{"id":5764,"date":"2015-12-12T13:43:49","date_gmt":"2015-12-12T12:43:49","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=5764"},"modified":"2017-02-23T14:41:51","modified_gmt":"2017-02-23T13:41:51","slug":"alte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2015\/12\/12\/alte\/","title":{"rendered":"Kumulieren und Panaschieren &#8211; Eine Sache der Alten?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bei den Wahlen 2015 wurde wieder fleissig panaschiert, kumuliert und Kandidaten von der Liste gestrichen. So wurden altgediente Vertreter des Nationalrates nicht mehr wiedergew\u00e4hlt. Doch wer streicht Kandidaten von der Liste und ersetzt sie durch Politiker von anderen Parteien? Dies sind vor allem auch die j\u00fcngeren W\u00e4hler, welche enthusiastisch ihre m\u00f6glichen ersten Wahlen bestreiten. Vor allem sind es B\u00fcrger mit einem hohen politischen Wissen, welche die Nationalratslisten ver\u00e4ndern.<\/strong><\/p><p>Nach den eidgen\u00f6ssischen Wahlen am 18. Oktober 2015 wurde kurz darauf die Statistik f\u00fcr die Anzahl panaschierter Stimmen ver\u00f6ffentlicht. Das Statistische Amt des Kantons Z\u00fcrich hat die Wahlzettel analysiert und die sogenannten Panaschierk\u00f6nige erkoren. Die absolute Zahl der Panaschierstimmen pro Liste und Kandidierende zeigt, wie oft die Kandidierenden auf den Wahlzetteln einer anderen Liste aufgeschrieben (=panaschiert) wurden. Hierbei schwingen die St\u00e4nderatskandidaten Jositsch (SP), Girod (Gr\u00fcne), B\u00e4umle (GLP) und Noser (FDP) oben auf. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass diese Kandidaten von der Plattform des St\u00e4nderat Wahlkampfes profitiert haben und sich dort einem breiten Publikum zeigen konnten. Die ver\u00e4nderten Wahlzettel stammen von W\u00e4hlern, welche sich \u00fcber das ganze Parteienspektrum verteilen. Doch gibt es Gemeinsamkeiten bei den Personen, welche die Wahlzettel ab\u00e4ndern? Haben die Kumulierer und Panaschierer ein gr\u00f6sseres politisches Wissen als solche, die die Wahlzettel unver\u00e4ndert in die Urne werfen? Oder nehmen sich die \u00e4lteren W\u00e4hler vor allem Zeit, um die Listen abzu\u00e4ndern und die jungen W\u00e4hler senden die Listen unver\u00e4ndert in die Wahllokale?<\/p><p>Diese Fragen werden mittels Daten von 1995-2011 zur ganzen Schweiz in Bezug auf das Alter und das politische Wissen untersucht. Zuerst wird analysiert, ob die Listen ver\u00e4ndert wurden. Dabei wurde nicht zwischen Streichen, Panaschieren und Kumulieren unterschieden (Infobox). Hier werden die ersten Trends sichtbar, welche sich \u00fcber alle Arten der Ver\u00e4nderung der Listen fortsetzt. Das politische Wissen (Infobox) hat einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eine Nationalratsliste zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<div><a style=\"display: block; text-align: center;\" title=\"Wahrscheinlichkeit der Ver\u00e4nderung einer Liste nach politischem Wissen und Alter\" href=\"https:\/\/plot.ly\/~lumoeh\/183\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" style=\"max-width: 100%; width: 1089px;\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~lumoeh\/183.png\" alt=\"Wahrscheinlichkeit der Ver\u00e4nderung einer Liste nach politischem Wissen und Alter\" width=\"1089\" \/><\/a><br \/>\n<script src=\"https:\/\/plot.ly\/embed.js\" async=\"\" data-plotly=\"lumoeh:183\"><\/script><\/div><p><em>Grafik 1 (Eigene Darstellung, Quelle: Selects)<\/em> <\/p><p>Hier sieht man, dass ein 20-j\u00e4hriger W\u00e4hler mit einem politischen Wissen von 0 mit einer Wahrscheinlichkeit von 47.6 % die eingeworfene Nationalratsliste ver\u00e4ndert hat. Das heisst, dass der W\u00e4hler keine der vier relevanten Fragen zum politischen Wissen richtig beantwortet hat. Trotzdem wird er mit 47.6 % Wahrscheinlichkeit die gew\u00e4hlte Liste ver\u00e4ndern. In der gleichen Kategorie des politischen Wissens steigt die Wahrscheinlichkeit zuerst leicht an bis der H\u00f6hepunkt im Alter von 34-37 Jahren erreicht wird mit 49.8 %. