{"id":3637,"date":"2014-12-07T22:45:41","date_gmt":"2014-12-07T21:45:41","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=3637"},"modified":"2017-02-23T15:30:39","modified_gmt":"2017-02-23T14:30:39","slug":"wie-die-liberale-wirtschaftsordnung-der-schweiz-unter-druck-geriet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2014\/12\/07\/wie-die-liberale-wirtschaftsordnung-der-schweiz-unter-druck-geriet\/","title":{"rendered":"Wie die Liberale Wirtschaftsordnung der Schweiz unter Druck geriet"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schweizerinnen und Schweizer waren lange Zeit \u00e4usserst liberal und wirtschaftsfreundlich eingestellt. Skandale, Exzesse und die Finanzkrise haben jedoch das Vertrauen der Stimmb\u00fcrger in eine sich weitgehend selber regulierende Wirtschaft untergraben. Die politische Stimmung in der Schweiz verschob sich im letzten Jahrzehnt von der Bef\u00fcrwortung des freien Wettbewerbs hin zur Bef\u00fcrwortung vermehrter staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft.<\/strong><\/p><p>Im Gegensatz zu vielen anderen Europ\u00e4ischen L\u00e4ndern kam die Schweiz relativ glimpflich durch die Finanzkrise. Die Schweizerinnen und Schweizer waren im Durchschnitt weniger stark von der Krise betroffen als B\u00fcrger anderer Europ\u00e4ischer L\u00e4nder. Dennoch hat die Finanzkrise auch in den K\u00f6pfen der Schweizer tiefe Spuren hinterlassen. Eine der Auswirkungen der Finanzkrise manifestiert sich im Vertrauensschwund des durchschnittlichen Schweizer Stimmb\u00fcrgers in eine sich selbst regulierende Marktwirtschaft.<\/p><p><strong>Bef\u00fcrwortung staatlicher Wirtschaftseingriffe nimmt zu<\/strong><\/p><p>Anhand kumulierter und repr\u00e4sentativer\u00a0<a href=\"http:\/\/forsdata.unil.ch\/projects\/voxit\/\">Umfragedaten<\/a>\u00a0aus den Jahren 2004 bis 2014, \u00a0l\u00e4sst sich eine Abkehr der Stimmb\u00fcrger von der Bef\u00fcrwortung freien Wettbewerbs hin zur Bef\u00fcrwortung staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft beobachten.<\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Diagramm_1_klein-01.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-3766\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Diagramm_1_klein-01.png\" alt=\"Diagramm_1_klein-01\" width=\"820\" height=\"501\" \/><\/a><\/p><p>(Eigene Darstellung; Quellen:\u00a0<a title=\"VoxIt\" href=\"http:\/\/forsdata.unil.ch\/projects\/voxit\/\" target=\"_blank\">Vox<\/a>;\u00a0<a href=\"http:\/\/www.gfsbern.ch\/de-ch\/\" target=\"_blank\">GFS<\/a>)<\/p><p>Die durchschnittliche Zustimmung zu freiem Wirtschaftswettbewerb hielt sich lange Zeit auf relativ hohem Niveau. So ver\u00e4nderte sie sich bis gegen Ende 2008 kaum oder \u00fcberhaupt nicht und bewegte sich auf einer Skala von 1 bis 7 lange Zeit um den Wert 5. Im Jahr 2009 ereignete sich dann ein deutlicher Einbruch. W\u00e4hrend rund eines Jahres verlor die durchschnittliche Zustimmung \u00a0zu freiem Wettbewerb auf der gleichen Skala \u00fcber einen Punkt. Unterscheidet man die durchschnittliche Zustimmung der Befragten zus\u00e4tzlich nach der politischen Selbstpositionierung, akzentuiert sich das Bild noch.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Diagramm_2_klein-01.