{"id":5010,"date":"2015-05-16T12:37:26","date_gmt":"2015-05-16T11:37:26","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=5010"},"modified":"2017-02-23T14:59:57","modified_gmt":"2017-02-23T13:59:57","slug":"great-firewall-of-china-protektionismus-oder-informationszensur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2015\/05\/16\/great-firewall-of-china-protektionismus-oder-informationszensur\/","title":{"rendered":"Great Firewall of China: Protektionismus oder Informationszensur"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Great Firewall of China blockiert viele Websites f\u00fcr die B\u00fcrger von China. Will China damit heikle Informationen vor B\u00fcrgern verbergen oder eigene Internetunternehmen f\u00f6rdern? Betrachtet man die Typen der blockierten Seiten, erscheint der Protektionismus eher als Nebenprodukt und die Informationszensur als Hauptmotiv.<\/strong><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/cdn.knightlab.com\/libs\/timeline\/latest\/embed\/index.html?source=0AgQKbnklTkYbdDYxOW5lSjZrS1kzT1hLbEtaRkVwc1E&font=Bevan-PotanoSans&maptype=toner&lang=de&height=600\" width=\"100%\" height=\"600\" frameborder=\"0\"><\/iframe><em>Die interaktive Timeline fasst die wichtigsten Ereignisse der letzten Jahre bez\u00fcglich Internetzensur in China zusammen.<\/em><\/p><p>Mit der Great Firewall hat China ein m\u00e4chtiges Mittel in der Hand, um das Internet im eigenen Land zu kontrollieren. Mit sogenanntem DNS-Poisoning (siehe Grafik) und IP-Blocking versperrt die Regierung den B\u00fcrgern den Zugang zu einer Vielzahl an ausl\u00e4ndischen\u00a0Seiten. \u00dcber das Motiv der Regierung wird h\u00e4ufig gestritten. Ist es blosse Zensur, um die B\u00fcrger vor regierungsfeindlichen Informationen zu sch\u00fctzen, oder \u00fcbt sich China sogar im Protektionismus, um ausl\u00e4ndische Firmen zu schw\u00e4chen und eigene zu st\u00e4rken? Der Frage, ob nun Regierungsschutz oder Protektionismus das Hauptmotiv ist, geht der folgende Blog nach.<\/p>\n<div id=\"attachment_5346\" style=\"width: 277px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/firewall.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5346\" class=\"size-medium wp-image-5346\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/firewall-267x300.png\" alt=\"Einfache Erkl\u00e4rung, wie die Firewall funktioniert (Eigene Darstellung).\" width=\"267\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-5346\" class=\"wp-caption-text\">Einfache Erkl\u00e4rung, wie die Firewall funktioniert (Eigene Darstellung).<\/p>\n<\/div><p>Um die Frage zu beantworten, wurden 308 Homepages in 9 verschiedene Kategorien eingeteilt und gepr\u00fcft, wie h\u00e4ufig sie blockiert sind. Dabei muss beachtet werden, dass die Firewall alles andere als starr ist. Manche Seiten sind an einigen Tagen frei zug\u00e4nglich, an anderen Tagen komplett blockiert. Greatfire.org liefert uns nun Prozentangaben die aussagen, bei wievielen Tests die Seite in den letzten 90 Tagen blockiert war (siehe Infobox). Mit diesen Prozentangaben wurden 6 Kategorien gebildet: 0% (nie blockiert), bis 25%, bis 50% bis 75%, \u00fcber 75% und 100% (immer blockiert).