{"id":3409,"date":"2014-12-07T17:31:17","date_gmt":"2014-12-07T16:31:17","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=3409"},"modified":"2017-02-23T15:37:35","modified_gmt":"2017-02-23T14:37:35","slug":"praktisch-alle-berufsgruppen-wandern-nach-rechts-werden-aber-auslanderfreundlicher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2014\/12\/07\/praktisch-alle-berufsgruppen-wandern-nach-rechts-werden-aber-auslanderfreundlicher\/","title":{"rendered":"Praktisch alle Berufsgruppen wandern nach rechts &#8211; werden aber ausl\u00e4nderfreundlicher"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die meisten Berufsgruppen verschoben sich seit 1995 auf der klassischen links-rechts Achse nach rechts. \u00dcberraschenderweise\u00a0wanderten nicht nur die typischen Arbeiterberufe nach\u00a0rechts, sondern praktisch alle\u00a0Berufsgruppen. Erstaunlich ist zudem, dass die Berufsgruppen gleichzeitig bei Fragen der Rechte f\u00fcr Ausl\u00e4nder zwar ausl\u00e4nderfreundlicher, aber\u00a0auch europakritischer geworden sind.<\/strong><\/p><p>Seit 1995 gab es diverse Abstimmungen, welche sich mit Fragen zu den Themen Migration, Europa, \u00a0Zuwanderung und Rechte f\u00fcr Ausl\u00e4nder befassten. Nach dem Nein zum Beitritt in den\u00a0Europ\u00e4ischen Wirtschaftsraum (1992) verfolgte die Schweiz den bilateralen Weg mit der EU. Folglich kam es oft zu heiss diskutierten Volksabstimmungen, welche die beschriebenen Fragen betrafen.<\/p>\n<ul>\n<li>Bilaterale Abkommen 1 (2000), 67.2% Zustimmung<\/li>\n<li>Volksinitiative &#8222;f\u00fcr eine Regelung der Zuwanderung&#8220; (2000), 36.2% Zustimmung<\/li>\n<li>Bilaterale Abkommen 2, Schengen Dublin (2005), 54.6% Zustimmung<\/li>\n<li>Bilaterale Abkommen 2, Personenfreiz\u00fcgigkeit (2005), 56.0% Zustimmung<\/li>\n<\/ul><p>Bei diesen vier Volksabstimmungen wurde noch europa- und ausl\u00e4nderfreundlich abgestimmt. Die Vorlage\u00a0zur Wiederaufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der EU (Ja zu Europa, 2001) wurde dagegen\u00a0abgelehnt. Dies zeigt, dass die Bev\u00f6lkerung den bilateralen Weg bevorzugt und den Beitritt zur EU ablehnt. Seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) am 9. Februar 2014 hat der Wind wom\u00f6glich\u00a0gedreht. Bei einer Mehrheit der Bev\u00f6lkerung macht sich eine st\u00e4rkere Europaskepsis sowie eine zuwanderungskritische Haltung\u00a0bemerkbar und der bilaterale Weg wird immer \u00f6fters kritisiert und hinterfragt. Auswertungen des Stimmverhaltens in den Gemeinden zeigen ebenfalls\u00a0eine <a href=\"http:\/\/blog.tagesanzeiger.ch\/datenblog\/index.php\/6573\/masseneinwanderung\">Zunahme der Angst vor Europa seit dem Jahr 2005.<\/a><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">Der Euroskeptizismus breitet sich aus<\/p>\n<\/blockquote><p>Am 30. November 2014 wurde jedoch der bilaterale Weg der Schweiz vielleicht wieder etwas gest\u00e4rkt. Die Ecopop Initiative wurde an der Urne wuchtig abgelehnt. Dennoch zeigt sich ein Trend der wachsenden Skepsis gegen\u00fcber Europa.<\/p><p>Diese Tendenz spiegelt sich teilweise auch in den Einstellungen der einzelnen Berufsgruppen wider. Die Internationale Arbeiterorganisation der Vereinten Nationen, welche sich f\u00fcr die Rechte der Arbeiter auf der ganzen Welt einsetzt, erfasst seit 1988 weltweit verschiedene Daten zu Berufsgruppen. Mit der <a href=\"http:\/\/www.gesis.org\/fileadmin\/upload\/dienstleistung\/methoden\/spezielle_dienste\/inhaltsanalyse_berufsklass\/isco88_1_.pdf\">ISCO88 Klassifikation<\/a> teilt sie einzelne Berufsgattungen in zehn Hauptkategorien ein. Dazu gibt es zu jeder dieser Hauptkategorien noch vier Unterkategorien, welche\u00a0die Berufsgruppe noch genauer unterscheidet. Diese\u00a0Auswertung beschr\u00e4nkt sich zur Vereinfachung der Grafik auf die zehn Hauptkategorien, wobei die Kategorie der Streitkr\u00e4fte wegen einer zu kleinen Fallzahl weglassen wird.