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-3799\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Diagramm_2_klein-01.png\" alt=\"Diagramm_2_klein-01\" width=\"791\" height=\"484\" \/><\/a><\/p><p>(Eigene Darstellung; Quellen:\u00a0<a title=\"VoxIt\" href=\"http:\/\/forsdata.unil.ch\/projects\/voxit\/\" target=\"_blank\">Vox<\/a>\u00a0&\u00a0<a href=\"http:\/\/www.gfsbern.ch\/de-ch\/\" target=\"_blank\">GFS<\/a>)<\/p><p>Wenig \u00fcberraschend ist die durchschnittliche Zustimmung zu staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft bei linken W\u00e4hlern h\u00f6her als bei Rechten oder solchen der Mitte. Bei allen dreien l\u00e4sst sich jedoch ein \u00e4hnlicher Trend \u00fcber die Zeit beobachten; So blieb die durchschnittliche Zustimmung zu Wettbewerb, auf unterschiedlichen Niveaus, bei allen drei W\u00e4hlergruppen lange Zeit konstant. Mit dem Einbruch der Zustimmung zu Wettbewerb Mitte 2009 begann die Bef\u00fcrwortung staatlicher Wirtschaftseingriffe zuzunehmen. Auff\u00e4llig ist, dass die Zustimmung zu Wettbewerb bei rechten W\u00e4hlern st\u00e4rker Abnahm als bei Linken und Mitte W\u00e4hlern. Im Jahr 2010 war der Unterschied zwischen linken und rechten W\u00e4hlern nur noch halb so gross wie zwei Jahre zuvor.<\/p><p><strong>M\u00f6gliche Ursachen der Zunahme<\/strong><\/p><p>Wie lassen sich die Ver\u00e4nderungen der Zustimmung zu Wettbewerb bzw. Staatseingriffen erkl\u00e4ren? Die Umfragewerte ver\u00e4nderten sich vor allem zwischen 2008 und 2010, also exakt w\u00e4hrend und kurz nach der Finanzkrise. Im Jahr 2007, zu Beginn der Finanzkrise, ver\u00e4nderte sich die Zustimmung noch kaum. Damals war die Schweiz vergleichsweise wenig von der internationalen Finanzkrise betroffen. Erst als am 15. September 2008 Lehman Brothers bankrott ging und in der Folge die UBS zunehmend in Schwierigkeiten geriet, fing die durchschnittliche Zustimmung zu Wettbewerb in der Schweiz an zu sinken. \u00a0Am 16. Oktober 2008 musste die UBS schliesslich von der Nationalbank und dem Bund mit 60 Milliarden Franken gerettet werden. In den Jahren 2008 und 2009 machte die UBS insgesamt \u00fcber 20 Milliarden Franken Verlust. Gleichzeitig intensivierte sich der Steuerstreit mit den USA. Trotzdem zahlte die Bank weiterhin Boni in Milliardenh\u00f6he, was f\u00fcr viel <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/schweiz\/standard\/UBSBoni-Das-ist-eine-Sauerei\/story\/20974588\" target=\"_blank\">Unverst\u00e4ndnis<\/a> sorgte.<\/p><p>Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr die beobachtete Zunahme der Akzeptanz staatlicher Wirtschaftseingriffe k\u00f6nnte daher die Ver\u00e4rgerung vieler Schweizer \u00fcber sogenannte &#8218;Skandale&#8216; und &#8218;Exzesse&#8216; auf dem Schweizer Finanzplatz sein. Verst\u00e4rkend hinzu kommt meiner Meinung nach eine generelle Verunsicherung \u00fcber die Effektivit\u00e4t und die selbstregulierende Kraft des wettbewerbsorientierten Wirtschaftssystems. Die sich wiederholenden Krisen und Skandale (Steuerbetrug, Insiderhandel, etc.) werden je l\u00e4nger je weniger als seltene St\u00f6rungen einer funktionierenden Marktwirtschaft angesehen, sonder vermehrt als immanente Symptome einer fehlerhaften Wirtschaftsordnung betrachtet. Der Staat ist st\u00e4rker als Ordnungs- und Kontrollkraft gefragt und die Wirtschaft soll vermehrt durch demokratische Mittel in kontrollierte und stabile Bahnen gezwungen werden.