{"id":3202,"date":"2014-11-22T11:28:39","date_gmt":"2014-11-22T10:28:39","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=3202"},"modified":"2017-02-23T15:53:09","modified_gmt":"2017-02-23T14:53:09","slug":"arbeitstitel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2014\/11\/22\/arbeitstitel\/","title":{"rendered":"Drei Sprachen, ein Kanton &#8211; Die Suche nach dem B\u00fcndnergraben"},"content":{"rendered":"<p><strong>Politische Gr\u00e4ben gibt es in der Schweiz viele. Neben den grossen nationalen Gr\u00e4ben wird vermehrt auch von kantonalen Gr\u00e4ben gesprochen. Dieser Artikel befasst sich nun genauer mit dem Kanton Graub\u00fcnden, betrachtet die Ungleichheiten zwischen den drei Sprachregionen und pr\u00fcft, ob die Mehrsprachigkeit auch hier zu \u00a0unterschiedlichen Abstimmungsentscheidungen\u00a0f\u00fchren kann. \u00a0Die Ergebnisse zeigen, dass die Sprachregionen h\u00e4ufig nahe beieinander liegen und dass der gr\u00f6sste Unterschied zwischen den deutschsprachigen und italienischsprachigen Gemeinden liegt.<\/strong><\/p><p>Graub\u00fcnden ist aus politikwissenschaftlicher Sicht ein sehr spannender Kanton, besonders wegen seiner sozio\u00f6konomischen Vielf\u00e4ltigkeit. Im Graub\u00fcnden gibt es gr\u00f6ssere St\u00e4dte und kleine Bergd\u00f6rfer, Ferienparadiese und Industrieareale, Autobahnen und Bergstrassen. Dieser Artikel besch\u00e4ftigt sich aber mit einem anderen Aspekt des Kantons, n\u00e4mlich mit der Mehrsprachigkeit. Wie eine kleine Version der Schweiz ist die Bev\u00f6lkerung in verschiedene Sprachen geteilt: Deutsch, Italienisch und R\u00e4toromanisch. Die Mehrsprachigkeit ist eines der zentralen Merkmale des Kantons, immer wieder gibt es <a href=\"http:\/\/www.suedostschweiz.ch\/zeitung\/rumantsch-grischun-bald-vor-gericht\" target=\"_blank\">Vorst\u00f6sse und Diskussionen<\/a> um diese zu f\u00f6rdern und zu erhalten. Doch unterscheidet sich die Bev\u00f6lkerung nur anhand der Muttersprache oder gibt es zwischen den drei Sprachgruppen auch politische Differenzen?<\/p><p>In zwei Schritten soll diese Frage beantworten werden. Als erstes werden die Gemeinden des Kantons betrachtet und gepr\u00fcft, wie die Zusammensetzung aussieht und inwiefern sich die Gemeinden unterscheiden. In einem zweiten Schritt werden vergangene Abstimmungen betrachtet, um zu sehen, ob die Sprachgruppen unterschiedlich stimmten. Beide Teile werden anhand von Abstimmungsergebnissen auf Gemeindeebene bearbeitet.<\/p>\n<h2>Die Gemeinden im Kanton Graub\u00fcnden<\/h2><p>Graub\u00fcnden\u00a0ist der gr\u00f6sste Kanton der Schweiz und\u00a0hat\u00a0dadurch auch viele Gemeinden, obwohl die <a href=\"http:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/portal\/de\/index\/regionen\/thematische_karten\/03\/14\/01\/01.html\" target=\"_blank\">Bev\u00f6lkerungsdichte vergleichsweise tief<\/a> ist. Ganze 180 Gemeinden z\u00e4hlt der Datensatz, mit dem hier gearbeitet wird. Die Verteilung der Gemeinden und Stimmberechtigten sah im Jahr 2014 bei der FABI-Abstimmung folgendermassen aus:<\/p><p><script id=\"infogram_0_stimmberechtigte-and-gemeinden-gr-03\" src=\"https:\/\/e.infogr.am\/js\/embed.js?52c\" type=\"text\/javascript\"><\/script><\/p>\n<div style=\"width: 100%; border-top: 1px solid #acacac; padding-top: 3px; font-family: Arial; font-size: 10px; text-align: center;\"><a style=\"color: #acacac; text-decoration: none;\" href=\"https:\/\/infogr.am\/stimmberechtigte-and-gemeinden-gr-03\" target=\"_blank\">Stimmberechtigte & Gemeinden GR 03.2013<\/a> | <a style=\"color: #acacac; text-decoration: none;\" href=\"https:\/\/infogr.am\" target=\"_blank\">Create Infographics<\/a><\/div><p>In der oberen Grafik wird ersichtlich, dass Deutsch die am meisten gesprochene Sprache Graub\u00fcndens ist. Die deutschen Gemeinden