{"id":5773,"date":"2015-12-04T16:58:41","date_gmt":"2015-12-04T15:58:41","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=5773"},"modified":"2017-02-23T14:53:04","modified_gmt":"2017-02-23T13:53:04","slug":"konservative-wertvorstellungen-liegen-im-trend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2015\/12\/04\/konservative-wertvorstellungen-liegen-im-trend\/","title":{"rendered":"Konservative Werte auf dem Vormarsch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Betrachtung der Werteeinstellungen der Schweizer Stimmbev\u00f6lkerung zeigt: In der zeitlichen Entwicklung mehrerer Grundwerte lassen sich Trendwenden erkennen. Spannend wird es dann, wenn man die Stimmbev\u00f6lkerung in zwei Gruppen teilt: Die Abstimmenden und die Nicht-Abstimmenden.<\/strong><\/p><p><strong>Konservatives Potential<\/strong><\/p><p>Die Ergebnisse der eidgen\u00f6ssischen Parlamentswahlen dieses Herbstes zeigten, was hier best\u00e4tigt wird: Das Schweizerische Stimmvolk denkt in den polarisierenden, \u00f6ffentlichen Themen zunehmend eher konservativer als noch vor einigen Jahren. Entscheidend ist, dass gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Ereignisse der letzten Jahre dieses Werteverhalten beeinflusst haben. Themen wie die Wirtschaftskrise, Eurokrise und Migration pr\u00e4gen den \u00f6ffentlichen Diskurs massgeblich. Dies resultiert in Wertever\u00e4nderungen der Stimmb\u00fcrgerinnen und der Stimmb\u00fcrger. Dass diejenigen, die nicht abstimmen, diese Trendwende tendenziell unterst\u00fctzen, zeigt das Potential gewisser politischer Gruppen. Dieses Potential k\u00f6nnte von der politischen konservativen Elite durch erfolgreiches Mobilisieren (noch besser) ausgesch\u00f6pft werden.<\/p><p><strong>Wertewandel bei der Chancengleichheit<\/strong><\/p><p>Die Schweizer Stimmbev\u00f6lkerung wird innerhalb der VOX- Umfrage zu jedem eidgen\u00f6ssischen Abstimmungstermin zu seinen Grundwerten befragt. Die Grundwerte, welche systematisch seit 1993 erfasst werden, decken wirtschaftliche, soziale und politische Themen ab. Sie werden anhand von einer Skala von 1-6 und zwei gegen\u00fcberstehenden Antwortkategorien erfragt. Die Frage nach der Wertpr\u00e4ferenz der befragten Person bez\u00fcglich der Chancengleichheit lautet: \u201eBitte sagen Sie mir, was Sie sich f\u00fcr die Schweiz w\u00fcnschen. Wenn Sie mit dem ersten Teil der Vorgabe \u00fcbereinstimmen, w\u00e4hlen Sie die Zahl 1 oder eine Zahl nahe bei 1. Wenn Sie mit dem zweiten Teil der Vorlage \u00fcbereinstimmen, w\u00e4hlen Sie die 6 oder eine Zahl nahe bei 6. Eine Schweiz mit gleichen Chancen f\u00fcr Ausl\u00e4nder und Ausl\u00e4nderinnen, oder eine Schweiz mit besseren Chancen f\u00fcr die Schweizer und Schweizerinnen?\u201c<\/p><p><strong> <a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Chancengleichheit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6101\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Chancengleichheit.jpg\" alt=\"Chancengleichheit\" width=\"1324\" height=\"864\" \/><\/a><\/strong><\/p><p>Obwohl das Stimmvolk in den letzten zwanzig Jahren stets f\u00fcr eine Bevorzugung der Schweizerinnen und Schweizer war, und die Abstimmenden im letzten Jahrtausend noch zu einer offenen Haltung tendierten, l\u00e4sst sich sp\u00e4testens 2007 eine klare Trendwende beobachten. Da begann einen deutlicher Umschwung- hin zu einer gr\u00f6sseren Bevorzugung der Schweizerinnern und Schweizern. Die urnenabstinenten Personen w\u00fcnschen sich eine Bevorzugung der Schweizerinnen und Schweizer gar noch mehr. In den letzten Jahren fand in der Schweiz eine ausgepr\u00e4gt polarisierende Migrationsdebatte statt, welche diesen Wertewandel zu beeinflussen scheint. Die Annahmen der Minarett -, Ausschaffungs &#8211; und der Masseneinwanderungsinitiativen (2009, 2010 und 2014) best\u00e4tigen diese Trendwende. Die Deutlichkeit des Potentials des konservativen politischen Lagers in der Asylpolitik wird hier in aller Deutlichkeit sichtbar.