<\/p><p><strong>Konsequenzen vermehrter Bef\u00fcrwortung staatlicher Wirtschaftseingriffe\u00a0<\/strong><\/p><p>Es stellt sich die Frage, wie sich eine Zunahme der Bef\u00fcrwortung von Staatseingriffen auf die Schweiz auswirkt. Die Gefahr besteht, dass auch in der Schweiz das Vertrauen in eine liberale Wirtschaftsordnung durch das Verhalten einiger weniger Akteure nachhaltig gesch\u00e4digt wurde. Eine m\u00f6gliche Folge k\u00f6nnte eine Zunahme von Initiativen und politischen Vorst\u00f6ssen sein, welche in die Wirtschaftsordnung einzugreifen versuchen. Anzeichen daf\u00fcr gab es in den letzten Jahren einige: So zum Beispiel durch die Abzocker-, die 1:12-, die Mindestlohn- oder die Goldinitiative. Dass drei dieser vier Initiativen abgelehnt wurden, zeugt von einem immer noch liberalen Wirtschaftsverst\u00e4ndnis der Schweizer W\u00e4hler. Die Annahme der Abzockerinitiative am 3. M\u00e4rz 2013 ist jedoch ein Indiz f\u00fcr die Ver\u00e4nderte Haltung, insbesondere rechter und b\u00fcrgerlicher W\u00e4hler, zu Staatseingriffen in die Wirtschaft.<\/p><p>Eine Zunahme der Bef\u00fcrwortung von Staatseingriffen in die Wirtschaft als Folge der Finanzkrise l\u00e4sst sich aber auch als Chance verstehen, verlorene Handlungsf\u00e4higkeit beim Schweizer Staat zur\u00fcckzuerlangen. Gerade w\u00e4hrend der Finanz- \u00a0und Eurokrise schienen die meisten Europ\u00e4ischen Staaten in den Zw\u00e4ngen einer aus dem Ruder laufenden globalen Finanzordnung gefangen. So auch die Schweiz, insbesondere vor dem Hintergrund der weiterhin bestehenden &#8218;too big to fail&#8216; Problematik der beiden gr\u00f6ssten Schweizer Banken. Sowohl die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ubs.com\/global\/en\/about_ubs\/investor_relations\/shared\/quarterlies\/2014\/3q14\/_jcr_content\/par\/columncontrol_3\/col1\/linklist\/link.1039988972.file\/bGluay9wYXRoPS9jb250ZW50L2RhbS9zdGF0aWMvcXVhcnRlcmxpZXMvMjAxNC8zcTE0LzNxMTQtZmluYW5jaWFsLXJlcG9ydC5wZGY=\/3q14-financial-report.pdf\">UBS<\/a>\u00a0mit einer Bilanzsumme von 1&#8217;049 Milliarden Franken als auch die\u00a0\u00a0<a href=\"https:\/\/www.credit-suisse.com\/ch\/de\/about-us\/who-we-are\/at-a-glance.html#tab_2\">CS<\/a>\u00a0(872,8 Milliarden) \u00fcbersteigen das J\u00e4hrliche\u00a0<a href=\"http:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/portal\/de\/index\/themen\/04\/02\/01\/key\/bip_gemaess_produktionsansatz.html\">Schweizer BIP<\/a> von 635 Milliarden noch immer bei Weitem. Auch weisen beide noch immer relativ tiefe ungewichtete Eigenmittelquoten von 4,2 Prozent (<a href=\"file:\/\/\/Users\/Nick\/Downloads\/3q14-financial-report.pdf\">UBS<\/a>), bzw. \u00a03,8 Prozent (<a href=\"https:\/\/www.credit-suisse.com\/media\/cc\/docs\/investors\/results\/csg-resultssummary-3q14-de.pdf\">CS<\/a>) auf. Eine St\u00e4rkung der staatlichen Kompetenzen in Folge einer Zunahme \u00f6ffentlicher Bef\u00fcrwortung von Staatseingriffen kann in diesem Fall auch zur Stabilisierung und St\u00e4rkung der Schweizer Wirtschaft beitragen. Die Schweizer Wirtschaft, insbesondere der Finanzplatz, sollte vermehrt versuchen, das verlorene Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in den Wettbewerb zur\u00fcckzugewinnen, will sie in Zukunft nicht vermehrt mit einschneidenden und sch\u00e4dlichen Initiativen konfrontiert werden. In welche Richtung sich die Wirtschaftsordnung der Schweiz bewegt, wird sich zeigen.<\/p>\n<address>Von Nick Bernet<br \/>\n<em>06-607-477<br \/>\n<\/em>nicolas.bernet@uzh.ch<\/address><p><em>Blogbeitrag im Rahmen des Forschungsseminars: Politischer Datenjournalismus<br \/>\n<\/em><em>Prof. Dr. Fabrizio Gilardi,\u00a0Dr. Sarah B\u00fctikofer, Dr. Michael Hermann,\u00a0Dr. des. Bruno W\u00fcest<\/em><\/p><p><em>W\u00f6rter: 917<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schweizerinnen und Schweizer waren lange Zeit \u00e4usserst liberal und wirtschaftsfreundlich eingestellt. Skandale, Exzesse und die Finanzkrise haben jedoch das Vertrauen der Stimmb\u00fcrger in eine sich weitgehend selber regulierende Wirtschaft untergraben. 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