{"id":5119,"date":"2015-05-11T21:50:16","date_gmt":"2015-05-11T20:50:16","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=5119"},"modified":"2017-02-23T15:06:56","modified_gmt":"2017-02-23T14:06:56","slug":"auslanderanteil-und-abstimmungsverhalten-in-migrationspolitischen-fragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2015\/05\/11\/auslanderanteil-und-abstimmungsverhalten-in-migrationspolitischen-fragen\/","title":{"rendered":"Ausl\u00e4nderanteil und Abstimmungsverhalten in migrationspolitischen Fragen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Untersuchung von Abstimmungen zu migrationspolitischen Themen w\u00e4hrend der Periode von 2009 bis 2014 zeigt: W\u00e4hrend die Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Abstimmungsverhalten der Gemeinden prim\u00e4r in demographischen Faktoren wie der Sprachregion und dem Zentrum-Peripherie Konflikt liegt, besteht auch ein signifikanter Zusammenhang zum Ausl\u00e4nderanteil. Insbesondere die Unterscheidung der Ausl\u00e4nder nach ihren Herkunftsl\u00e4ndern wirft neues Licht auf die komplexe Beziehung zwischen Ausl\u00e4nderanteil und Abstimmungsverhalten in \u00a0migrationspolitischen Fragen.<\/strong><\/p><p>Kaum ein Thema polarisiert die Schweizer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten so stark, wie die Migrationspolitik. Die einst bescheidene Bauern-, Gewerbe- und B\u00fcrgerpartei hat es mit ihrem Einsatz f\u00fcr restriktive migrationspolitische Massnahmen als Zugpferd entsprechend ihrem neuen Namen Schweizerische Volkspartei zur w\u00e4hlerst\u00e4rksten Partei gebracht. Immer wieder gelingt es der SVP, gegen den Widerstand aller anderen regierungstragenden Parteien, Volksabstimmungen zu ihrem Kernthema zu gewinnen. Die anderen Parteien sind bislang weitgehend vergeblich bem\u00fcht, dem Siegeszug ihrer Gegenspieler einen Riegel vorzuschieben. Entsprechend gross ist auch das Interesse daran, worin die Ursachen f\u00fcr diese Abstimmungsergebnisse liegen. Ein h\u00e4ufiger Erkl\u00e4rungsansatz lautet, der Ausl\u00e4nderanteil stehe hinter dem Abstimmungsverhalten. Paradoxerweise wird meist argumentiert, h\u00f6here Ausl\u00e4nderanteile f\u00fchrten zu weniger Zustimmung f\u00fcr restriktive Migrationspolitik. Doch diese Erkl\u00e4rung greift zu kurz. Tiefergreifende Analysen wie etwa die Untersuchung von Marko Kovic f\u00fcr den <a href=\"http:\/\/blog.tagesanzeiger.ch\/datenblog\/index.php\/668\/je-weniger-auslaender-desto-mehr-ja-stimmen-wirklich\">Tagesanzeiger<\/a>\u00a0zeigen: Sofern \u00fcberhaupt eine Beziehung existiert, ist diese relativ komplex. Es lohnt sich ein detaillierter Blick auf das Abstimmungsverhalten und die Ausl\u00e4nderanteile der Schweizer Gemeinden.<\/p><p> <iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/domibraun.cartodb.com\/viz\/861575e2-fc9c-11e4-bac1-0e0c41326911\/embed_map\" width=\"100%\" height=\"520\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe> Durch Hovern \u00fcber Gemeinden erscheinen die Gemeindenamen sowie die jeweilige zentrale Variable. Durch Anklicken erscheinen zus\u00e4tzliche Informationen. \u00dcber die Schaltfl\u00e4che Visible Layers kann eingestellt werden, welche Karte betrachtet werden soll. Es ist nicht empfohlen, gleichzeitig mehr als ein Layer einzuschalten. \u00dcber die Suchfunktion kann direkt nach einzelnen Gemeinden gesucht werden. Zu einigen Gemeinden sind aufgrund von Fusionen und Aufl\u00f6sungen sowie den unterschiedlichen und uneinheitlichen Datenquellen leider keine Angaben vorhanden. <\/p><p><span style=\"line-height: 1.5;\">Die Interaktiven Karten zeigen die durchschnittliche Zustimmung der Bev\u00f6lkerung zu restriktiven migrationspolitischen Massnahmen bei Abstimmungen von 2009 bis 2014 auf Gemeindeebene sowie den Ausl\u00e4nderanteil an der Bev\u00f6lkerung. Die Abbildung