{"id":381,"date":"2014-03-15T12:39:00","date_gmt":"2014-03-15T11:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=381"},"modified":"2017-02-23T15:59:41","modified_gmt":"2017-02-23T14:59:41","slug":"gut-ausgebildete-schweizer-wollen-weniger-chancengleichheit-fur-auslander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2014\/03\/15\/gut-ausgebildete-schweizer-wollen-weniger-chancengleichheit-fur-auslander\/","title":{"rendered":"Gut ausgebildete Schweizer wollen weniger Chancengleichheit f\u00fcr Ausl\u00e4nder"},"content":{"rendered":"<p><em><b>Je besser die Ausbildung einer Person, desto liberaler die Einstellung gegen\u00fcber Einwanderung und Ausl\u00e4ndern. Lange galt diese Aussage als wenig umstritten. Doch in der Schweiz scheint ein Wandel im Gange zu sein.<\/b><\/em><\/p><p>Abstimmungssonntag. 9. Februar. 13.30 Uhr. Politikwissenschaftler Claude Longchamp erscheint vor den Kameras des Schweizer Fernsehens. In wenigen Sekunden pr\u00e4sentiert er die erste Hochrechnung zur Masseneinwanderungsinitiative der Schweizerischen Volkspartei (SVP). Die Initiative will den freien Personenverkehr stoppen. Die Schweiz soll wieder Einwanderungskontingente festlegen k\u00f6nnen. Schon in den Wochen vor der Abstimmung zeichnet sich ein knappes Ergebnis ab.\u00a0Nun gilt es ernst. Longchamp \u00fcbernimmt das Wort. Er teilt dem Fernsehpublikum mit, dass sich noch keine klare Aussage machen l\u00e4sst. Die Hochrechnung zeigt: 50 Prozent Zustimmung, 50 Prozent Ablehnung. Was danach passiert ist Geschichte. Die Schweizer Stimmbev\u00f6lkerung nimmt die Initiative knapp an und will somit die Zuwanderung wieder mit Kontingenten regeln. Nach der Zustimmung zu den\u00a0<a href=\"http:\/\/swissvotes.ch\/db\/votes\/view\/477\/list\" target=\"_blank\">Bilateralen Vertr\u00e4gen I<\/a>\u00a0(2000),\u00a0<a href=\"http:\/\/swissvotes.ch\/db\/votes\/view\/534\/list\" target=\"_blank\">Schengen- und Dublin<\/a>\u00a0(2005) und die\u00a0<a href=\"http:\/\/swissvotes.ch\/db\/votes\/view\/556\/list\" target=\"_blank\">Osterweiterung der Personenfreiz\u00fcgigkeit<\/a>\u00a0(2009) markiert der 9. Februar eine Wende in der Schweizer Europa- und Einwanderungspolitik. Eine Wende, welche sich auch in der Haltung der Schweizerinnen und Schweizer bez\u00fcglich der Chancengleichheit von Ausl\u00e4ndern widerspiegelt. Das zeigt die Analyse der\u00a0<i>Vo<\/i>x<em>\u00a0<\/em>Nachwahlbefragungen von 2000 bis 2012. Dabei wurde die Einstellung der Befragten basierend auf den Antworten zur folgenden Frage untersucht: \u00abM\u00f6chten Sie eine Schweiz mit gleichen Chancen f\u00fcr die Ausl\u00e4nder und Ausl\u00e4nderinnen, oder eine Schweiz mit besseren Chancen f\u00fcr die Schweizer und Schweizerinnen?\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Bildungseffekte nehmen ab<\/strong><\/p><p>Die Untersuchung\u00a0zeigt, dass sich die Einstellung bei B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger mit h\u00f6herem Bildungsniveau an die Einstellung jener mit einem tieferen Niveau angleicht. Das \u00fcberrascht, vertraten doch bis anhin viele Politikwissenschaftler die These, dass mehr Bildung zu einer liberaleren Haltung gegen\u00fcber Einwanderung und Ausl\u00e4ndern f\u00fchrt. Dies deshalb, weil schlecht ausgebildete Personen zu den Globalisierungsverlierern geh\u00f6ren und st\u00e4rker von zunehmenden Lohndruck, mehr Wettbewerb und hoher Arbeitslosigkeit betroffen sind. Das f\u00fchre dazu, dass die Einwanderer als S\u00fcndenb\u00f6cke f\u00fcr die von der globalisierten Wirtschaft verursachten Probleme herhalten m\u00fcssen, schreiben Soziologe\u00a0Yunus Kaya und Politikwissenschaftler Ekrem Karako\u00e7 in ihrer Studie\u00a0<a href=\"http:\/\/uncw.edu\/soccrm\/documents\/KayaandKarakoc2012.pdf\" target=\"_blank\">\u00abCivilizing vs destructive\u00a0globalization? A multi-level\u00a0analysis of anti-immigrant\u00a0prejudice\u00bb<\/a>.