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit in dieser Kategorie. Noch tiefer ist dann die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr 60-j\u00e4hrige B\u00fcrger mit 45 % und f\u00fcr 80-j\u00e4hrige mit 34.4 %. Innerhalb der untersten Kategorie des politischen Wissens mit einer Score von 0 haben die j\u00fcngsten W\u00e4hler gegen\u00fcber den \u00e4ltesten W\u00e4hlern eine h\u00f6here Wahrscheinlichkeit von fast 25 Prozentpunkten die gew\u00e4hlte Nationalratsliste zu ver\u00e4ndern. Wenn man die gleichen Alterskategorien \u00fcber die verschiedenen Niveaus des politischen Wissens vergleicht, steigt die Wahrscheinlichkeit eine Nationalratsliste zu ver\u00e4ndern, wenn eine Person ein h\u00f6heres politisches Wissen besitzt. So ver\u00e4ndert ein 20-j\u00e4hriger W\u00e4hler mit dem h\u00f6chsten politischen Wissen\u00a0seine eingeworfene Liste mit einer Wahrscheinlichkeit von 71.3 %. Dies sind wiederum knapp 23 Prozentpunkte mehr als sein gleichaltriger Kollege mit dem tiefsten politischen Wissen. F\u00fcr die Analyse der Kumulation der Kandidaten sieht es hingegen ein wenig anders aus. Auch hier hat das politische Wissen einen positiven Einfluss auf das Kumulieren. Wer h\u00f6here Kenntnisse \u00fcber die politischen Abl\u00e4ufe der Schweiz besitzt, wird eher Kandidaten auf einer Nationalratsliste kumulieren. Jedoch scheint die Wahrscheinlichkeit Kandidaten auf der Liste zweimal zu erw\u00e4hnen mit dem Alter l\u00e4nger zu steigen um dann wieder auf ein \u00e4hnliches Niveau zu fallen.<\/p>\n<div><a style=\"display: block; text-align: center;\" title=\"Wahrscheinlichkeit der Kumulation eines Kandidaten nach politischem Wissen und Alter\" href=\"https:\/\/plot.ly\/~lumoeh\/191\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" style=\"max-width: 100%; width: 1089px;\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~lumoeh\/191.png\" alt=\"Wahrscheinlichkeit der Kumulation eines Kandidaten nach politischem Wissen und Alter\" width=\"1089\" \/><\/a><script src=\"https:\/\/plot.ly\/embed.js\" async=\"\" data-plotly=\"lumoeh:191\"><\/script><\/div><p><em>Grafik 2 (Eigene Darstellung, Quelle: Selects)<\/em><\/p><p>So hat ein 20-j\u00e4hriger mit einem politischen Wissen von 0 eine Wahrscheinlichkeit von 39.3 % einen Kandidaten auf der Liste zu kumulieren. In der gleichen Wissenskategorie steigt die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr einen 40-j\u00e4hrigen auf 47.8 %. Die h\u00f6chste Wahrscheinlichkeit einen Kandidaten zweimal zu erw\u00e4hnen hat ein 55- und 56-j\u00e4hriger B\u00fcrger bei 49.9 %. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit, so dass ein 80-j\u00e4hriger noch eine Wahrscheinlichkeit von 44.6 % aufweist. Die 80-j\u00e4hirgen W\u00e4hler haben also eine h\u00f6here Wahrscheinlichkeit einen Kandidaten zu kumulieren als ein 20-j\u00e4hriger. Im Vergleich \u00fcber die Kategorien des politischen Wissens hinweg, erh\u00f6ht sich wiederum die Wahrscheinlichkeit bei 20-j\u00e4hrigen um knapp 20 Prozentpunkte von der tiefsten zur h\u00f6chsten Kategorie. Ebenso verh\u00e4lt es sich bei den \u00e4lteren W\u00e4hlern. Ein 80-j\u00e4hriger B\u00fcrger mit dem h\u00f6chsten politischen Wissen hat eine Wahrscheinlichkeit von 20 Prozentpunkten mehr als ein 80-j\u00e4hriger aus der untersten Wissenskategorie einen Kandidaten zweimal auf seiner Liste zu erw\u00e4hnen. In allen Wissenskategorien liegen die h\u00f6chsten Wahrscheinlichkeiten bei ungef\u00e4hr 55 Jahren.