{"id":5788,"date":"2015-12-05T12:06:34","date_gmt":"2015-12-05T11:06:34","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=5788"},"modified":"2017-02-23T14:52:38","modified_gmt":"2017-02-23T13:52:38","slug":"die-vermeintliche-andersartigkeit-der-eingeburgerten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2015\/12\/05\/die-vermeintliche-andersartigkeit-der-eingeburgerten\/","title":{"rendered":"Die vermeintliche Andersartigkeit der Eingeb\u00fcrgerten"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Diskussion um Einb\u00fcrgerungen ist in der Schweiz ein brisantes Thema. Vertreter von rechts fordern eine Versch\u00e4rfung und eine Umstrukturierung des bisherigen Einb\u00fcrgerungsgesetzes, um eine ausufernde Einb\u00fcrgerungspolitik zu verhindern. Neusten Auswertungen zeigen allerdings, dass sich eingeb\u00fcrgerte Schweizer kaum von den geb\u00fcrtigen Schweizern unterscheiden. Die beiden Gruppen teilen die gleichen Wertvorstellungen \u2013 einzig bei der Chancengleichheit von Ausl\u00e4ndern und Schweizern sind Unterschiede zu erkennen. <\/em><\/p><p>In der Schweiz wird das Thema Einb\u00fcrgerung seit Jahren kontrovers diskutiert und die Meinungen dazu gehen weit auseinander. Obwohl die Schweiz eines der h\u00e4rtesten Einb\u00fcrgerungsverfahren der Welt hat, fordern vor allem rechts-orientierte Politiker und B\u00fcrger eine restriktivere Einb\u00fcrgerungspolitik. Die SVP will die Einb\u00fcrgerung f\u00fcr Kriminelle und sogenannte Sozialabzocker erschweren, wie auch f\u00fcr Personen, deren Sprach- und Staatskenntnisse mangelhaft sind. Die Rede ist von Sozialstaatsabzockern, Kriminellen, schlecht integrierten Personen \u2013 kurz von Menschen, die nicht die Schweizer Wertvorstellungen vertreten.<br \/>\nDie Daten der Wahlstudie Selects zeigen jetzt aber ein ganz anderes Bild auf: Eingeb\u00fcrgerte Schweizer unterscheiden sich kaum von den geb\u00fcrtigen Schweizern. Sie teilen die gleiche Meinung, wenn es um nukleare Energie, tiefere Steuern, h\u00f6here Steuern auf hohes Einkommen und den EU-Beitritt geht. Die Prozents\u00e4tze zwischen den beiden Gruppen variieren nur minim. Dementsprechend gleich sehen die Werteprofile der beiden Gruppen aus.<\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Bild-2.1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-5839 \" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Bild-2.1.png\" alt=\"Bild 2.1\" width=\"601\" height=\"479\" \/><\/a><\/p><p><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Bild1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5792 aligncenter\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Bild1.png\" alt=\"Bild1\" width=\"575\" height=\"340\" \/><\/a><\/p><p>&nbsp;<\/p><p>Der Schweizer Urneng\u00e4nger 2011 war gegen nukleare Energie, gegen die Chancengleichheit von Ausl\u00e4ndern, f\u00fcr h\u00f6here Steuern bei hohem Einkommen, gegen allgemeine tiefere Steuern und gegen den EU-Beitritt. Dabei spielte es keine Rolle, ob man den roten Pass schon seit Geburt hat oder nicht. Bei einer Thematik findet man allerdings starke Unterschiede \u00fcber die Zeit: Bei der Meinung zur Chancengleichheit von Ausl\u00e4ndern und Schweizern.<\/p><p><strong>Bei der Chancengleichheit sind geb\u00fcrtige Schweizer konservativer<\/strong><\/p><p>Beim Thema Chancengleichheit f\u00fcr Ausl\u00e4nder und Schweizer sind die eingeb\u00fcrgerten Schweizer seit jeher liberaler. Seit 1995 stehen eingeb\u00fcrgerte Schweizer st\u00e4rker f\u00fcr die Chancengleichheit ein als geb\u00fcrtige Schweizer. W\u00e4hrend die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen 1995 noch sehr deutlich waren, l\u00e4sst sich in den letzten Jahren aber eine Ann\u00e4herung erkennen. Das liegt vor allem daran, dass die geb\u00fcrtigen Schweizer wieder vermehrt f\u00fcr die Chancengleichheit einstehen.