<\/p><p><strong>Berufsgruppen zeigen sich immer\u00a0offener gegen\u00fcber der Gleichberechtigung der Ausl\u00e4nder &#8211; rutschen aber nach rechts<\/strong><\/p><p>Eine \u00fcberraschende Tendenz zeigt sich bei der spezifischen Frage der Gleichberechtigung von Ausl\u00e4ndern und Schweizern. Die Auswertung der jeweiligen Positionierung der Berufsgruppen bez\u00fcglich dieser Frage zeigt eine klare Verschiebung der Position in Richtung\u00a0Gleichberechtigung\u00a0der Ausl\u00e4nder seit 1995. Bei praktisch allen Berufsgruppen, ausser bei den Handwerksberufen, \u00e4nderte sich die durchschnittliche Einstellung in diese Richtung.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/docs.google.com\/spreadsheets\/d\/1ISTR76jLwRUNwiCjBV7YWuLxSw7OsCX38i9biM_FzYc\/pubchart?oid=54515682&format=interactive\" width=\"600\" height=\"371\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" seamless=\"\"><\/iframe><\/p>\n<hr \/><p>Am st\u00e4rksten ist dies bei der Berufsbranche der Landwirtschaft zu beobachten. Seit 1995 stieg der Wert um 27.4%. Einzig bei den Handwerksberufen ist ein schwacher negativer Trend auszumachen.<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~pmoehr\/50.embed?width=800&height=600\" width=\"800\" height=\"600\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" seamless=\"seamless\"><\/iframe><\/p>\n<hr \/><p>Betrachtet man die einzelnen Legislaturperioden, erkennt man die extreme \u00c4nderung in Richtung Chancengleichheit f\u00fcr Ausl\u00e4nder zwischen 1999 und 2007. Seit 2007 ist der Trend wieder r\u00fcckl\u00e4ufig. Dies ist ein m\u00f6gliches Indiz f\u00fcr die Annahme der MEI im Jahr 2014 und deutet auf die steigende Angst vor einer m\u00f6glichen \u00dcberfremdung hin.<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~pmoehr\/51.embed?width=800&height=600\" width=\"800\" height=\"600\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" seamless=\"seamless\"><\/iframe><\/p>\n<hr \/>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0Berufsgruppen wandern zwar nach rechts &#8211; stehen der Chancengleichheit gegen\u00fcber\u00a0Ausl\u00e4nder trotzdem\u00a0offener gegen\u00fcber<\/p>\n<\/blockquote><p>Bei der links-rechts Selbstpositionierung sieht das Bild unerwartet aus. Praktisch alle Berufsgruppen wanderten nach rechts. Nur gerade die Wissenschaftler und die Dienstleistungsberufe rutschten in der Periode von 1995 bis 2011 nach links. 1995 waren die Berufsgruppen zudem noch geeinter. Der ideologische Abstand\u00a0auf der links-rechts Achse hat sich um ca. 44% vergr\u00f6ssert. Es findet also eine gewisse Polarisierung statt.<br \/>\nAlle \u00fcblichen Berufsgruppen tendieren nach rechts. Dass also nur die Arbeiterklasse alleine neu rechts (SVP) w\u00e4hlt, stimmt nicht ganz. Es gab einen allgemeinen Rutsch der politischen Einstellung nach rechts.<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~pmoehr\/52.embed?width=800&height=600\" width=\"800\" height=\"600\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" seamless=\"seamless\"><\/iframe><\/p>\n<hr \/><p><strong>Berufsgruppen zeigen sich immer europaskeptischer<\/strong><\/p><p>Bei der\u00a0Auswertung der jeweiligen Positionierung der Berufsgruppen bez\u00fcglich der Frage eines EU-Beitritts, zeigt sich jedoch eine\u00a0erwartete Verschiebung der Position seit dem Jahr 1995. Anfangs stand nur die Berufsbranche Landwirtschaft abseits der restlichen Branchen. Der Abstand zwischen der europafreundlichsten Berufsgruppe im Jahr 1995 (Wissenschaftler) und der europaskeptischsten (Landwirtschaft) betrug\u00a0noch 0.34 Punkte. Bis zum Jahr 2011 schrumpfte dieser Abstand um ca. 40%. Alle Branchen positionierten sich europakritischer im politischen Raum.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">Neupositionierung der Berufsgruppen in\u00a0der EU-Frage<\/p>\n<\/blockquote><p>&nbsp;<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/docs.google.com\/spreadsheets\/d\/1ISTR76jLwRUNwiCjBV7YWuLxSw7OsCX38i9biM_FzYc\/pubchart?oid=896911619&format=interactive\" width=\"600\" height=\"371\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" seamless=\"\"><\/iframe><\/p>\n<hr \/><p>Bei allen Berufsbranchen hat die Zustimmung zu einem EU-Beitritt extrem abgenommen. Wenn man die gesamte Zeitdauer zwischen 1995 und 2011 betrachtet, nahm sie in allen Branchen um \u00fcber 40% ab. Am st\u00e4rksten wendeten sich die Hilfsarbeitskr\u00e4fte\u00a0von der EU ab (-61.7%). Nur bei den Wissenschaftlern und der Landwirtschaft blieb die \u00c4nderung unter 50%.