{"id":364,"date":"2014-03-13T17:12:59","date_gmt":"2014-03-13T16:12:59","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=364"},"modified":"2017-02-22T12:06:11","modified_gmt":"2017-02-22T11:06:11","slug":"vom-mythos-dichtestress","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2014\/03\/13\/vom-mythos-dichtestress\/","title":{"rendered":"Vom Mythos \u00abDichtestress\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><b>\u00abDichtestress\u00bb beschreibt alles \u2013 und nichts. Das diffuse Konstrukt soll entlang seiner strukturellen Bestimmung konsumiert werden.<\/b><\/p><p>Mit moderner politischer Kommunikation k\u00f6nnen Resultate an der Urne beeinflusst werden. So weit, so gut. Selbstredend ist, dass dabei die Sprache das wesentliche Element ist. Dabei geht es nicht um die Muttersprache und die Frage, weshalb in der <i>Deutschschweiz<\/i> in der <i>deutschen<\/i> <i>Sprache<\/i> \u00fcber eine Abstimmungsthematik diskutiert wird, sondern vielmehr darum, wie eine Debatte gef\u00e4rbt ist. Auch in der politikwissenschaftlichen Forschung wird immer wieder untersucht, <i>wie<\/i> ein Abstimmungskampf gef\u00fchrt wird. Man nennt das <i>Framing<\/i>. Framing bezieht sich auf den Rahmen, in dem ein Diskurs stattfindet. Der Rahmen beeinflusst die Debatte wesentlich. Es ist wie bei einem Bild, das je nach Art und Material des Rahmens unterschiedlich wirkt.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abI claim [&#8230;] to show, not how men think in myths, but how myths operate in men\u2019s minds without their being aware of the fact.\u00bb [<a href=\"http:\/\/www.amazon.com\/The-Raw-Cooked-Mythologiques-Volume\/dp\/0226474879\" target=\"_blank\">1<\/a>]<\/p><\/blockquote><p>Das zentrale Element von Frames sind Mythen. Die Kraft der Mythen liegt darin, dass sie ohne Erkl\u00e4rung funktionieren und nicht untersuchungsw\u00fcrdig erscheinen \u2013 sie geben sich \u00abtransparent\u00bb.<\/p><p>Mythen gibt es viele, aber nur wenige sind so erfolgreich wie jene aus der politischen Ecke. Der Erfolg r\u00fchrt daher, dass der politische Mythos komplexe, un\u00fcberschaubare Situationen und Zusammenh\u00e4nge verst\u00e4ndlich macht &#8211; Begriffe werden als nat\u00fcrlich inszeniert, unabh\u00e4ngig davon, ob sie mit den jeweiligen Tatsachen vereinbar sind. Mythen sind Vereinfachungen, die sich an Stereotypen bedienen. Ein weiteres wichtiges Merkmal liegt in seiner Emotionalit\u00e4t, er kennzeichnet sich durch aufregende und entz\u00fcckende Erz\u00e4hlungen. Der Mythos wendet sich nicht zuf\u00e4llig an sein Publikum, ganz im Gegenteil: Er verfolgt ein Ziel. Er ist der Wolf im Schafspelz, er will die Abstimmung gewinnen. Im Falle von \u00abDichtestress\u00bb ist klar, wer das Publikum darstellt: Das Schweizer Stimmvolk.\u00a0Spannend daran ist, dass dieses sowohl Adressat des Mythos als auch, in gewisser Weise, dessen Mitbegr\u00fcnder ist. Dadurch, dass es den Begriff aufnimmt und immer wieder artikuliert, tragen die Adressaten wesentlich zu der Naturalisierung des Begriffes bei.<\/p><p>Dass es sich bei\u00a0\u00abDichtestress\u00bb um einen Mythos handelt, kann mithilfe seiner Diffusion in den Medien gezeigt werden. Aus diesem Grund wurden vierzehn Zeitungen w\u00e4hrend einer Dauer von <a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Phasen1.jpg\">neun Jahren<\/a> untersucht. Es handelt sich dabei ausschliesslich um <a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Zeitungen1.jpg\">deutschschweizer Medienerzeugnisse<\/a>, da die frankofone Schweiz den<a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/schweiz\/standard\/Dichtestress-gibt-es-nicht-auf-Franzoesisch\/story\/13267445\" target=\"_blank\"> Begriff \u00abDichtestress\u00bb nicht kennt<\/a>.