<\/p><p><strong>Andere Fragen &#8211; gleiches Muster<\/strong><\/p><p>In weiteren Wertepaarungen zeigt sich, dass sich das Stimmvolk in einer Entwicklung in Richtung eher konservativen Wertvorstellungen bewegt im Vergleich zu vor 16 Jahren. So bef\u00fcrwortet eine Mehrheit der Abstimmenden und eine deutliche Mehrheit der Nicht-Abstimmenden die Unterst\u00fctzung des F\u00f6deralismus. Sogar in einer Paarung wie \u201eUmweltschutz vs. wirtschaftlicher Wohlstand\u201c wird der Trend best\u00e4tigt. Obwohl sowohl Abstimmende, wie auch Nicht- Abstimmende Umweltschutz eher \u00fcber den wirtschaftlichen Wohlstand setzen, best\u00e4tigt ein sichtbarer Umschwung 2009\/2010 den vermehrten Wunsch nach wirtschaftlichem Wohlstand. Diese Aufw\u00e4rtsbewegung wurde auch nicht nachhaltend durch globale Umweltschocks, wie Fukushima (2011) unterbrochen. Auch hier f\u00e4llt die restriktivere Einstellung (eher f\u00fcr Prosperit\u00e4t) der Nicht- Abstimmenden gegen\u00fcber den Abstimmenden<br \/>\nauf.<\/p><p><strong>Wunsch nach mehr aussenpolitischer Abschottung<br \/>\n<\/strong><\/p><p><strong><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Aussenpolitik.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6103\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Aussenpolitik.jpg\" alt=\"Aussenpolitik\" width=\"1361\" height=\"1000\" \/><\/a><\/strong><\/p><p>Die Betrachtung der Grundwerte zur Schweizerischen Aussenpolitik zeigt, dass sich die Abstimmenden und die urnenabstinenten Stimmb\u00fcrgerinnen und Stimmb\u00fcrger bis anfangs der 2000er Jahre relativ einig waren. Sie wollten eher eine Schweiz, die sich nach aussen hin \u00f6ffnet. Die Schere zwischen den Abstimmenden und den Nichtabstimmenden vergr\u00f6sserte sich jedoch bald, auch wenn sich die grundlegende offene Einstellung nicht \u00e4nderte. Die globale Finanzkrise, die anschliessenden Eurokrise, welche in Banken &#8211; und Wirtschaftskrisen im europ\u00e4ischen Raum resultierte, legten anscheinend den Grundstein f\u00fcr eine zunehmend restriktive Haltung gegen\u00fcber einer \u00d6ffnung der Schweiz. Diese Entwicklung ist bei den urnenabstinenten Personen noch klarer zu beobachten. Spannend ist, dass die Schere zwischen den beiden Gruppen sich ab 2010 wieder zu schliessen scheint. Die Masseneinwanderungsinitiative, die im Februar 2014 angenommen wurde, unterstreicht den Abschottungstrend- trotz theoretisch durchschnittlich offener aussenpolitischer Einstellung des Schweizerischen Stimmvolkes.<\/p><p><strong>Keine Dynamik in unpopul\u00e4ren Themenfeldern<\/strong><\/p><p>Eine Einordnung zwischen konservativen und eher moderneren Einstellungen scheint in folgenden Themenfeldern eher schwierig. So w\u00fcnscht sich das Schweizerische Stimmvolk seit jeher eine ordentliche und sichere Schweiz (Tendenz steigend). Auch in Sachen direkte Demokratie scheint langw\u00e4hrende Einigkeit zwischen dem aktiven und passiven Stimmvolk zu herrschen: Die B\u00fcrgerbeteiligung f\u00fcr wichtige politische Entscheidungen ist relevant und wird gesch\u00e4tzt. \u00dcber die Jahre gesehen sind keine nennenswerten Unterschiede feststellbar zwischen Abstimmenden und Nicht-Abstimmenden, sowie keine erheblichen Werteverschiebungen. Diese Aussage gilt auch f\u00fcr die Wertsch\u00e4tzung der Vollbesch\u00e4ftigung, die einen grossen Stellenwert geniesst.<\/p><p><strong>Staatseingriff versus wirtschaftlicher Wettbewerb<\/strong><\/p><p>Eine grosse wirtschaftliche Frage, die sich nicht in das konservativ- modern- Schema einordnen l\u00e4sst, ist die Gratwanderung zwischen einem m\u00f6glichen Eingriff des Staates in die Wirtschaft und offener Wirtschaftspolitik, die den wirtschaftlichen Wettbewerb begr\u00fcsst. Bis zum Jahr 2008 verlief die Kurve konstant fallend Richtung Staatseingriff. Ab 2009 &#8211; nach dem staatlichen Rettungsschirm f\u00fcr die UBS im Oktober 2008 &#8211; scheint eine Wende zu beginnen. Das Stimmvolk entscheidet sich wieder vermehrt f\u00fcr liberale Werte und scheint Wirtschaftskonkurrenz als einen wichtigen Grundpfeiler des Schweizerischen Wirtschaftssystems zu halten. Die Nichtabstimmenden teilen das gleiche Werteverhalten wie ihre politischen Kollegen.