machen 56,67 % aller B\u00fcndner Gemeinden aus. Hinzu kommt, dass die gr\u00f6ssten Gemeinden Graub\u00fcndens Deutsch sind. Alleine Chur hatte Anfangs 2014\u00a024&#8217;231 Stimmberechtigte, also mehr als alle r\u00e4toromanischen\u00a0Gemeinden und \u00fcber doppelt so viel wie die italienischsprachigen Gemeinden zusammen. Die italienischsprachigen Gemeinden liegen bei den Gemeinden und bei den Stimmberechtigten hinten, nur bei der durchschnittlichen Anzahl Stimmberechtigte pro Gemeinde sind sie vor den r\u00e4toromanischen Gemeinden. Sollte es also zu einer Abstimmungen kommen, in der die verschiedenen Gemeinden anderer Meinung sind, w\u00fcrden die italienischen und r\u00e4toromanischen Gemeinden deutlich den K\u00fcrzeren ziehen. Hier m\u00fcssen aber mehrere Punkte beachtet werden. Der verwendete Datensatz enth\u00e4lt \u00fcber alle Jahre hinweg 180 B\u00fcndner Gemeinden. Graub\u00fcnden hat in den letzten Jahren einige Gemeindefusion miterlebt, die Anzahl ist <a href=\"http:\/\/www.srf.ch\/news\/regional\/graubuenden\/graubuenden-will-gemeindefusionen-nicht-befehlen\" target=\"_blank\">heute deutlich kleiner<\/a>. Da der Datensatz trotz\u00a0Fusionen\u00a0nur Daten dieser festgelegten 180 Gemeinden enth\u00e4lt, wird auch hier damit gearbeitet, damit ein Vergleich \u00fcber die Jahre m\u00f6glich ist. \u00a0Ausserdem muss man nat\u00fcrlich beachten, dass beispielsweise eine r\u00e4toromanische Gemeinde nicht unbedingt nur Einwohner hat, die R\u00e4toromanisch als Muttersprache sprechen.<\/p><p>Als n\u00e4chster Schritt wird die Zusammensetzung der Gemeinden genauer betrachtet, um zu sehen, wie sich die Sprachregionen unterscheiden. Als Erstes wird die Religion der Gemeinden betrachtet:<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/docs.google.com\/spreadsheets\/d\/1IZ-TEgZ_-ny_VBBGp4cJ7qqRzPOhzPaLuVwjLhKyhws\/pubchart?oid=25180979&format=interactive\" width=\"600\" height=\"371\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" seamless=\"\"><\/iframe><\/p><p>Nur bei den deutschsprachigen Gemeinden sind die protestantischen Gemeinden in der Mehrheit, bei den anderen zwei Sprachen \u00fcberwiegen die katholischen Gemeinden. Bei den italienischsprachigen Gemeinden geht es sogar so weit, dass nur eine Gemeinde, also 5%, protestantisch ist. Im Vergleich dazu\u00a0sind die r\u00e4toromanischen Gemeinden vielf\u00e4ltiger.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/docs.google.com\/spreadsheets\/d\/1IZ-TEgZ_-ny_VBBGp4cJ7qqRzPOhzPaLuVwjLhKyhws\/pubchart?oid=195282679&format=interactive\" width=\"600\" height=\"371\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" seamless=\"\"><\/iframe><br \/>\nWenn man die Gemeinden nach der Gemeindetypologie betrachtet, sind die deutschsprachigen Gemeinden eindeutig am vielf\u00e4ltigsten. Vier verschiedene Typen sind dort auffindbar, die meisten sind aber gemischte Gemeinden. Auff\u00e4llig ist hier, dass es nur bei den deutschsprachigen Gemeinden Kleinst\u00e4dte (Chur und Davos) und Kleinagglomerationen gibt. Unterscheide gibt es auch zwischen den italienischsprachigen und r\u00e4toromanischen Gemeinden: Bei den r\u00e4toromanischen Gemeinden gibt es am meisten agrarische Gemeinden, bei den Italienischsprachigen \u00fcberwiegen knapp die gemischten Gemeinden.<\/p><p>Als Fazit f\u00fcr den ersten Teil kann man sagen, dass die deutschsprachigen Gemeinden deutlich in der Mehrheit sind und das nicht nur bei der Anzahl der Gemeinden, sondern auch bei den Stimmberechtigten. Die deutschsprachigen Gemeinden sind eher protestantisch und lassen sich in vier verschiedene Gemeindetypen einordnen. Die r\u00e4toromanischen und italienischsprachigen Gemeinden sind eher katholisch und geh\u00f6ren zu den gemischten und agrarischen Gemeinden.