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-624 aligncenter\" alt=\"diffusion\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/diffusion.jpg\" width=\"399\" height=\"423\" \/><\/p><p>In der ersten untersuchten <a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Phasen1.jpg\">Phase<\/a>, den sechs Jahren vor der Unterschriftensammlung, sind praktisch keine Nennungen auszumachen. Auch w\u00e4hrend der Phase, in der die Initianten auf Unterschriftenfang waren, zeigt sich noch kein nennenswerter Artikelanstieg (Phase 2). Erst mit der erfolgreichen Einreichung der Initiative nimmt die Anzahl sukzessive zu.\u00a0Der vorl\u00e4ufige H\u00f6hepunkt liegt in der Zeit zwischen dem 24. November (letzte eidg. Abstimmung vor dem MEI-Urnengang) 2013 und dem 9. Februar 2014 &#8211; im Abstimmungskampf (vierte Phase). Auf den ersten Blick scheint erstaunlich, dass der Abstimmungskampf nur einen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt darstellt. Erst durch den erneuten Anstieg in der Berichterstattung wird der Mythos vollkommen naturalisiert. Dieses &#8222;normal werden&#8220; kommt einem Ritterschlag gleich und geschieht erst in der Retrospektive durch die Analysen der um Deutungshoheit ringenden Experten und Parteien (Phase 5). Dass in diesem Prozess oft negativ auf den Begriff verwiesen wurde, tut der Begriffsnaturalisierung keinen Abbruch. Vielmehr zeigt sich, dass sich nun sogar die politischen Experten um den Begriff bem\u00fchen. Auf diese Art wird der Mythos aus der Bev\u00f6lkerung heraus verst\u00e4rkt und in gewisser Weise immer wieder neu erschaffen.<\/p>\n<blockquote><p>\u00dcberf\u00fcllte Z\u00fcge, verstopfte Autobahnen, zu hohe Mieten, kein Platz im Zoo-Restaurant um 12.00 Uhr mittags. Zusammengefasst: Dichtestress.[<a href=\"http:\/\/www.watson.ch\/!362087372?utm_source=earned&utm_medium=Facebook&utm_campaign=share-tracking\" target=\"_blank\">2<\/a>]<\/p><\/blockquote>\n<h3>Dichte und andere Dichtungen<\/h3><p>Um den Mythos \u00abDichtestress\u00bb komplett zu demaskieren, fehlt es noch an einer \u00dcberpr\u00fcfung der Realit\u00e4t. Falls sich zeigt, dass tats\u00e4chlich vorhandener Platzmangel zu mehr Zustimmung gef\u00fchrt hat, ist \u00abDichtestress\u00bb allenfalls ein ungl\u00fccklich gew\u00e4hlter Begriff, der aber sehr wohl mit den realen Tatsachen vereinbar ist. Wenn \u00abDichtestress\u00bb jedoch nicht als Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Abstimmungsresultat dient, dann ist gezeigt, dass es sich dabei tats\u00e4chlich um eine emotional aufgeladene Erz\u00e4hlung handelt. Wenn dem so ist, dann ist der Mythos entlarvt und es stellt sich die Frage, welche anderen Faktoren das Abstimmungsresultat erkl\u00e4ren.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.google.com\/fusiontables\/embedviz?q=select+col0%3E%3E1+from+1pjbEpRlTXcge5rKWh7DdO0NaLsQrwzs5EnTcb6Od&viz=MAP&h=false&lat=46.801065040200356&lng=8.714777382862849&t=1&z=8&l=col0%3E%3E1&y=2&tmplt=2&hml=KML\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-687\" alt=\"MEI_thumb\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/MEI_thumb.jpg\" width=\"590\" height=\"341\" \/><\/a><\/p><p>F\u00fcr die interaktive Karte Bild anklicken.<\/p>\n<h5>Statistische Ann\u00e4herung<\/h5><p>Verschiedene <a href=\"http:\/\/www.zoonpoliticon.ch\/blog\/\" target=\"_blank\">Autoren<\/a> haben bereits darauf hingewiesen, dass die Bev\u00f6lkerungsdichte wahrscheinlich nicht zur Erkl\u00e4rung des Resultates dient.