<\/p><p>Die unten angef\u00fchrte Grafik zeigt nun, dass der Bildungseffekt im Wandel ist. In der Schweiz w\u00fcnschen sich gut ausgebildete Personen vermehrt eine Bevorzugung von Schweizern als noch im Jahr 2000. Speziell jene B\u00fcrger mit einer Matura oder einem Abschluss einer h\u00f6heren Fachschule. Diese n\u00e4hern sich der durchschnittlichen Haltung jener mit einer obligatorischen Grundausbildung oder einem Lehrabschluss an. Oder sie sind wie 2010 und 2011 nicht einmal mehr signifikant unterschiedlich voneinander. Das bedeutet, dass aufgrund der Daten kein Unterschied angenommen werden darf.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a style=\"line-height: 1.5;\" href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/schweiz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-704\" alt=\"schweiz\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/schweiz-1024x765.jpg\" width=\"604\" height=\"451\" \/><\/a><\/p><p>Aus der Grafik l\u00e4sst sich dies mittels der farbigen Fl\u00e4chen ablesen. Diese widerspiegeln das 95 Prozent Konfidenzintervall der Sch\u00e4tzungen. Das bedeutet, dass aufgrund der analysierten Daten der wahre Wert zu 95 Prozent innerhalb dieses Bereiches liegt. \u00dcberschneiden sich die Fl\u00e4chen in der Abbildung, kann statistisch keine klare Unterscheidung gemacht werden.<\/p><p>Der Bildungseffekt hat sich demnach seit der Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit ver\u00e4ndert. Zum einen nimmt der Effekt zwischen den Gruppen ab. Zum anderen tendieren besser ausgebildete zu einer kritischeren Haltung gegen\u00fcber der Chancengleichheit f\u00fcr Ausl\u00e4nder,\u00a0w\u00e4hrend die Einstellung der schlechter ausgebildeten auf dem Niveau von 2000 verharrt.<\/p><p>Diese Trends sind sowohl in der Romandie als auch in der Deutschschweiz zu beobachten. Die unten stehenden Abbildungen zeigen die Analyse f\u00fcr Romandie und Deutschschweiz im Vergleich.<\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/romandieunddeutschschweiz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-729\" alt=\"romandieunddeutschschweiz\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/romandieunddeutschschweiz-1024x382.jpg\" width=\"604\" height=\"225\" \/><\/a><\/p><p><strong>Die Migrationsstr\u00f6me ver\u00e4ndern sich\u00a0<\/strong><\/p><p>Auff\u00e4llig ist, dass die Ver\u00e4nderung der Bildungseffekte verst\u00e4rkt ab dem Jahr 2005 einsetzen. Zeitgleich steigen die Einwanderungszahlen rasant an. Die j\u00e4hrliche Einwanderung in die Schweiz w\u00e4chst zwischen 2005 und 2008 um rund 60&#8217;000 Personen. Seit der Jahrtausendwende hat sich\u00a0die Zuwanderung pro Jahr beinahe verdoppelt. Dies best\u00e4tigen die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/portal\/de\/index\/infothek\/lexikon\/lex\/0.Document.88405.xls\" target=\"_blank\">Daten<\/a>\u00a0des Bundesamt f\u00fcr Statistik (BfS).<\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/einwanderungabsolut.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-898\" alt=\"einwanderungabsolut\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/einwanderungabsolut-1024x863.jpg\" width=\"604\" height=\"509\" \/><\/a><\/p><p>Seit 2000 ver\u00e4ndert sich zudem auch die Zusammensetzung der Migrationsstr\u00f6me. Der Anteil an Personen aus den 27 EU-Staaten nimmt deutlich zu, jener aus nichteurop\u00e4ischen Staaten ab. 2012 sind 72 von 100 Migranten aus EU-Staaten und jeder vierte davon ist ein Deutscher.\u00a0Die folgende Grafik basiert auf\u00a0<a href=\"http:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/portal\/de\/index\/infothek\/lexikon\/lex\/0.Document.88405.xls\" target=\"_blank\">BfS-Daten<\/a>\u00a0und veranschaulicht die Ver\u00e4nderung der Einwanderungsanteile.