<\/p><p>Als letzte Variante wird das Panaschieren betrachtet. Hier wird\u00a0wieder die Tendenz vom Anfang aufgenommen. Das Alter hat einen negativen und das politische Wissen einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit des Panaschierens.<\/p>\n<div><a style=\"display: block; text-align: center;\" title=\"Wahrscheinlichkeit des Panaschierens nach politischem Wissen und Alter\" href=\"https:\/\/plot.ly\/~lumoeh\/195\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" style=\"max-width: 100%; width: 1089px;\" src=\"https:\/\/plot.ly\/~lumoeh\/195.png\" alt=\"Wahrscheinlichkeit des Panaschierens nach politischem Wissen und Alter\" width=\"1089\" \/><\/a><br \/>\n<script src=\"https:\/\/plot.ly\/embed.js\" async=\"\" data-plotly=\"lumoeh:195\"><\/script><\/div><p><em>Grafik 3 (Eigene Darstellung, Quelle: Selects)<\/em><\/p><p>Beim Panaschieren ist die Wahrscheinlichkeit zu Panaschieren f\u00fcr einen 20-j\u00e4hrigen mit dem tiefsten politischen Wissen bei 45 %. Er hat also eine leicht tiefere Wahrscheinlichkeit zu panaschieren als eine Liste generell zu ver\u00e4ndern. Dies macht Sinn, da das Panaschieren eine spezifischere Form der Ver\u00e4nderung ist. Auch hier steigt die Wahrscheinlichkeit zuerst leicht an bis zum H\u00f6hepunkt bei 48.6 % f\u00fcr die 43-j\u00e4hrigen. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit erneut auf 46.1% und 37.7% f\u00fcr die 60- bzw. 80-j\u00e4hrigen B\u00fcrger der untersten Wissenskategorie. Es besteht also praktisch kein Unterschied in der Wahrscheinlichkeit zu panaschieren zwischen einem 60 Jahre alten W\u00e4hler und einem 20-j\u00e4hrigen. Auch beim \u00dcbertragen von Kandidaten von anderen Listen betragen die Unterschiede von der tiefsten zur h\u00f6chsten Kategorie des politischen Wissens bei gleichaltrigen knapp 24 Prozentpunkte.<\/p><p>Der Einfluss des Alters kann verschiedene Gr\u00fcnde haben. Einerseits ver\u00e4ndern die \u00e4lteren W\u00e4hler \u00fcber 60 Jahre die Listen weniger. Hier kann der Aufwand eine Rolle spielen, welcher f\u00fcr viele zu hoch ist. Den\u00a0jungen W\u00e4hlern, oft auch Erstw\u00e4hler, kommt zu gute, dass die Zeit des Staatskundeunterrichts noch nicht lange her ist und sie sich hoffentlich an die wichtigsten Regeln der Nationalratswahlen\u00a0erinnern und so die M\u00f6glichkeiten der Ver\u00e4nderungen pr\u00e4senter haben. Was jedoch auff\u00e4llt ist, dass \u00e4ltere W\u00e4hler dagegen eher kumulieren. Sie k\u00f6nnten so ihre Stimme auf weniger Kandidaten konzentrieren, um ihr Ziel zu erreichen. Wogegen die j\u00fcngeren B\u00fcrger eher mehr Kandidierende ber\u00fccksichtigen und die Vielfalt in ihrer Stimme f\u00f6rdern.<\/p><p>Der Einfluss des politischen Wissens ist definitiv vorhanden. Die W\u00e4hler, welche durch korrekte Antworten in den Fragen nach dem politischen Wissen auffielen, haben ihre Listen f\u00fcr die Nationalratswahlen eher ver\u00e4ndert. Somit kann gesagt werden, dass f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung der Liste, ob panaschieren oder kumulieren, ein gewisses Mass an politischem Wissen ben\u00f6tigt wird. Wenn diese Kenntnisse vorhanden sind, ist auch die Wahrscheinlichkeit diese effektiv zu nutzen h\u00f6her. Bei tiefem politischen Wissen ist auch die Wahrscheinlichkeit geringer, da der W\u00e4hler gar nicht weiss, dass man die Listen f\u00fcr den Nationalrat ver\u00e4ndern darf.