<br \/>\nBei der Datenerhebung wurden die Befragten aufgefordert, sich auf einer Skala von 1 bis 5 einzustufen. 1 bedeutet, dass man f\u00fcr die volle Chancengleichheit zwischen Ausl\u00e4ndern und Schweizern ist, w\u00e4hrend 6 f\u00fcr bessere Chancen f\u00fcr Schweizer steht.<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" style=\"border: none;\" title=\"Chancengleichheit f\u00fcr Ausl\u00e4nder und Schweizer\" src=\"\/\/e.infogr.am\/chancengleichheit_fur_auslander_und_schweizer?src=embed\" width=\"550\" height=\"747\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p><p>Die Grafik zeigt einen deutlichen R\u00fcckgang bei den Bef\u00fcrwortern der Chancengleichheit bis zum Jahre 1999. Der R\u00fcckgang der Zustimmung ist bei beiden Gruppen gleich, auch hier unterscheiden sich die eingeb\u00fcrgerten\u00a0Schweizer nicht von den geb\u00fcrtigen\u00a0Schweizern. \u00dcber die Gr\u00fcnde daf\u00fcr kann nur spekuliert werden. Allerding f\u00e4llt dieser R\u00fcckgang genau mit dem Aufstieg der Schweizerischen Volkspartei SVP zusammen. Die SVP ist seit 1999 die stimmenst\u00e4rkste Partei der Schweiz und hat vor allem mit ihrer Kampagne gegen den EWR-Beitritt 1992 stark an W\u00e4hlern gewonnen. Die SVP steht aktiv daf\u00fcr ein, dass die Chancen f\u00fcr die Schweizer besser sind als f\u00fcr Ausl\u00e4nder. Der R\u00fcckgang in der Zustimmung zur Chancengleichheit liegt wahrscheinlich beim starken Aufstieg der SVP zu dieser Zeit.<br \/>\nAb dem Jahre 1999 stieg die Zustimmung zur Chancengleichheit zwischen Ausl\u00e4ndern und Schweizern allerding wieder erheblich. Erst seit 2007 stagniert die Kurve bei beiden Gruppen. Dies ist auf die weltweite Wirtschaftskrise und die darauffolgende Eurokrise zur\u00fcckzuf\u00fchren, die in vielen L\u00e4ndern zu Unsicherheit f\u00fchrte. In Zeiten der Krise fokussieren sich die B\u00fcrger eines Landes vermehrt auf die eigenen Rechte und weniger auf die der Ausl\u00e4nder.<\/p><p>Es kann davon ausgegangen werden, dass die beiden Kurve in den n\u00e4chsten Jahren (weiter) sinken werden. Grund daf\u00fcr ist die momentane Fl\u00fcchtlingskrise, die anhaltende Wirtschaftskrise und die Angst vor Terrorismus, die alle dazu beitragen, dass die Chancengleichheit zwischen Ausl\u00e4ndern und Schweizern nicht weiter vorangetrieben wird.<\/p><p><strong>Ver\u00e4nderte \u00f6ffentliche Meinung zum EU-Beitritt der Schweiz <\/strong><\/p><p>Am st\u00e4rksten hat sich die \u00f6ffentliche Meinung bei beiden Gruppen zur Thematik des EU-Beitrittes ver\u00e4ndert. W\u00e4hrend 1995 noch 75% der eingeb\u00fcrgerten Schweizer f\u00fcr einen EU-Beitritt einstanden, waren es 2011 nur noch knapp 24%. Ein \u00e4hnliches Bild zeigt sich bei den geb\u00fcrtigen Schweizern, wobei diese nie so deutliche f\u00fcr den EU-Beitritt einstanden wie die Eingeb\u00fcrgerten. 1995 unterst\u00fctzen 60% den EU-Beitritt, 2011 war die Zahl nur noch bei 18%. W\u00e4hrend im Jahre 1995 die Meinung zum EU-Beitritt noch davon abhing, ob man ein eingeb\u00fcrgerter Schweizer ist oder ein Geb\u00fcrtiger, so spielt dieser Faktor 2011 kaum mehr eine Rolle. Der Schweizer B\u00fcrger, ob eingeb\u00fcrgert oder geb\u00fcrtig, steht 2011 ganz klar gegen einen EU-Beitritt.