<\/p>\n<h2>Betroffene Kategorien<\/h2><p>Die folgende Grafik zeigt, welche Kategorien die meisten Seiten haben, welche immer blockiert sind:<\/p>\n<div><a style=\"display: block; text-align: center;\" title=\"Anteil der Seiten aus Kategorien, welche in China immer blockiert sind\" href=\"https:\/\/plot.ly\/~egloff.mario\/103\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" style=\"max-width: 100%; width: 1368px;\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~egloff.mario\/103.png\" alt=\"Anteil der Seiten aus Kategorien, welche in China immer blockiert sind\" width=\"1368\" \/><\/a><br \/>\n<script src=\"https:\/\/plot.ly\/embed.js\" async=\"\" data-plotly=\"egloff.mario:103\"><\/script><\/div><p>Die Kategorien Blogging Dienste, Pornografie, Suchmaschinen, soziale Netzwerke und Nachrichten haben den h\u00f6chsten Anteil an immer blockierten Seiten. Bis auf pornografische Seiten, sind das alles Kategorien, die dem Nutzer die M\u00f6glichkeit bieten, entweder Informationen zu verbreiten oder zu suchen.<\/p><p>Folgende Grafik zeigt den Anteil an nie geblockten Seiten nach Kategorie:<\/p>\n<div><a style=\"display: block; text-align: center;\" title=\"Anteil der Seiten nach Kategorien, welche in China nie blockiert sind\" href=\"https:\/\/plot.ly\/~egloff.mario\/105\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" style=\"max-width: 100%; width: 1368px;\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~egloff.mario\/105.png\" alt=\"Anteil der Seiten nach Kategorien, welche in China nie blockiert sind\" width=\"1368\" \/><\/a><script src=\"https:\/\/plot.ly\/embed.js\" async=\"\" data-plotly=\"egloff.mario:105\"><\/script><\/div><p>Interessant ist, dass hier besonders die Kategorie E-Commerce kaum unter Zensur leidet, denn 34 der 38 Seiten wurden nie blockiert. Sogar internationale Gr\u00f6ssen wie Amazon sind frei zug\u00e4nglich und liefern nach eigenen Angaben sogar nach China. Dies ist \u00fcberraschend, denn China hat mit der Alibaba Group selbst ein grosses Pferd im Rennen. Besonders hier w\u00fcrde Protektionismus eigentlich Sinn machen, denn chinesische B\u00fcrger w\u00e4ren dadurch gezwungen, nur inl\u00e4ndische E-Commerce Anbieter zu verwenden. Auch die Kategorie Unterhaltung wird kaum angefasst, immer blockiert sind hier nur Youtube, DailyMotion und Soundcloud. Dies ist damit zu erkl\u00e4ren, dass beispielsweise Youtube kein reines Unterhaltungsportal ist und auch informative Videos auffindbar sind. Bei Ereignissen aus der Timeline spielte Youtube h\u00e4ufig eine Rolle, da dort kritische Videos verbreitet wurden.<\/p>\n<h2>Unkontrollierbare Informationen<\/h2><p>Wie in den beiden vorherigen Grafiken ersichtlich wurde, sind besonders Kategorien der Informationsverbreitung betroffen. Wie man auch in der Timeline sieht, scheint man sich besonders vor Ereignissen zu f\u00fcrchten, die entweder durch User-generated content oder durch ausl\u00e4ndische Nachrichten verbreitet werden. Solche Kateogieren werden nun genauer thematisiert.<\/p>\n<h3>User-generated content<\/h3><p>User-generated content ist im Westen ein Zauberwort, denn der Nutzen einer Website entsteht dabei nicht durch den eigentlichen Seitenbetreiber, sondern durch die Aktiv\u00e4ten der Besucher. In China steht man dem eher kritisch gegen\u00fcber, wie man bei den folgenden zwei Kategorien sieht.