<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~pmoehr\/47.embed?width=800&height=600\" width=\"800\" height=\"600\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" seamless=\"seamless\"><\/iframe><\/p>\n<hr \/><p>Betrachtet man die einzelnen Legislaturperioden, erkennt man erstaunliches. Zwischen 1995 und 1999 stieg bei einigen Berufsgruppen die Zustimmung zur EU. Allerdings\u00a0sank diese in den Legislaturperioden 1999-2003 und 2007-2011 wieder extrem. In den Jahren 2003-2007 gab es einen deutlich geringeren R\u00fcckgang. In diese Periode fallen auch die beiden Abstimmungen zu den Bilateralen Abkommen 2. Der deutlich geringere Ja-Stimmenanteil als noch bei den Bilateralen Abkommen 1 spiegelt sich also in dieser Grafik wider. Ein stark wachsender Euroskeptizismus f\u00fchrte zu einer kleineren Zustimmung bei europafreundlichen und somit \u00f6ffnungspolitischen Fragen.<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~pmoehr\/48.embed?width=800&height=600\" width=\"800\" height=\"600\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" seamless=\"seamless\"><\/iframe><\/p>\n<hr \/>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0Starke Abnahme der Zustimmung zu Europa in den Nullerjahren<\/p>\n<\/blockquote><p>Ein konzentrierter Blick auf die letzte Legislaturperiode (2007-2011) zeigt einen erneut starken R\u00fcckgang\u00a0bei allen Berufsgruppen\u00a0hinsichtlich eines Beitritts zur EU und somit auch \u00f6ffnungspolitischen Fragen. Bei allen Branchen nahm die Zustimmung zur EU um mindestens 20% ab. Am st\u00e4rksten ist dies erneut bei den Anlagen- und Maschinenbediener (-40.2%) zu beobachten. Die seit dem Jahr 2009 andauernde Eurokrise hatte sicherlich auch einen m\u00f6glichen Einfluss auf\u00a0die Abnahme der Zustimmung zur EU.<br \/>\nDie MEI\u00a0vom 9. Februar 2014 l\u00e4sst vermuten, dass die eindeutige Entwicklung eines wachsenden Euroskeptizismus der Berufsgruppen m\u00f6glicherweise weiter fortgeschritten ist, was zu deren Annahme f\u00fchrte. Eine definitive Aussage l\u00e4sst sich erst mit den Daten aus dem Jahr 2015 machen. Dann wird\u00a0man sehen, ob sich die Entwicklung fortsetzt, der Trend stagniert oder eine Gegenentwicklung stattgefunden hat.<\/p>\n<hr \/><p>Autor: Philipp M\u00f6hr \/ philipp.moehr@uzh.ch \/ 10-711-158 \/ Abgabedatum 7.12.2014<br \/>\nBlog: Im Rahmen des Forschungsseminars Policy Analyse: Politischer Datenjournalismus<br \/>\nDozenten: Dr. Sarah B\u00fctikofer, Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann und Dr. des. Bruno W\u00fcest<br \/>\nDaten: <a href=\"http:\/\/forscenter.ch\/de\/our-surveys\/selects\/\">Selects<\/a> Datensatz (aus der Vorlesung: Forschungsseminar Policy-Analyse: Politischer Datenjournalismus),\u00a0<a href=\"http:\/\/www.gesis.org\/fileadmin\/upload\/dienstleistung\/methoden\/spezielle_dienste\/inhaltsanalyse_berufsklass\/isco88_1_.pdf\">isco88 Klassifizierung<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.ilo.org\/global\/lang--en\/index.htm\">International Labour Organization<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.swissvotes.ch\/db\/votes\/listing\">Swissvotes<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/portal\/de\/index\/themen\/17\/03.html\">Bundesamt f\u00fcr Statistik<br \/>\n<\/a>W\u00f6rter: 920<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten Berufsgruppen verschoben sich seit 1995 auf der klassischen links-rechts Achse nach rechts. \u00dcberraschenderweise\u00a0wanderten nicht nur die typischen Arbeiterberufe nach\u00a0rechts, sondern praktisch alle\u00a0Berufsgruppen. 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