<\/p><p><iframe loading=\"lazy\" style=\"border: none;\" title=\"Bef\u00fcrworter EU-Beitritt\" src=\"\/\/e.infogr.am\/befurworter_eu_beitritt?src=embed\" width=\"550\" height=\"801\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p><p>Die Resultate \u00fcberraschen weniger, da sich die Stimmung gegen\u00fcber der EU seit der Eurokrise stark ver\u00e4ndert hat. Ein EU-Beitritt scheint heute l\u00e4ngst nicht mehr so attraktiv wie noch vor 20 Jahren. Weiter erstaunt es auch nicht, dass die eingeb\u00fcrgerten Schweizer eher f\u00fcr einen EU-Beitritt stimmen w\u00fcrden. Rund die H\u00e4lfte aller eingeb\u00fcrgerten Schweizer 2011 stammen aus EU-L\u00e4ndern. Bei einer Zustimmung von 24% l\u00e4sst es sich allerdings darauf schliessen, dass sogar eingeb\u00fcrgerte EU-B\u00fcrger heute gegen einen Unions-Beitritt sind.<br \/>\nDiese Zahlen werden in den n\u00e4chsten Jahren wohl noch weiter sinken, da die Stimmung gegen\u00fcber der EU durch die Euro- und Fl\u00fcchtlingskrise weiterhin angespannt ist.<\/p><p><strong>\u00dcberraschende \u00dcbereinstimmung zwischen den Eingeb\u00fcrgerten und den Schweizern<\/strong><\/p><p>Die Auswertung der Daten zeigt klar auf, wie \u00e4hnlich sich die eingeb\u00fcrgerten und die geb\u00fcrtigen Schweizer in ihren Wertvorstellungen sind. \u00dcber die Zeit haben sich die Einstellungen der beiden Gruppen immer weiter angen\u00e4hert. W\u00e4hrend 1995 die Unterschiede in den Werteprofil noch deutlicher waren, sind heute kaum noch Unterschiede zwischen den beiden Gruppen zu erkennen.<br \/>\nEs erscheint ausserdem sehr einseitig, die Wertevorstellungen eines eingeb\u00fcrgerten Schweizers lediglich mit seinem Migrationshintergrund erkl\u00e4ren zu wollen. Genau wie bei jedem anderen B\u00fcrger erkl\u00e4ren auch bei einem eingeb\u00fcrgerten Schweizer mehrere Faktoren die Wertevorstellungen und denn damit zusammenh\u00e4ngenden Wahlentscheid.<\/p><p>&nbsp;<\/p><p><strong>Methodenteil<br \/>\n<\/strong>Der Datensatz hat 22\u2018396 geb\u00fcrtige Schweizer\/innen und 3\u2018081 eingeb\u00fcrgerte Schweizer\/innen erfasst. Die Resultate der Analyse sind alle gewichtet. Erfasst wurden nur Themen, die seit 1995 durchgehend erhoben wurden \u2013 also in den Jahren 1995, 1999, 2003, 2007 und 2011. Das ergibt folgende Themen: h\u00f6here Steuern, Steuern auf hohes Einkommen, die Position zum EU-Beitritt, Chancengleichheit f\u00fcr Ausl\u00e4nder und die Position zur nuklearen Energie.<br \/>\nAnhand der Kontrollvariablen Alter, Bildung, Geschlecht und der Links-Rechts Einordnung wurde eine Regression aufgestellt, die untersuchen sollte, wie signifikant der Faktor der Einb\u00fcrgerung ist.<\/p><p><strong>Quellen<br \/>\n<\/strong>Bundesamt f\u00fcr Statistik (2015): Migration und Integration &#8211; Indikatoren.<br \/>\nBr\u00f6nnimann, Christian\u00a0(2014): Die neuen Einb\u00fcrgerungsregeln treten definitiv\u00a0in Kraft. Tagesanzeiger (http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/schweiz\/standard\/Die-neuen-Einbuergerungsregeln-treten-definitiv-in-Kraft\/story\/26550624?track [30.11.2015]).<\/p><p>Autorin: Nina Bader<br \/>\nnina.bader@uzh.ch<br \/>\n10-723-153<br \/>\nAbgabetermin: 06.12.2015<br \/>\nDozenten: Bruno W\u00fcest, Michael Hermann, Fabrizio Gilardi<br \/>\nAnzahl W\u00f6rter: 852<\/p><p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion um Einb\u00fcrgerungen ist in der Schweiz ein brisantes Thema. Vertreter von rechts fordern eine Versch\u00e4rfung und eine Umstrukturierung des bisherigen Einb\u00fcrgerungsgesetzes, um eine ausufernde Einb\u00fcrgerungspolitik zu verhindern. Neusten Auswertungen zeigen allerdings, dass sich eingeb\u00fcrgerte Schweizer kaum von den geb\u00fcrtigen Schweizern unterscheiden. 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