<\/p>\n<div><a style=\"display: block; text-align: center;\" title=\"Blockierung von sozialen Netzwerken\" href=\"https:\/\/plot.ly\/~egloff.mario\/107\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" style=\"max-width: 100%; width: 1368px;\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~egloff.mario\/107.png\" alt=\"Blockierung von sozialen Netzwerken\" width=\"1368\" \/><\/a><br \/>\n<script src=\"https:\/\/plot.ly\/embed.js\" async=\"\" data-plotly=\"egloff.mario:107\"><\/script><\/div><p>Zentrale Sammelbecken f\u00fcr UGC sind nat\u00fcrlich die zahlreichen sozialen Netzwerke. Besonders diese leiden unter der chinesischen Zensur. Von den elf untersuchten sozialen Netzwerken wurden nur vier gar nicht blockiert, die beiden Gr\u00f6ssten, Facebook und Twitter, sind sogar dauerhaft gesperrt. Der Grund daf\u00fcr liegt auf der Hand: \u00dcber soziale Netzwerke l\u00e4sst sich einfach kommunizieren, kritische Inhalte verbreiten und sogar Proteste planen. Ausl\u00e4ndische Netzwerke haben dazu noch eine weitere Besonderheit: Sobald ein Inhalt gepostet wurde, liegt es in der Hand der ausl\u00e4ndischen Administratoren, was damit passiert. China kann nachtr\u00e4glich also nichts mehr selber zensieren. Dass die grossen Netzwerke f\u00fcr chinesische B\u00fcrger nicht zug\u00e4nglich sind, f\u00fchrt dazu, dass sie eher chinesische Netzwerke wie Sina Weibo benutzen, welche China wiederum direkt kontrollieren kann. Neben sozialen Netzwerken sind nat\u00fcrlich auch Blogs sehr geeignet, um eigene Inhalte zu verbreiten. Bekannte Gratisanbieter wie WordPress und Blogspot sind dauerhaft gesperrt, was das Erstellen von Blogs erschwert. Zus\u00e4tzlich haben Blogs solcher Dienste h\u00e4ufig auch den Anbieter in der URL (z.B beispiel.blogspot.com), zumindest in der Gratisversion. Durch das Blockieren der URL k\u00f6nnen die B\u00fcrger also nicht nur keine Blogs erstellen, sondern auch keine mehr lesen.<\/p>\n<h3>Nachrichten<\/h3><p>Die folgende Grafik zeigt den Anteil der Homepages nach Blockierungsstatus f\u00fcr die Kategorie Nachrichten:<\/p>\n<div><a style=\"display: block; text-align: center;\" title=\"Blockierung von Nachrichtenportalen\" href=\"https:\/\/plot.ly\/~egloff.mario\/110\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" style=\"max-width: 100%; width: 1080px;\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~egloff.mario\/110.png\" alt=\"Blockierung von Nachrichtenportalen\" width=\"1080\" \/><\/a><script src=\"https:\/\/plot.ly\/embed.js\" async=\"\" data-plotly=\"egloff.mario:110\"><\/script><\/div><p>Bei den Nachrichtenportalen sind zwar 31 der 51 Seiten nie blockiert, trotzdem sind acht Portale nie erreichbar. Darunter befinden sich Gr\u00f6ssen wie die New York Times, das Wall Street Journal und Le Monde. Wie das Beispiel der New York Times aus der Timeline zeigt, erfolgt die Blockierung h\u00e4ufig als Reaktion auf einen kritischen Artikel. Dieses reaktion\u00e4re Blockieren f\u00fchrt dazu, dass kritische Informationen sich schlechter unter den chinesischen B\u00fcrgern ausbreiten k\u00f6nnen.<\/p><p>Obwohl die untersuchten Informationen eher f\u00fcr Informationszensur sprechen, darf der Protektionismus hier nicht vergessen werden. Die chinesischen Internetunternehmen gewinnen eine gewaltige Kundenbasis, weil die B\u00fcrger gezwungen sind, chinesische Netzwerke, Blogs und Suchmaschinen zu benutzen. Der Protektionismus erscheint aber eher ein Nebeneffekt zu sein, besonders wenn man bedenkt, dass es viele weitere Formen der Zensur gibt.<\/p>\n<h2>Weitere Formen der Zensur<\/h2><p>Das blosse Blockieren von Seiten ist nat\u00fcrlich nur ein kleiner Teil der Internetzensur, denn die Zensoren haben weitere technische Hilfsmittel im Repertoire.\u00a0Neben Repressionsmittel wie im Fall\u00a0Cheng Jianping (siehe Timeline), werden besonders die chinesischen sozialen Netzwerke stark kontrolliert und zensiert. Dies geschieht durch automatische Filter, aber auch durch manuelle Bearbeitung oder L\u00f6schung von einzelnen Beitr\u00e4gen.