<\/p>\n<h2>Abstimmungen 2000 bis 2014<\/h2><p>Im zweiten Schritt werden nun Abstimmungen betrachtet, um zu sehen, ob die B\u00fcrger der B\u00fcndner Gemeinden unterschiedliche Entscheidungen f\u00e4llten. Betrachtet werden hier die Jahre 2000 bis 2014. Von jedem Jahr wurde die erste Abstimmung des Datensatzes untersucht. Insgesamt wurde also mit Daten von 15 unterschiedlichen Abstimmungen gearbeitet.<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~magloff\/7.embed?width=800&height=600\" width=\"800\" height=\"600\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" seamless=\"seamless\"><\/iframe><\/p><p>Die Daten liefern auf den ersten Blick einen ern\u00fcchternden Eindruck: die Abstimmungsergebnisse liegen h\u00e4ufig nahe beieinander. Dies geht so weit, dass die\u00a0Sprachregionen in 13 von 15 F\u00e4llen die Abstimmungen gemeinsam annahmen oder ablehnten. Nur in zwei F\u00e4llen war die Mehrheit unterschiedlich. Bei der Abstimmung \u00fcber die Weiterf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit im Jahr 2009 lehnten die italienischsprachigen Gemeinden mit 36,137% Ja-Anteil eindeutig ab, w\u00e4hrend die deutschsprachigen (61,314%) und die r\u00e4toromanischen Gemeinden (62,741%) die eidgen\u00f6ssische Abstimmung klar annahmen. Knapper sah es im Jahr 2013 aus, als die italienischsprachigen Gemeinden den Familienartikel mit 54,689% annahmen, w\u00e4hrend die r\u00e4toromanischen Gemeinden (48,116%) und die deutschsprachigen Gemeinden (48,372%) den Artikel ablehnten. Weitere interessante Unterschiede gab es 2002 und 2005, beides Abstimmung im Bereich der\u00a0internationalen \u00d6ffnung, also \u00e4hnlich wie bei der Abstimmung zur Personenfreiz\u00fcgigkeit. Dies ist ein Hinweis darauf, dass ein Graben existieren k\u00f6nnte, aber stark themenspezifisch ist.<\/p><p>Interessant ist auch die N\u00e4he der Abstimmungsergebnisse. In sieben F\u00e4llen lagen die die r\u00e4toromanischen und die deutschsprachigen Gemeinden am n\u00e4chsten beeinander und in sechs F\u00e4llen die Italienischsprachigen und R\u00e4toromanischen. Nur in zwei F\u00e4llen lagen die deutschsprachigen und r\u00e4toromanischen Gemeinden am n\u00e4chsten beeinander, n\u00e4mlich im Jahr 2008 und 2014. Noch deutlicher wird diese Zahl, wenn man beachtet, dass genau diese Abstimmung besonders knapp waren und die Sprachregionen alle sehr nah beieiander lagen.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2><p>Von einem B\u00fcndnergraben kann nicht in jedem Fall gesprochen werden, zu h\u00e4ufig sind sich die drei Sprachen sehr einig. Zwar gibt es in einigen Abstimmungen deutliche Unterschiede, die sind mit grosser Wahrscheinlichkeit aber themenspezifisch und m\u00fcssten deshalb auch in diesem Rahmen\u00a0weiter untersucht werden. Ein klares Fazit kann man aber aus der N\u00e4he der Abstimmungsergebnisse ziehen. Die deutschsprachigen Gemeinden sind selten am n\u00e4chsten bei italienischen Gemeinden, w\u00e4hrend die r\u00e4toromanischen Gemeinden\u00a0zwischen den beiden anderen Sprachregionen hin und her springen. Der deutlichste Graben liegt also zwischen den 102 deutschsprachigen und den 20 italienischsprachigen Gemeinden.<\/p>\n<hr \/><p>&nbsp;<\/p><p>Autor: Mario Egloff | 09-722-869 | egloff.mario@gmail.com<br \/>\nF\u00fcr: Seminar Policy-Analyse: Politischer Datenjournalismus (Herbstsemester 2014)<br \/>\nDozenten:\u00a0Dr. Sarah B\u00fctikofer, Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann und Dr. des. Bruno Wueest.<br \/>\nAbgabedatum: 06.12.2014<br \/>\nW\u00f6rter: 947 (exkl. Lead)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politische Gr\u00e4ben gibt es in der Schweiz viele. Neben den grossen nationalen Gr\u00e4ben wird vermehrt auch von kantonalen Gr\u00e4ben gesprochen. 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