{"id":3839,"date":"2014-12-07T19:27:32","date_gmt":"2014-12-07T18:27:32","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=3839"},"modified":"2017-02-23T15:35:52","modified_gmt":"2017-02-23T14:35:52","slug":"der-rostigraben-unter-der-lupe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2014\/12\/07\/der-rostigraben-unter-der-lupe\/","title":{"rendered":"Der R\u00f6stigraben unter der Lupe"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Die Differenz zwischen franz\u00f6sischsprachiger und deutschsprachiger Schweiz \u2013 der sogenannte R\u00f6stigraben \u2013 und der Stadt-Land Konflikt sind zentrale Faktoren bei der Analyse direktdemokratischer Abstimmungen. \u00dcber ihre Interaktion ist jedoch bisher nur wenig bekannt. Wo liegt denn nun der R\u00f6stigraben? Zwischen den St\u00e4dten oder zwischen den D\u00f6rfern?\u00a0<\/em><\/strong><strong><em>Und welche weiteren Faktoren beeinflussen seine genaue Auspr\u00e4gung?<\/em><\/strong><\/p><p>&nbsp;<\/p><p>Am 9. Februar 2014 nahm das Schweizer Stimmvolk die umstrittene Masseneinwanderungsinitiative mit 50.3 Prozent Jastimmen-Anteil knapp an. Die nachtr\u00e4glichen geografischen Analysen dieses \u00fcberraschenden Ergebnisses zeichneten wieder einmal ein Bild, das den meisten Schweizern wohlbekannt ist: Die Westschweiz in Rot und der Osten, bis auf einige rote Inseln \u2013 Basel-Stadt, Zug und Z\u00fcrich &#8211; in Gr\u00fcn. Der als R\u00f6stigraben bekannte systematische Unterschied zwischen dem Stimmverhalten der franz\u00f6sischsprachigen Schweiz und der deutschsprachigen Schweiz bleibt nach wie vor einer der wichtigsten Faktoren in der Schweizer Abstimmungsforschung. Trotz seiner anhaltenden Relevanz besch\u00e4ftigen sich jedoch bisher nur relativ wenige Arbeiten im Detail mit dem R\u00f6stigraben und seiner Entwicklung. Insbesondere \u00fcber die Interaktion zwischen dem R\u00f6stigraben und einem weiteren zentralen Faktor in der Schweizer Abstimmungsforschung \u2013 der Konfliktlinie zwischen Stadt und Land oder auch Zentrum und Peripherie &#8211; ist bisher wenig bekannt. Dieser Beitrag soll daher den Werdegang des R\u00f6stigrabens w\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte unter die Lupe nehmen und dabei vor allem der Frage nachgehen, welchen Einfluss der Gemeindetyp auf die Auspr\u00e4gung der Differenz zwischen Deutsch- und Welsch-Schweiz hat.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p>Die Analyse der Abstimmungsergebnisse auf Gemeindeebene vom Juni 1981 bis zum Februar 2014 zeigt: Der R\u00f6stigraben hat sich insgesamt betrachtet \u00fcber die letzten 33 Jahre kaum ver\u00e4ndert.<\/p>\n<div id=\"attachment_3844\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Grafik-Zeit1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3844\" class=\"wp-image-3844 size-large\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Grafik-Zeit1-1024x589.jpg\" alt=\"Grafik Zeit\" width=\"768\" height=\"441\" \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-3844\" class=\"wp-caption-text\">Die gestrichelten Linien zeigen den linearen Zusammenhang zwischen Zeit in Jahren und absoluten Differenzen in Stimmenprozent-Punkten zwischen Welschschweiz und Deutschschweiz. Die durchgezogenen Linien zeigen den Verlauf der j\u00e4hrlichen Durchschnitte und die Punkte repr\u00e4sentieren einzelne Abstimmungen.<\/p>\n<\/div><p>&nbsp;<\/p><p>Durchschnittlich unterscheidet sich das Abstimmungsverhalten der Welschen um etwa 10 Prozentpunkte von demjenigen, der Deutschschweizer. Dieser Wert hat sich \u00fcber die letzten 30 Jahre auch kaum ge\u00e4ndert, seine Zusammensetzung jedoch durchaus. W\u00e4hrend deutschsprachige und franz\u00f6sischsprachige St\u00e4dte sich in ihrem Abstimmungsverhalten \u00e4hnlicher geworden sind, \u00f6ffnet sich der R\u00f6stigraben zwischen l\u00e4ndlichen Gebieten immer weiter. Die bereits 1981 ersichtliche Tendenz dazu, dass der R\u00f6stigraben an Bedeutung verliert, je st\u00e4dtischer die beobachteten Gemeinden sind, hat sich damit w\u00e4hrend den letzten Jahrzehnten weiter versch\u00e4rft.