{"id":3723,"date":"2014-12-07T13:26:30","date_gmt":"2014-12-07T12:26:30","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=3723"},"modified":"2017-02-23T15:46:10","modified_gmt":"2017-02-23T14:46:10","slug":"medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2014\/12\/07\/medien\/","title":{"rendered":"Der Mythos des linken Staatsfernsehens"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Vorwurf der \u201elinksunterwanderten\u201c SRG h\u00e4lt sich unter Kritikern seit Jahren hartn\u00e4ckig. Auf die Zuschauer f\u00e4rbt die vermeintliche politische Befangenheit aber nicht ab.<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p><p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-3749\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Titelbild_TV_Abstimmungs.jpg\" alt=\"Titelbild_TV_Abstimmungs\" width=\"1176\" height=\"427\" \/><\/strong><\/p><p>&nbsp;<\/p><p>In der Schweiz ger\u00e4t das \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk SRG chronisch ins Schussfeld von Kritikern, die dem geb\u00fchrenfinanzierten Medienunternehmen und seinen Journalisten politische Befangenheit vorwerfen. So war f\u00fcr die Weltwoche die Wahl von Roger de Weck als SRG-Generaldirektor vor vier Jahren \u201eeine Hinterzimmerwahl\u201c, bei der Moritz Leuenberger als damals abtretender <a href=\"http:\/\/www.weltwoche.ch\/ausgaben\/2010-21\/artikel-2010-21-medien-berlusconi-von-bern.html\" target=\"_blank\">\u201eBundesrat bei einem Glas Wein die F\u00e4den zog\u201c<\/a>. Dieses Jahr war die Aufregung gross als sich Verteidigungminister Ueli Maurer im Vorfeld der Gripen-Abstimmung w\u00e4hrend eines Fernsehinterviews \u00fcber die \u00a0<a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/schweiz\/standard\/Ueli-Maurer-verliert-in-der-Rundschau-die-Beherrschung\/story\/19222275\" target=\"_blank\">&#8222;tendenzi\u00f6se&#8220;<\/a> Berichterstattung\u00a0der SRG entr\u00fcstete. Diese Aussagen sind beispielhaft f\u00fcr die Argumente\u00a0aus dem rechten Lager.\u00a0Aber nicht nur Vertreter aus\u00a0b\u00fcrgerlichen Kreisen melden Kritik an der SRG an, auch die politische Linke und Mitte sehen sich selbst benachteiligt: Sie bem\u00e4ngeln, dass in Diskussionssendungen wie der \u201eArena\u201c <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/feuilleton\/medien\/tele-blocher-am-leutschenbach-1.4273840\" target=\"_blank\">Repr\u00e4sentanten der SVP bevorzugt w\u00fcrden und der Themenfokus h\u00e4ufig mit der SVP-Agenda \u00fcbereinstimme<\/a>.<\/p><p>Medieninhaltsanalysen lieferten bisher keine deutlichen Resultate zu diesem Thema: 2010 wurde in einer Studie der Publicom herausgefunden, dass die politische Linke im \u00f6ffentlich-rechtlichen Radioprogramm in der Romandie am h\u00e4ufigsten erw\u00e4hnt wird, w\u00e4hrend es in den restlichen Sprachregionen die b\u00fcrgerlichen Parteien waren. Im Fernsehprogramm der SRG fanden im gleichen Jahr die SP und die SVP am meisten Erw\u00e4hnung. \u201eDies l\u00e4sst sich dahingehend interpretieren, dass die politisch am st\u00e4rksten profilierten Parteien st\u00e4rkere mediale Aufmerksamkeit als die politische Mitte geniessen\u201c, kommentierte damals Medienforscher Matthias K\u00fcnzler.