{"id":4213,"date":"2015-03-23T20:51:42","date_gmt":"2015-03-23T19:51:42","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=4213"},"modified":"2017-02-23T15:19:26","modified_gmt":"2017-02-23T14:19:26","slug":"der-politik-ein-gesicht-geben-wie-politiker-im-netz-um-vertrauen-werben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2015\/03\/23\/der-politik-ein-gesicht-geben-wie-politiker-im-netz-um-vertrauen-werben\/","title":{"rendered":"Kritische Stimmen auf Twitter"},"content":{"rendered":"<p><em>Auf Twitter aktive Politiker beurteilen den Zustand\u00a0der Schweizer Demokratie kritischer\u00a0als ihre Kolleginnen und Kollegen im Parlament.\u00a0<\/em><i>Dies zeigt eine Auswertung von Daten zur Twitter-Nutzung und Angaben der<\/i><i>\u00a0amtierenden National- und St\u00e4nder\u00e4te in der Schweizer\u00a0Wahlstudie.\u00a0<\/i><\/p><p>In den letzten Jahren ist in der Schweiz die Zahl auf\u00a0Twitter aktiver Politiker\u00a0<a href=\"http:\/\/blog.tagesanzeiger.ch\/datenblog\/index.php\/5932\/die-schweizer-tweetokratie\">kontinuierlich gestiegen<\/a>. Neue Twitter-Accounts wurden besonders fleissig im Vorfeld der eidgen\u00f6ssischen Wahlen 2011 er\u00f6ffnet.\u00a0Der kontinuierliche Aufw\u00e4rtstrend und bisherige\u00a0Erfahrungen mit steigendem Politiker-Interesse an Twitter im Vorfeld von Wahlen lassen\u00a0erwarten, dass Twitter in den kommenden Monaten f\u00fcr die Politik an Bedeutung gewinnen wird.\u00a0Mit Blick auf die Eidgen\u00f6ssischen Wahlen im Oktober 2015\u00a0lohnt es sich daher diejenigen Politiker genauer unter die Lupe zu nehmen, die auf Twitter ihre Kommentare, Empfehlungen und Informationen mit der \u00d6ffentlichkeit teilen.<\/p><p><strong>Twitter-\u00d6ffentlichkeit: Die\u00a0These der &#8222;kritischen&#8220; Twitterer\u00a0<\/strong><\/p><p>So banal es klingen mag, die Kommunikation auf Twitter bietet kein pr\u00e4zises Abbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit oder realer politischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse. F\u00fcr Twitter gilt wie f\u00fcr jede andere Form medial vermittelter \u00d6ffentlichkeit:\u00a0nicht alle gesellschaftlichen Gruppen nehmen gleichermassen teil, einige Stimmen werden st\u00e4rker geh\u00f6rt\u00a0als andere.<\/p><p>Das &#8222;<a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/schweiz\/ungleiches-gezwitscher-aus-dem-parlament-1.18378048\">ungleiche Gezwitscher<\/a>&#8220;\u00a0von Schweizer Parlamentariern war bereits Gegenstand daten-journalistischer <a href=\"http:\/\/blog.tagesanzeiger.ch\/datenblog\/index.php\/5932\/die-schweizer-tweetokratie\">Beitr\u00e4ge<\/a>\u00a0zum Thema\u00a0Politiker-Kommunikation auf Twitter. Seither ist bekannt, dass\u00a0junge, linke und urbane Politiker in der Schweiz auf Twitter &#8211; gemessen an ihrer Vertretung im Parlament\u00a0&#8211;\u00a0\u00fcberproportional pr\u00e4sent sind, und deutlich aktiver als \u00e4ltere Politiker und\u00a0Mitglieder\u00a0b\u00fcrgerlicher Parteien.\u00a0Zu den politischen Einstellungen der &#8222;twitternden&#8220; Parlamentarier wissen wir allerdings noch wenig.<\/p><p>Haben Sie den Eindruck, dass &#8218;twitternde&#8216; Politiker eher die kritischen unter den Parlamentariern sind?&#8220; &#8211; hatte ich einige auf Twitter aktive National &#8211; und St\u00e4nder\u00e4te per E-Mail gefragt. Die Frage besch\u00e4ftigt mich seit\u00a0mir aufgefallen ist, dass die Twitter-Nutzer unter den amtierenden Bundesparlamentariern anders auf eine Frage nach dem Vertrauen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in die Schweizer Demokratie antworteten.\u00a0Meine Anfrage war etwas kurzfristig, so dass nur einer von ihnen zur\u00fcckschrieb:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ihre These kann ich nicht definitiv beurteilen. Aus dem Bauch heraus scheint es plausibel, dass sich kritische Menschen gerne mit ihrer Kritik zu Wort melden. F\u00fcrs Parlament belegen kann man das aber kaum methodisch vern\u00fcnftig&#8220; &#8211; Andrea Claudio Caroni, FDP-Nationalrat<\/p><\/blockquote><p>Ich habe dennoch einen Blick auf die Daten geworfen. Genau genommen: auf einen umfassenden <a href=\"http:\/\/blog.tagesanzeiger.ch\/datenblog\/index.php\/5932\/die-schweizer-tweetokratie\">Datensatz zu Schweizer Politikern auf Twitter<\/a>\u00a0und Angaben der amtierenden National- und St\u00e4nder\u00e4te in\u00a0der <a href=\"http:\/\/forscenter.ch\/de\/our-surveys\/selects\/\">Schweizer Wahlstudie Selects<\/a>.\u00a0Teilgenommen haben an der Selects-Studie etwas weniger als die H\u00e4lfte aller Bundesparlamentarier: immerhin insgesamt 116 Parlamentarier, 100 der 200 gew\u00e4hlten Nationalr\u00e4te und 19 der 46 gew\u00e4hlten St\u00e4nder\u00e4te aller im Parlament vertretenen Parteien.