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p>Wie gross der Unterschied zwischen Welschschweiz und Deutschschweiz ausf\u00e4llt, variiert je nach Abstimmungsvorlage stark. Die Differenzen w\u00e4hrend der beobachteten Periode schwankten von praktisch null bis zu rund 33% Stimmenprozent. Ein wichtiger Grund f\u00fcr diese enorme Varianz liegt in dem Einfluss des Abstimmungsthemas auf den R\u00f6stigraben.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Grafik-Themen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-3841\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Grafik-Themen-1024x639.jpg\" alt=\"Grafik Themen\" width=\"768\" height=\"479\" \/><\/a><\/p><p>Wie die obige Grafik\u00a0zeigt, variiert die durchschnittliche Gr\u00f6sse des R\u00f6stigrabens abh\u00e4ngig davon, welche Themabereiche die jeweiligen Vorlagen behandeln. Der Graben zwischen franz\u00f6sischsprachiger Schweiz und Deutschschweiz sind besonders markant, bei Abstimmungen zur St\u00e4rke des Sozialstaats, zum Schutze der Umwelt oder restriktiven, migrationspolitischen Massnahmen. Unterdurchschnittlich grosse Differenzen treten hingegen bei Abstimmungen zu restriktiver Finanzpolitik sowie Armee und Polizei auf.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p>Besonders interessant sind hier die Auswirkungen der Interaktion zwischen Gemeindetyp und Abstimmungsthema: Wir sehen wiederum, dass der R\u00f6stigraben zwischen l\u00e4ndlichen Gemeinden tendenziell st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt ist, als zwischen st\u00e4dtischen Zentren. Wie gross dieser Unterschied ist, h\u00e4ngt jedoch enorm vom Thema der Abstimmung ab. Dies zeigt sich insbesondere bei den \u00fcblicherweise stark polarisierenden Themengebieten aussenpolitische \u00d6ffnung, Migrationspolitik und Sozialstaat. So ist die Differenz zwischen welschen und Deutschschweizer Gemeinden in der Peripherie bei Abstimmungen zu aussenpolitischer \u00d6ffnung rund sieben Prozentpunkte gr\u00f6sser als diejenige, zwischen den Kernst\u00e4dten der beiden Sprachregionen. Bei Abstimmungen zum Schutze der Umwelt oder zu restriktiver Finanzpolitik indes, betr\u00e4gt dieselbe Differenz nur ungef\u00e4hr einen Prozentpunkt.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p>Diese Funde er\u00f6ffnen eine neue Perspektive, um bisherige Erkenntnisse der Schweizer Abstimmungsforschung zum R\u00f6stigraben zu beurteilen. Die Relevanz des Abstimmungsthemas ist in diesem Zusammenhang bereits wohlbekannt (Hermann 2006). Eine simple Betrachtung der durchschnittlichen Abstimmungsergebnisse in beiden Sprachregionen w\u00fcrde jedoch etwa zum Schluss kommen, dass der R\u00f6stigraben bei den Themenfeldern aussenpolitische \u00d6ffnung, gesellschaftliche Liberalisierung und wirtschaftliche Liberalisierung \u00e4hnlich ausgepr\u00e4gt ist und ungef\u00e4hr dem themen\u00fcbergreifenden Durchschnitt entspricht. Tats\u00e4chlich \u00f6ffnet sich jedoch bei Abstimmungen zur aussenpolitischen \u00d6ffnung ein signifikanter Graben zwischen l\u00e4ndlichen Gemeinden der beiden Sprachregionen. Dieser wird allerdings dadurch kompensiert, dass der R\u00f6stigraben zwischen den st\u00e4dtischen Zentren bei solchen Abstimmungsfragen aussergew\u00f6hnlich klein ist. Dadurch wird deutlich, dass die Abstimmungsanalyse die Konfliktlinien zwischen Stadt und Land und zwischen Sprachregionen nicht nur f\u00fcr sich, sondern auch in ihren Interaktionen mit einander und mit anderen relevanten Faktoren ber\u00fccksichtigen muss.