des Abstimmungsverhaltens zeigt auf den ersten Blick, dass die franz\u00f6sischsprachige Westschweiz und die urbanen Zentren migrationsfreundlicher stimmen. Der Vergleich mit der geografischen Darstellung des Abstimmungsverhaltens best\u00e4tigt, dass in diesen Gemeinden die Ausl\u00e4nder auch tendenziell einen gr\u00f6sseren Anteil der Bev\u00f6lkerung ausmachen. Doch betrachtet man etwa den Kanton Tessin, so sieht das schon deutlich anders aus: Trotz relativ hohen Ausl\u00e4nderanteilen in den meisten Gemeinden, stimmen die Tessiner im schweizerischen Vergleich klar f\u00fcr restriktive Massnahmen in der Migrationspolitik.<\/span><\/p><p>Je detaillierter man sich die einzelnen Gemeinden betrachtet, desto mehr Beispiele fallen auf, die der These, \u201eje weniger Ausl\u00e4nder, desto ausl\u00e4nderfeindlicher das Stimmverhalten\u201c widersprechen. So f\u00e4llt etwa die Luzerner Gemeinde Sempach auf, die trotz einem relativen niedrigen Ausl\u00e4nderanteil von knapp 7 Prozent merkbar migrationsfreundlicher stimmt als ihre Nachbarn. Ebenso Elfingen im Kanton Aargau oder Regensberg im Norden Z\u00fcrichs, die bei vergleichbaren Ausl\u00e4nderanteilen deutlich anders abstimmen als die umliegenden Gemeinden. Keine zehn Kilometer nord\u00f6stlich von Regensberg aber ganz auf der anderen Seite des Spektrums liegt dagegen die Gemeinde H\u00f6ri. Trotz dem hohen Ausl\u00e4nderanteil von rund 30 Prozent stimmt sie im Z\u00fcrcher Vergleich sehr migrationsfeindlich.<\/p><p>Diese Gemeinden unterscheiden sich von ihren Nachbarn durch die Zusammensetzung der ausl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung. Sempach, Elfingen und Regensberg zeichnen sich aus, durch einen vergleichsm\u00e4ssig hohen Anteil an Ausl\u00e4ndern aus wohlhabenderen Herkunftsl\u00e4ndern w\u00e4hrend in H\u00f6ri ein besonders hoher Anteil an Ausl\u00e4ndern aus \u00e4rmeren Nationen lebt. Ich erg\u00e4nze daher meine interaktiven Karten um zwei Darstellungen, welche die ausl\u00e4ndische Bev\u00f6lkerung je nach Herkunftsland in eine von zwei Kategorien unterteilt:<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/domibraun.cartodb.com\/viz\/0d07bef2-fcd4-11e4-8522-0e853d047bba\/embed_map\" width=\"100%\" height=\"520\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p><p>Die Unterscheidung der ausl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung nach Herkunftsland wirft ein neues Licht auf den Zusammenhang zwischen Ausl\u00e4nderanteil und Abstimmungsverhalten in migrationspolitischen Fragen. Insbesondere entlang den Ufern des Z\u00fcrichsees zeigt sich dies: Je h\u00f6her der Anteil an Ausl\u00e4ndern aus finanzkr\u00e4ftigen Nationen, desto tiefer die Zustimmung zu restriktiven migrationspolitischen Abstimmungsvorlagen. Eine einfache Korrelationsanalyse zeigt, dass dies tendenziell in der ganzen Schweiz zutrifft:<\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/reiche-L\u00e4nder.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-5548\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/reiche-L\u00e4nder-1024x588.jpeg\" alt=\"reiche L\u00e4nder\" width=\"701\" height=\"403\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/arme-L\u00e4nder.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-5546\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/arme-L\u00e4nder-1024x643.jpeg\" alt=\"arme L\u00e4nder\" width=\"691\" height=\"433\" \/><\/a><\/p><p>Ohne Ber\u00fccksichtigung jeglicher Kontrollvariablen wie Urbanit\u00e4t oder Sprachregion zeigt sich tats\u00e4chlich, dass die Zustimmung zu restriktiver Migrationspolitik mit h\u00f6herem Ausl\u00e4nderanteil tendenziell sinkt. Wichtig ist jedoch vor allem der Vergleich zwischen den Korrelationen der beiden Ausl\u00e4nderkategorien, die noch einmal klar zeigen, dass die Zustimmung zu restriktiver Migrationspolitik vor allem mit h\u00f6heren Anteilen von Ausl\u00e4ndern aus wohlhabenden Nationen sinkt.