<\/p><p><strong>Dynamik in der Armeefrage<\/strong><\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Armee1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6104\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Armee1.jpg\" alt=\"Armee\" width=\"1360\" height=\"877\" \/><\/a><\/p><p>Die Armeefrage ist von einer hohen Dynamik gepr\u00e4gt. Das Stimmvolk zeigt sich \u00fcber die Jahre gesehen unentschlossen, ob es eher f\u00fcr eine Schweiz mit starker Armee oder ohne Armee werten will. Die neuste Trendwende beginnt nach 2007: Armeefragen konnten beim Stimmvolk wieder an Relevanz dazugewinnen. Nichtabstimmende kennzeichnen diese Wende erneut st\u00e4rker als die abstimmenden B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Fest steht, dass die Ablehnung der Gripen-Initiative 2014 inkonsistent mit der seit 2008 eher ablehnenden Haltung gegen\u00fcber der Armee steht. Eine Mobilisierung der Nicht- Abstimmenden w\u00fcrde gegenw\u00e4rtig eher f\u00fcr eine offenere Armeepolitik f\u00fchren und erneut eher konservative Werte unterst\u00fctzen.<\/p><p>________________________________________<br \/>\nMethoden:<\/p><p>Diese Analyse basiert auf VOX- Umfragedaten, die vom GFS-Bern zu den Abstimmungen durchgef\u00fchrt werden. Fragen zu den Werteinstellungen der Stimmb\u00fcrgerinnen und Stimmb\u00fcrger werden seit 1993 erhoben Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich zwischen 1997 und 2014. F\u00fcr die Analyse wurde der durchschnittliche absolute Wert der Umfrageteilnehmenden pro Frage und Abstimmungstermin verwendet. Die Aussagen der Analyse sind als Tendenzen zu verstehen. Die Validit\u00e4t des Messinstruments wird als gut angesehen. Die Wertefragen erfassen die Einstellung der Teilnehmenden umfassend auf allen relevanten Ebenen. Es bleibt darauf hinzuweisen, dass die Fragen relativ offen gestellt werden, womit Interpretationsspielraum bleibt. In die Analyse wurden nur einige der erhobenen Wertefragen einbezogen. Die Vollst\u00e4ndigkeit der Daten musste f\u00fcr die Durchf\u00fchrung der zeitlichen Analyse gew\u00e4hrleistet sein.<br \/>\n________________________________________<br \/>\nQuellen:<\/p><p>Hermann, Michael (2015): Lebensalter und die Einstellung zum Fremden. Eine Analyse im Auftrag der Integrationsf\u00f6rderung der Stadt Z\u00fcrich.(http:\/\/sotomo.ch\/wp\/lebensalter-und-die-einstellung-zum-fremden\/[29.11.2015]).<\/p><p>Longchamp, Claude, Imfeld, Martina, Tsch\u00f6pe, Stephan, M\u00fcller, Meike, Rochat, Philippe, Schwab, Johanna\u00a0 (2015): VOX- Trend- Jahresbericht 2014: Das neue Gesicht des Schweizer Modernismus- Studie zum Wertewandel in der Schweiz. Hohe Involvierung und Hohes Interesse an Politik in Jahr vor den Wahlen. (http:\/\/www.gfsbern.ch\/de-ch\/Detail\/vox-trend-jahresbericht-2014 [29.11.2015]).<\/p><p>Grafiken:<br \/>\n1 -3: : Eigene Darstellungen; Quelle: <a href=\"http:\/\/www.gfsbern.ch\/de-ch\/Publikationen\/VOX-Analysen\">http:\/\/www.gfsbern.ch\/de-ch\/Publikationen\/VOX-Analysen <\/a><\/p><p>________________________________________<\/p><p>Autorin: Nicole Bosshard, nicole.bosshard@uzh.ch, s10714483<br \/>\nVeranstaltung:Forschungsseminar der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, Herbstsemester 2015,<br \/>\nUniversit\u00e4t Z\u00fcrich Dozierende: Prof. Dr. F. Gilardi, Dr. M. Hermann, Dr.des. B. W\u00fcest<br \/>\nW\u00f6rter: 928 (exkl. Titel, Lead, Methoden, Quellen)<br \/>\nAbgabedatum: 06.12.2015 <strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Betrachtung der Werteeinstellungen der Schweizer Stimmbev\u00f6lkerung zeigt: In der zeitlichen Entwicklung mehrerer Grundwerte lassen sich Trendwenden erkennen. 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