<\/p><p><span style=\"line-height: 1.5;\"><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/einwanderung_mit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-703\" alt=\"einwanderung_mit\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/einwanderung_mit-1024x796.jpg\" width=\"604\" height=\"469\" \/><\/a><\/span><\/p><p>Diese Entwicklung k\u00f6nnte im direkten Zusammenhang mit der Ver\u00e4nderung der Bildungseffekte stehen. Denn mit der Zunahme der Migrationsstr\u00f6me aus EU-Staaten, insbesondere Deutschland, hat sich der Bildungsstand der Einwanderer deutlich erh\u00f6ht. Das zeigt eine\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zuwanderungspolitik.ch\/fileadmin\/kampagne-zuwanderung\/PDF\/Faktenblatt3.pdf\" target=\"_blank\">Publikation<\/a>\u00a0der Wirtschaftsverb\u00e4nde\u00a0<em>economiesuisse<\/em>\u00a0und dem Arbeitgebeverband. Seit 2003 nimmt die Zahl der Migranten mit einem Lehrabschluss, einer Maturit\u00e4t oder gar einem Universit\u00e4t oder Fachhochschulabschluss massiv zu. Die absoluten Zahlen steigen in sieben Jahren um das Vierfache an. Es kommen also immer\u00a0mehr gut ausgebildete Arbeitnehmer in die Schweiz und parallel nimmt die kritische Haltung gegen\u00fcber Ausl\u00e4ndern innerhalb der gleichen Bildungsgruppen zu.<\/p><p><strong>Neue Globalisierungsverlierer<\/strong><\/p><p>Die Korrelation ist auff\u00e4llig.\u00a0Theoretisch kann argumentiert werden, dass die gut ausgebildeten Einwanderer eine potentielle Gefahr f\u00fcr Schweizer mit einem h\u00f6heren Bildungsniveau darstellen. Dies f\u00fchrte dazu, dass die Angst vor Arbeitslosigkeit, Lohndruck und mehr Konkurrenzkampf im Arbeitsmarkt stieg. Ob diese Gefahr real ist oder, wie die Wirtschaftsverb\u00e4nde in ihrer\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zuwanderungspolitik.ch\/fileadmin\/kampagne-zuwanderung\/PDF\/Faktenblatt3.pdf\" target=\"_blank\">Publikation<\/a>\u00a0argumentieren, die Migranten haupts\u00e4chlich die einheimischen Arbeitnehmer erg\u00e4nzen, sei dahingestellt. Doch die medialen Hypes (2006\/2007)\u00a0um die Zuwanderung aus Deutschland und der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2008 beruhigten die Schweizer Arbeitnehmer kaum. Viel wahrscheinlicher f\u00f6rderten diese Entwicklungen protektionistische Gedanken aufgrund wirtschaftlicher \u00c4ngste und k\u00f6nnten daher der Grund f\u00fcr den steigenden Wunsch nach einer Bevorzugung von Schweizern gegen\u00fcber Ausl\u00e4ndern sein. Der Theorie der Globalisierungsverlierer folgend, k\u00f6nnte man sagen, dass sich ein Art neue Gruppe von gut ausgebildeten Globalisierungsverlierern in der Schweiz bildete.<\/p><p>Ob tats\u00e4chlich die besser ausgebildeten Stimmb\u00fcrger den Ausschlag f\u00fcr das knappe Ja zur Masseinwanderungsinitiative gegeben haben, kann jedoch noch nicht mit Sichherheit festgestellt werden. Dazu muss die\u00a0<em>Vox<\/em>-Befragung abgewartet werden, damit man die pers\u00f6nlichen Motivationsgr\u00fcnde auswerten kann. Trotzdem zeigt die Analyse, dass in der Bev\u00f6lkerung die kritische Einstellung gegen\u00fcber Einwanderern w\u00e4chst und es vermutlich auch aufgrund dieser Ver\u00e4nderung am 9. Februar zur Wende in der Schweizer Europa- und Migrationspolitik kam.<\/p>\n<address><span style=\"line-height: 1.5;\">Von\u00a0Patrice Siegrist<br \/>\n<\/span><em>07-920-150<br \/>\n<\/em><em>patrice.siegrist@uzh.ch<\/em><\/address><p><em>Blogbeitrag im Rahmen des Forschungsseminars: Politischer Datenjournalismus<br \/>\n<\/em><em>Prof. Dr. Fabrizio Gilardi,\u00a0Dr. Michael Hermann,\u00a0Dr. des. Bruno W\u00fcest<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Je besser die Ausbildung einer Person, desto liberaler die Einstellung gegen\u00fcber Einwanderung und Ausl\u00e4ndern. Lange galt diese Aussage als wenig umstritten. Doch in der Schweiz scheint ein Wandel im Gange zu sein.Abstimmungssonntag. 9. Februar. 13.30 Uhr. 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