\u00a0In einer Studie von Gary King et al. (2013) geht hervor, dass bei diesen Netzwerken besonders Beitr\u00e4ge zensiert werden, die eine Mobilisierung hervorrufen k\u00f6nnten, w\u00e4hrend allgemeine negative Beitr\u00e4ge \u00fcber Politiker mehr geduldet sind. Auch vor den chinesischen Suchmaschinen wie Baidu\u00a0wird kein Halt gemacht, denn bestimmte Suchanfragen sind dort nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2><p>China hat in erster Linie ein Problem mit User-generated Content, besonders im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken und Blogs. Die Zensur nimmt dort zwei Formen an: Ausl\u00e4ndische Dienste, deren Inhalt nicht direkt kontrolliert werden kann, werden gesperrt. Chinesische Dienste wie Weibo werden rigoros und systematisch zensiert, wie die Studie von King uns zeigt. Auch Nachrichtenportale, welche in Vergangenheit regierungsfeindliche Informationen verbreiteten, kommen unter den Zensurhammer. Chinas Internetzensur ist also in erster Linie ein Mittel, um Informationen in kontrollierbaren Kan\u00e4len zu halten. Nicht nur die betroffenen Kategorien sprechen f\u00fcr diese These, sondern auch die Tatsache, dass die Blockade nur ein kleiner Teil der Zensur ist. Protektionismus und der Profit eigener Firmen scheint eher eine (willkommene) Folge zu sein, aber nicht das Hauptmotiv.<\/p>\n<div style=\"border: 1px solid black; padding: 3px;\"><b>Infobox: Methoden und Datensatz<\/b><\/div>\n<div style=\"border: 1px solid black; padding: 3px;\">S\u00e4mtliche Daten stammen von Greatfire.org. Davon wurden die ersten 500 Seiten aus dem Alexa-Datensatz genommen. Von jeder Domain wurde nur eine L\u00e4nderversion verwendet, ausser wenn sich das Angebot grunds\u00e4tzlich unterschied (Beispiel: Von den Google-Suchmaschinen wurde nur google.com und nicht google.de, google.ch, etc. untersucht). Ausserdem wurden chinesische Seiten ebenfalls entfernt. Die Prozentangabe entspricht dem Anteil der Tests w\u00e4hrend den letzten 90 Tagen, bei denen die Seite nicht erreichbar war (Beispiel: Eine Seite mit dem Wert 20% war nur bei einem F\u00fcnftel der Tests erreichbar). Die Anzahl der Tests w\u00e4hrend der letzten 90 Tage kann sich je nach Seite unterscheiden.<br \/>\nDie Seiten wurden nach eigenen Ermessen in die Kategorien Blogging Dienste, Dienstleistungen, E-Commerce, Unterhaltung, Nachrichten, Pornografie, Suchmaschinen und Verschiedene eingeteilt.<\/div>\n<hr \/><p>Autor: Mario Egloff | 09-722-869 | egloff.mario@gmail.com<br \/>\nF\u00fcr: Seminar Policy-Analyse: Politischer Datenjournalismus (Fr\u00fchlingssemester 2015)<br \/>\nDozenten:\u00a0Dr. Sarah B\u00fctikofer, Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann und Dr. des. Bruno Wueest.<br \/>\nAbgabedatum: 17.05.2015<br \/>\nW\u00f6rter: 1013 (exkl. Lead, Infobox, Timeline)<\/p><p>Literatur:<br \/>\nKing, Gary, Jennifer Pan, und Margaret E. Roberts (2013): How Censorship in China Allows Government Criticism but Silences Collective Expression. <em>American Political Science Review 107<\/em> (2), 1-18.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Great Firewall of China blockiert viele Websites f\u00fcr die B\u00fcrger von China. Will China damit heikle Informationen vor B\u00fcrgern verbergen oder eigene Internetunternehmen f\u00f6rdern? Betrachtet man die Typen der blockierten Seiten, erscheint der Protektionismus eher als Nebenprodukt und die Informationszensur als Hauptmotiv. 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