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p>Ein weiterer Faktor, der sich auf den R\u00f6stigraben auswirkt, sind die politischen Parteien und ihre Abstimmungsparolen. Laut Hanspeter Kriesi (2006: 599) sind die Positionen der politischen Elite und ihre B\u00fcndniskoalitionen im Vorfeld von direktdemokratischen Abstimmungen einer der wichtigsten Faktoren, die das Ergebnis derselben bestimmen. Analog zu Kriesi unterteilen wir die untersuchten Abstimmungen also anhand der Abstimmungsparolen der wichtigsten Parteien in sechs Gruppen: Grosse Koalitionen bezeichnen F\u00e4lle, in denen sich die Bundesratsparteien einig waren. Dabei gab es entweder keine Opposition, Opposition durch radikal rechte Parteien oder Opposition durch radikal linke Parteien. Weiter unterscheiden wir Zentrum-Rechts und Zentrum-Links Koalitionen, bei denen jeweils die SP respektive eine der b\u00fcrgerlichen Parteien, meist die SVP, von der Position der restlichen Bundesratsparteien abweicht. Schliesslich haben wir noch den Fall einer gespaltenen Koalition, wobei jeweils zwei Bundesratsparteien dieselben Parolen vertreten.<\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/grafik-Koalitionen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-3840\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/grafik-Koalitionen-1024x590.jpg\" alt=\"grafik Koalitionen\" width=\"768\" height=\"442\" \/><\/a><\/p><p>Wenig \u00fcberraschend ist, dass sich im Falle kompletter Einigkeit unter den politischen Parteien auch die Sprachregionen \u00fcblicherweise relativ einig zu sein scheinen. Tendenziell scheint der R\u00f6stigraben gr\u00f6sser zu werden, je st\u00e4rker die Abstimmungsvorlage unter den Parteien polarisiert hat. Opposition der Regierungsparteien durch die radikale Rechte f\u00fchrt zu einer st\u00e4rkeren Auspr\u00e4gung des R\u00f6stigrabens als Opposition durch radikal linke Parteien. Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ist, dass die radikal rechten Parteien gerade zu Beginn der untersuchten Periode noch deutlich besser in der Lage waren, Stimmen zu mobilisieren als die radikale Linke, sich diese Mobilisationsf\u00e4higkeit jedoch relativ stark auf die Deutschschweiz konzentrierte.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p>Interessant ist, dass der Gemeindetyp einzig im Falle der Zentrum-Links Koalition eine markante Rolle spielt. Dies l\u00e4sst schliessen, dass die SVP insbesondere in den l\u00e4ndlichen Deutschschweizer Gemeinden in der Lage ist, Stimmen zu mobilisieren, w\u00e4hrend die l\u00e4ndlichen Gemeinden in der Westschweiz weniger stark den Parolen einer durch die SVP angef\u00fchrte Opposition gegen die Regierungsparteien Folge leisten.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p>Autor: Dominik Braunschweiger \/ dominik.braunschweiger@uzh.ch \/ 09-105-933 \/ Abgabedatum 7.12.2014<\/p><p>Blog: Im Rahmen des Forschungsseminars Policy Analyse: Politischer Datenjournalismus<\/p><p>Dozenten: Dr. Sarah B\u00fctikofer, Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann und Dr. des. Bruno W\u00fcest<\/p><p>Daten: Vollerhebung Abstimmungsergebnisse Schweizer Gemeinden, VoxIt, Abstimmungsthemen Rating nach Michael Hermann (aus der Vorlesung: Forschungsseminar Policy-Analyse: Politischer Datenjournalismus),\u00a0 Integraler Datensatz Swissvotes.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p>W\u00f6rter: 908<\/p><p>&nbsp;<\/p><p><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/p><p><strong>\u00a0<\/strong>Kriesi, Hanspeter. 2006. Role of The Political Elite in Swiss Direct-Democratic Votes. <em>Party Politics<\/em> 2006(12): 599-622.<\/p><p>Hermann, Michael. 2006. Werte, Wandel und Raum &#8211; Theoretische Grundlagen und empirische Evidenzen zum Wandel regionaler Mentalit\u00e4ten in der Schweiz. Dissertation an der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/p><p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Differenz zwischen franz\u00f6sischsprachiger und deutschsprachiger Schweiz \u2013 der sogenannte R\u00f6stigraben \u2013 und der Stadt-Land Konflikt sind zentrale Faktoren bei der Analyse direktdemokratischer Abstimmungen. \u00dcber ihre Interaktion ist jedoch bisher nur wenig bekannt. Wo liegt denn nun der R\u00f6stigraben? Zwischen den St\u00e4dten oder zwischen den D\u00f6rfern?\u00a0Und welche weiteren Faktoren beeinflussen seine genaue Auspr\u00e4gung?&nbsp;Am 9. 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