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p><strong>SRF als politische Entscheidungsgrundlage<\/strong><\/p><p>Auf Ebene der Inhalte konnten bisher also keine Beweise f\u00fcr eine linke Tendenz der Medien gefunden werden. Aber wie sieht es auf Seiten der Rezipienten aus? F\u00e4rbt die vermeintlich politische Befangenheit des Medienunternehmens auf seine Zuschauer ab? Mit Daten aus den VOX-Analysen l\u00e4sst sich feststellen, ob ein Zusammenhang zwischen dem Bezug politischer Informationen aus dem TV und der Parteiaffinit\u00e4t besteht. In den Befragungen wird erhoben, ob sich die Stimmenden im Fernsehen \u00fcber Abstimmungsvorlagen informieren. Verschiedene medienanalytische Studien belegen, dass in der Schweiz nationale politische Themen fast ausschliesslich im SRF behandelt werden und sich kommerzielle Sender in ihrem redaktionellen Programm kaum mit nationaler Politik besch\u00e4ftigen. Das SRF hat also auf dem Fernsehmarkt ein Monopol was nationale politische Themen angeht. Aus diesem Grund kann mit Berechtigung angenommen werden, dass die Befragten, welche Informationen aus dem TV als Entscheidungsgrundlage f\u00fcr Abstimmungen nutzen, diese aus dem Programm der SRG beziehen.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p><strong>Gr\u00fcne und Hochgebildete informieren sich seltener im TV<\/strong><\/p><p>Ein Vergleich unter den f\u00fcnf gr\u00f6ssten Parteien zeigt,\u00a0welche W\u00e4hlerschaft das Fernsehen als politische Informationsgrundlage benutzt.<\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/TV_Ent_Partei.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3726 size-full\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/TV_Ent_Partei.jpg\" alt=\"TV als Entscheidungsgrundlage nach Partei\" width=\"1361\" height=\"1067\" \/><\/a><\/p><p>Auf den ersten Blick wird ersichtlich, dass der Anteil der Sympathisanten, welche sich im Fernsehen informieren bei der SVP (78.9 %) gr\u00f6sser ist als bei der SP (71.0 %). W\u00e4hrend sich die FDP und die CVP im \u00e4hnlichen Rahmen wie die SVP befinden, ist der tiefste Wert\u00a0bei den Gr\u00fcnen mit nur 58.7% zu beobachten. Eine Analyse nach Selbstpositionierung ergibt ein \u00e4hnliches Bild: Je weiter rechts ein B\u00fcrger sich selbst einteilt, desto eher bezieht er seine politischen Informationen aus dem Fernsehen. Dass die Parteien links der Mitte so zur\u00fcckfallen, ist durchaus erstaunlich wenn bedenkt wird, dass die Kritik an der SRG mehrheitlich aus dem rechten Lager stammt. Andererseits erscheinen darum die Bef\u00fcrchtungen konservativer Politiker glaubhafter, weil ihre W\u00e4hlerschaft von einer potenziellen politischen Befangenheit am st\u00e4rksten betroffen w\u00e4re.<\/p><p>Nat\u00fcrlich spielt nicht nur die Parteiidetifikation eine Rolle: Zwei weitere Faktoren sind das Interesse an Politik\u00a0und die abgeschlossene Ausbildung, wie nachfolgende Grafiken veranschaulichen.<a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/TV_Ent_Pol_Bil_2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3728 size-full\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/TV_Ent_Pol_Bil_2.jpg\" alt=\"TV als Entscheidungsgrundlage nach Politikinteresse und Bildung\" width=\"1176\" height=\"640\" \/><\/a><\/p><p>Die Daten zeigen, dass mit steigendem Politikinteresse die Nutzung des Fernsehens als Informationsgrundlage steigt w\u00e4hrend sie mit steigender Bildung sinkt. Zudem k\u00f6nnen das Vertrauen in die Regierung und das Alter eine Rolle spielen.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p><strong>Keine eindeutigen Effekte<\/strong><\/p><p>Dass sich die TV Nutzung der verschiedenen W\u00e4hlerschaften unterscheidet, ist keine sensationelle Entdeckung. Schliesslich weisen sie oft unterschiedliche soziodemografische Merkmale auf. Die interessante Frage bleibt: Wie stark ist der Effekt, wenn sich die B\u00fcrger bez\u00fcglich folgender Eigenschaften nicht unterscheiden w\u00fcrden?