<\/p><p>F\u00fcr die n\u00e4chsten Wahlen sind vor allem die Kandidaten auf den hinteren Pl\u00e4tzen der Liste dazu angehalten die W\u00e4hler darauf aufmerksam zu machen, dass die Listen ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen. Nur so k\u00f6nnen sie Pl\u00e4tze gut machen und in den Nationalrat einziehen. Hier ist das Augenmerk eher auf die j\u00fcngeren bis mittelalten W\u00e4hler zu legen, da diese eher ihre eingeworfenen Listen ver\u00e4ndern als B\u00fcrger \u00fcber 60. Auch die W\u00e4hler mit hohem politischen Wissen sind interessanter f\u00fcr die Kandidaten.<\/p>\n<div style=\"border: 1px solid black; padding: 5px; font-size: 13px; font-family: verdanan;\"><p>Ver\u00e4nderung der Listen:<\/p><p>Es wurden vier verschiedene Fragen zu den Ver\u00e4nderungen der Listen angeschaut. Zuerst wird gefragt, ob der Befragte die Liste ver\u00e4ndert hat. Danach wird spezifisch gefragt ob ein Kandidat von der Liste gestrichen wurde. In den n\u00e4chsten beiden Fragen wurde gefragt ob ein Kandidat kumuliert wurde und ob ein Kandidat einer anderen Liste benutzt wurde, also panaschiert wurde.<\/p><p>Politisches Wissen:<\/p><p>Zur Untersuchung des politischen Wissens wurden die verschiedenen Variablen im Selects-Datensatz zu einer Variablen zusammengef\u00fchrt. Die Variable zum politischen Wissen kombiniert vier Fragen zum Bundespr\u00e4sidenten, den Parteien im Bundesrat, die Mindestanzahl an Unterschriften f\u00fcr eine Initiative und die Anzahl der Nationalr\u00e4te f\u00fcr den Kanton des Befragten. Diese vier Fragen werden geschl\u00fcsselt nach richtiger oder falscher Antwort. In der zusammenfassenden Variable ergeben sich dann f\u00fcnf Kategorien von 0 (keine Frage richtig beantwortet) bis 4 (alle Fragen richtig beantwortet).\u00a0Da die Fragen in der Selects-Studie erst ab dem Jahr 1995 gestellt wurden, kann ich nur die Daten von 1995-2011 verwenden.<\/p><p>Diese Variablen werden dann in einer Regression mit den Variablen zu den ver\u00e4nderten Listen gemeinsam mit dem Alter und dem politischen Wissen gerechnet. Da die Streichung der Kandidaten keine signifikanten Resultate ergeben haben, wurden diese Resultate nicht ber\u00fccksichtigt. Die Resultate zum Kumulieren der Kandidaten waren auf dem 95%-Intervall signifikant. Die anderen beiden sogar auf dem 99 %-Intervall.<\/p>\n<\/div><p>Autor: Lukas\u00a0M\u00f6hr \/ lukas.moehr@uzh.ch \/ 11-722-568 \/ Abgabedatum 06.12.2015<br \/>\nBlog: Im Rahmen des Forschungsseminars Policy Analyse: Politischer Datenjournalismus<br \/>\nDozenten: \u00a0Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann und Dr. des. Bruno W\u00fcest<br \/>\nW\u00f6rter: 1087 (exkl. Lead, Infobox und Infos)<\/p><p>Quellen:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/forscenter.ch\/de\/our-surveys\/selects\/\">Selects<\/a>\u00a0Datensatz (aus der Vorlesung: Forschungsseminar Policy-Analyse: Politischer Datenjournalismus)<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.statistik.zh.ch\/internet\/justiz_inneres\/statistik\/de\/wahlen_abstimmungen\/wahlen_2015\/NRW_2015\/panaschierstatistik.html#a-content\" target=\"_blank\">Statistisches Amt des Kantons Z\u00fcrich (2015)<\/a>: Panaschierstatistik<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei den Wahlen 2015 wurde wieder fleissig panaschiert, kumuliert und Kandidaten von der Liste gestrichen. So wurden altgediente Vertreter des Nationalrates nicht mehr wiedergew\u00e4hlt. Doch wer streicht Kandidaten von der Liste und ersetzt sie durch Politiker von anderen Parteien? Dies sind vor allem auch die j\u00fcngeren W\u00e4hler, welche enthusiastisch ihre m\u00f6glichen ersten Wahlen bestreiten. 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