sturm, der\u00a0 in den letzten Jahren \u00fcber Europa gew\u00fctet hat, scheint sich langsam aber sicher zu legen. 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