<\/p>\n<ul>\n<li>Alter<\/li>\n<li>Politikinteresse<\/li>\n<li>Bildung<\/li>\n<li>Einkommen<\/li>\n<li>Erwerbst\u00e4tigkeit<\/li>\n<li>Vertrauen in die Regierung<\/li>\n<li>andere Medien als Entscheidungsgrundlagen<\/li>\n<li>Selbstpositionierung auf dem Links-Rechts-Spektrum<\/li>\n<\/ul><p>W\u00fcrden sich die Vorw\u00fcrfe der b\u00fcrgerlichen Politiker erh\u00e4rten und die politische Ausrichtung des SRG auf die Zuschauer abf\u00e4rben, w\u00e4re es plausibel, selbst nach Kontrolle der zus\u00e4tzlichen Variablen folgenden Zusammenhang zu erkennen: Bezieht ein B\u00fcrger seine politischen Informationen aus dem TV, besteht eine geringere Wahrscheinlichkeit, dass er ein SVP-Sympathisant ist. Umgekehrt m\u00fcssten Fernsehnutzer mit gr\u00f6sserer Wahrscheinlichkeit SP-Sympathisanten sein.\u00a0Nachfolgende Darstellung zeigt, dass die Daten diese These zu widerlegen scheinen.<\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Schaetzer_TV.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3725 size-full\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Schaetzer_TV.jpg\" alt=\"Sch\u00e4tzer f\u00fcr die Variable &quot;TV Nutzung&quot;\" width=\"1361\" height=\"936\" \/><\/a>Wird f\u00fcr andere Variablen kontrolliert, schrumpft der Effekt auf ein Minimum: Die Wahrscheinlichkeit, ein SVP-Sympathisant zu sein ist f\u00fcr TV-Nutzer 1.4% h\u00f6her als f\u00fcr Nicht-TV-Nutzer. Zwischen den Sympathisanten der SVP und der SP\u00a0gibt es aber keinen Unterschied: TV-Nutzer\u00a0weisen auch 1.4% eher eine Affinit\u00e4t f\u00fcr die SP auf als Nicht-TV-Nutzer. Sollte das SRG in ihrem redaktionellen Programm linkslastig sein, f\u00e4rbt das jedenfalls nicht auf die Zuschauer ab. Die Ergebnisse sprechen gegen eine politische Befangenheit entlang des Links-Rechts-Spektrums.<\/p><p>Um die Validit\u00e4t des gew\u00e4hlten\u00a0Modells beurteilen zu k\u00f6nnen, werden als Referenz die offiziellen Informationen des Bundes herbeigezogen. Da diese m\u00f6glichst neutral sein sollten, wird erwartet, dass hier kaum Unterschiede zwischen den Parteien zu beobachten sein werden.<a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Schaetzer_OF.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3724 size-full\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Schaetzer_OF.jpg\" alt=\"Sch\u00e4tzer f\u00fcr die Variable &quot;Offizielle Infos&quot;\" width=\"1361\" height=\"936\" \/><\/a><\/p><p>Abgesehen von\u00a0einer Ausnahme sind keine signifikanten Ergebnisse festzustellen\u00a0&#8211; und selbst bei der SP\u00a0ist der Sch\u00e4tzer nur auf einem Signifikanzniveau von 10% signifikant. Es sind also zwischen den Parteien keine relevanten Unterschiede zu beobachten. Dies\u00a0l\u00e4sst darauf schliessen, dass das gew\u00e4hlte Modell durchaus valide ist und die Ergebnisse als Widerlegung des Vorwurfs der politischen Befangenheit der SRG gedeutet werden kann.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Die Ergebnisse der Analyse zeigen, dass f\u00fcr einzelne Parteien ein Zusammenhang zwischen dem Bezug politischer Informationen aus dem Fernsehen und der Parteiaffinit\u00e4t beobachtet werden kann. Dieser Zusammenhang ist aber minimal und verl\u00e4uft keinesfalls linear zum Links-Rechts-Spektrum. Deshalb liefert er keine empirische Evidenz f\u00fcr die Linkslastigkeit der SRG. Die Erkenntnis deckt sich wohl eher mit fr\u00fcheren Beobachtungen, wonach in der Schweiz die st\u00e4rker\u00a0profilierten Parteien mehr\u00a0mediale Aufmerksamkeit generieren.<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/><p><small><br \/>\nAutor: <a href=\"mailto:pascal.burkhard@uzh.ch\">Pascal Burkhard<\/a><br \/>\nBlog im Rahmen des Forschungsseminars &#8222;Policy Analyse: Politischer Datenjournalismus&#8220; (HS14)<br \/>\nDozent: Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann, Dr. des. Bruno W\u00fcest, Dr. Sarah B\u00fctikofer<br \/>\nDaten: VOX<br \/>\nWorte: 973<br \/>\n<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vorwurf der \u201elinksunterwanderten\u201c SRG h\u00e4lt sich unter Kritikern seit Jahren hartn\u00e4ckig. 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