<\/p><p>Diese Ergebnisse erlauben keine Schl\u00fcsse \u00fcber die urs\u00e4chliche Wirkung die hinter dem Zusammenhang zwischen Ausl\u00e4nderanteilen und Abstimmungsverhalten zu migrationspolitischen Fragen steht. Sie zeigen jedoch klar und deutlich, dass dieser Zusammen nicht so simpel ist, wie oft angenommen wird. Insbesondere sind Ausl\u00e4nder keine homogene Bev\u00f6lkerungsgruppe und wer sich mit dem Thema von Ausl\u00e4nderanteilen besch\u00e4ftigen will, muss dies in Betracht ziehen.<\/p>\n<div style=\"border: 1px solid black; padding: 3px;\"><p><strong>Methodik<\/strong><\/p><p>Die vorliegende Untersuchung basiert auf einer Vollerhebung der Schweizer Abstimmungsdaten auf Gemeindsebene durch\u00a0Michael Hermann sowie auf den Angaben des Bundesamtes f\u00fcr Statistik zur Bev\u00f6lkerungsstruktur der Schweiz und des Eidgen\u00f6ssischen Finanzdepartements zur direkten Bundessteuer. Das Bfs stellt f\u00fcr die Jahre 2010-2013 auf Gemeindsebene die Daten zur Staatszugeh\u00f6rigkeit aller Einwohner zur Verf\u00fcgung. Im Rahmen der Untersuchung wurden die 50 am h\u00e4ufigsten in der Schweiz vertretenen Nationalit\u00e4ten erhoben (deren Staatsangeh\u00f6rige 98,7% der Schweizer Bev\u00f6lkerung ausmachen) und die jeweiligen Nationen nach kaufkraftbereinigtem Bruttoinlandprodukt pro Kopf in wohlhabendere und \u00e4rmere Nationen unterteilt. Nation mit einem\u00a0kaufkraftbereinigtem BIP\u00a0pro Kopf, das weniger als zwei Drittel des Schweizer BIP pro Kopf ausmacht, wurden als &#8222;arm&#8220; eingestuft. Damit gilt Frankreich noch als wohlhabenderer Staat, die s\u00fcdeurop\u00e4ischen Nationen Spanien, Italien, Griechenland und Portugal gelten jedoch bereits als \u00e4rmere Nationen.<\/p><p>So wurde f\u00fcr jede Schweizer Gemeinde der Ausl\u00e4nderanteil an der Bev\u00f6lkerung berechnet und jeweils nach Wohlstand des Herkunftlandes unterteilt. Danach wurde der Zusammenhang zwischen diesen Indikatoren und dem Abstimmungsverhalten in 5 nationalen Abstimmungen zu migrationspolitischen Themen von 2009 bis 2014 berechnet. (Abstimmungsvorlagen \u00a0540, 547, 552.1, 571 und 580). F\u00fcr die drei Gemeinden des Kanton Glarus wurde ein kantonaler Durchschnitt berechnet, da die Einteilung nach Gemeinden durch die Fusion der Glarner Gemeinden 2011 erschwert wurde.<\/p>\n<\/div><p>&nbsp;<\/p><p>Autor:\u00a0Dominik Braunschweiger \/ dominik.braunschweiger@uzh.ch \/ 09-105-933 \/ Abgabedatum 17.5.2015<\/p><p>Blogbeitrag Im Rahmen des Forschungsseminars Policy Analyse: Politischer Datenjournalismus<\/p><p>Dozenten:\u00a0Dr. Sarah B\u00fctikofer, Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann und Dr. des. Bruno W\u00fcest<\/p><p>Daten: Vollerhebung Abstimmungsergebnisse Schweizer Gemeinden, Abstimmungsthemen Rating nach Michael Hermann (aus der Vorlesung: Forschungsseminar Policy-Analyse: Politischer Datenjournalismus),\u00a0Bundesamt f\u00fcr Statistik.<\/p><p>W\u00f6rter: 676<\/p><p>Quellen: Marko Kovic 2.3.2014: <a href=\"http:\/\/blog.tagesanzeiger.ch\/datenblog\/index.php\/668\/je-weniger-auslaender-desto-mehr-ja-stimmen-wirklich\">&#8222;Je weniger Ausl\u00e4nder desot mehr Ja-Stimmen? Wirklich?&#8220;<\/a>\u00a0 Tagesanzeiger Blog<\/p><p>&nbsp;<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Untersuchung von Abstimmungen zu migrationspolitischen Themen w\u00e4hrend der Periode von 2009 bis 2014 zeigt: W\u00e4hrend die Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Abstimmungsverhalten der Gemeinden prim\u00e4r in demographischen Faktoren wie der Sprachregion und dem Zentrum-Peripherie Konflikt liegt, besteht auch ein signifikanter Zusammenhang zum Ausl\u00e4nderanteil. 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