<\/p><p>Auf der Ebene der Deutschschweizer Gemeinden zeigt sich in der statistischen Analyse des Abstimmungsresultates, dass die Dichte keine Rolle spielt. Es kommt noch schlimmer, nicht nur dient die Dichte nicht als Erkl\u00e4rungsfaktor, sondern je mehr Bev\u00f6lkerungswachstum eine Gemeinde erlebte, desto gr\u00f6sser ist die Wahrscheinlichkeit in dieser Gemeinde, die Initiative abgelehnt zu haben. Weiter gilt auf der Gemeindeebene, was f\u00fcr die Kantone G\u00fcltigkeit hatte: Die Zustimmung zur Initiative hing in erster Linie vom Anteil der SVP-W\u00e4hler ab, w\u00e4hrend der Anteil der ausl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung eine h\u00f6here Ablehnungswahrscheinlichkeit nahelegt. Spannend f\u00fcr Deutschschweizer Gemeinden ist, dass sich die Agglomerationen neu am Land orientieren und im Vergleich zu den St\u00e4dten wertkonservativ abstimmen.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abUnser Dichtestress ist der Ausdruck einer satten, reichen Gesellschaft.\u00bb [<a href=\"http:\/\/www.badische-zeitung.de\/basel\/basel-leidet-unter-luxusproblemen--77904861.html\" target=\"_blank\">3<\/a>]<\/p><\/blockquote><p>F\u00fcr die franz\u00f6sischsprachige Schweiz zeichnet sich ein wenig anderes Bild. Die Dichte hat keine Erkl\u00e4rungskraft und auch hier zeigt sich, dass je mehr Zuwanderung eine Gemeinde zu bewerkstelligen hatte, desto gr\u00f6sser ist die Wahrscheinlichkeit, gegen die Initiative gestimmt zu haben. Auch hier ist interessant zu beobachten, dass Gemeinden der Romandie viel weniger stark f\u00fcr die Initiative gestimmt haben, sich also der krasse Stadt-Land Gegensatz der Deutschschweiz nicht so deutlich zeigt. Auch in der italienischsprechenden Schweiz taugt der Faktor Dichte nicht, um das Abstimmungsresultat zu erkl\u00e4ren und es zeigen sich dieselben Muster wie in der deutsch- und franz\u00f6sischsprachigen Schweiz.<\/p>\n<h5>Zunehmende Dichte kann zu Unfruchtbarkeit und Tod f\u00fchren<\/h5><p>Die Begriffsdiffusion und die \u00dcberpr\u00fcfung an realen Gegebenheiten belegt klar, dass es sich bei \u00abDichtestress\u00bb nur um einen Mythos handeln kann. Interessant ist, dass die Romandie, die den Begriff nicht kennt, gegen die Initiative stimmte. Das Wort \u00abDichtestress\u00bb hat einen eindr\u00fccklichen Eingang in die Themenlandschaft der deutschschweizer Presse gefunden und dank der Offenheit des Begriffs gelangt \u00abDichtestress\u00bb zu seiner vermeintlich nat\u00fcrlichen Bedeutung. Es bleibt nur noch anzuf\u00fchren, was es mit dem Begriff tats\u00e4chlich auf sich hat. Der Duden kennt den Begriff nicht und Wikipedia verweist einen zu Lemmingen und Seidenschw\u00e4nzen. Diese verlassen aufgrund von sozialem Stress ihr Gebiet. Auch aufgef\u00fchrt ist, dass zunehmende Dichte zu Verhaltens\u00e4nderungen, Unfruchtbarkeit oder gar dem Tod f\u00fchren kann.[<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Populationsdynamik#Dichteabh.C3.A4ngige_Faktoren\" target=\"_blank\">4<\/a>]<\/p><p><em>Beitrag von Thomas Willi<\/em><em><br \/>\n<a href=\"mailto:thomas.willi@foeg.uzh.ch\">E-Mail<\/a><br \/>\n<\/em><\/p><p>|<a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Datenherkunft.pdf\" target=\"_blank\"> Daten<\/a> |<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abDichtestress\u00bb beschreibt alles \u2013 und nichts. Das diffuse Konstrukt soll entlang seiner strukturellen Bestimmung konsumiert werden.Mit moderner politischer Kommunikation k\u00f6nnen Resultate an der Urne beeinflusst werden. So weit, so gut. Selbstredend ist, dass dabei die Sprache das wesentliche Element ist. 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