\u00a0Gefragt wurde in der Studie unter anderem nach der Zustimmung zu\u00a0folgender Aussage: &#8222;Unsere Demokratie ist dabei, das Vertrauen der Bu\u0308rger zu verlieren&#8220;.<\/p><p>Vergleicht man\u00a0die Antworten auf diese Frage, so ergibt sich ein interessantes Bild:\u00a0Twitternde\u00a0Parlamentarier beurteilen den Zustand der\u00a0Schweizer Demokratie tendenziell kritischer als der Durchschnitts-Parlamentarier.<\/p><p>So war\u00a0fast die H\u00e4lfte der Befragten mit aktivem Twitter-Account &#8211; also mit mindestens einem versandten Tweet &#8211; der Ansicht, dass das Demokratie-Vertrauen unter den Schweizerinnen und Schweizern zur\u00fcckgeht. Unter twitternden Parlamentariern war die Antwort &#8222;ich stimme eher zu&#8220; die am h\u00e4ufigsten genannte. Anders\u00a0urteilten\u00a0die\u00a0&#8222;nicht-twitterenden&#8220; Parlamentarier.\u00a0National- und St\u00e4nder\u00e4te, die bis heute auf einen\u00a0Twitter-Account verzichten, oder einen Twitter-Account besitzen, diesen jedoch noch nicht\u00a0zum Twittern genutzt haben lehnten die Aussage mehrheitlich ab. Sie gaben am\u00a0h\u00e4ufigsten die\u00a0Antwort\u00a0<span style=\"line-height: 1.5;\">&#8222;stimme eher nicht zu&#8220;.\u00a0<\/span><\/p><p>Dass die befragten\u00a0Twitter-Nutzer in der Tendenz kritischer geantwortet haben, zeigt bereits eine einfache grafische \u00dcbersicht.<\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Demokratie-Vertrauen-Grafik-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-7660\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Demokratie-Vertrauen-Grafik-1.png\" alt=\"demokratie-vertrauen-grafik\" width=\"1558\" height=\"1014\" \/><\/a><\/p><p>Reiner Zufall? Ich rechne mit den Daten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Logistische_Regression\">ein statistisches Modell<\/a>, in dem ich \u00fcberpr\u00fcfe, mit welcher Wahrscheinlichkeit meine Beobachtung\u00a0dem\u00a0Zufall geschuldet ist. Meine Berechnung ergibt, dass die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Statistische_Signifikanz\">statistische\u00a0Wahrscheinlichkeit<\/a> daf\u00fcr gering ist (0.01 Prozent) &#8211; selbst wenn man im Model den Einfluss vom Alter, der links-rechts Positionierung und dem Geschlecht der befragten Parlamentarier ber\u00fccksichtigt.<\/p><p>Obwohl meine Ergebnisse nat\u00fcrlich nicht unanfechtbar sind, kann ich mit einiger Sicherheit behaupten, dass ich auf ein interessantes Ph\u00e4nomen gestossen bin.<\/p>\n<blockquote><p>Parlamentarier, die sich auf Twitter engagieren, gehen eher von einem\u00a0sinkenden\u00a0Vertrauen in\u00a0politische Institutionen aus.<\/p><\/blockquote><p>Ist das Twitter-Engagement dieser Parlamentarier ein Versuch verloren\u00a0geglaubtes\u00a0Vertrauen zur\u00fcckzugewinnen? &#8211; eine m\u00f6gliche und naheliegende Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese Tendenz. Sehen twitternde Politiker das soziale Netzwerk\u00a0als Diskussionsforum und Kommunikationskanal, das ihnen einen direkteren Zugang zu ihren W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern gibt?\u00a0Ganz in diesem Sinne beschreibt die Gr\u00fcne Partei Schweiz auf ihrer Website unter dem Stichwort &#8222;<a href=\"http:\/\/www.gruene.ch\/gruene\/de\/kampagnen\/netzpolitik.html\">Netzpolitik<\/a>&#8220; das Internet als\u00a0&#8222;Ort des Austausches, der auch f\u00fcr mehr demokratische Mitbestimmung und f\u00fcr eine nachhaltigere Gesellschaft genutzt werden kann und soll&#8220;.<\/p><p>Letztendlich ist es nicht m\u00f6glich von Ansichten zum\u00a0Demokratie-Vertrauen auf Motive der Twitter-Nutzung zu schliessen. Ausserdem ist auch davon auszugehen, dass mehrere unterschiedliche Motive und \u00dcberlegungen die Twitter-Nutzung einzelner Parlamentarier erkl\u00e4ren. Erkenntnisf\u00f6rdernd ist es nicht desto trotz, dass auf\u00a0Twitter aktive National- und St\u00e4nder\u00e4te das Vertrauen in politische Institutionen in der Schweiz kritischer bewerten als die &#8222;nicht-twitterenden&#8220; Parlamentarier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf Twitter aktive Politiker beurteilen den Zustand\u00a0der Schweizer Demokratie kritischer\u00a0als ihre Kolleginnen und Kollegen im Parlament.\u00a0Dies zeigt eine Auswertung von Daten zur Twitter-Nutzung und Angaben der\u00a0amtierenden National- und St\u00e4nder\u00e4te in der Schweizer\u00a0Wahlstudie.\u00a0In den letzten Jahren ist in der Schweiz die Zahl auf\u00a0Twitter aktiver Politiker\u00a0kontinuierlich gestiegen. 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