{"id":6242,"date":"2016-04-03T09:13:21","date_gmt":"2016-04-03T08:13:21","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=6242"},"modified":"2017-02-23T14:40:12","modified_gmt":"2017-02-23T13:40:12","slug":"durch-kooperation-zum-erfolg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2016\/04\/03\/durch-kooperation-zum-erfolg\/","title":{"rendered":"Kooperation in der Schweizer Politik:  Kooperationsbereiter St\u00e4nderat, eigensinniger Nationalrat"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Kooperationsbereitschaft im Schweizer Parlament ver\u00e4ndert sich. Wie eine Inhaltsanalyse der deutschsprachigen Reden im Schweizer Parlament aufzeigt, gibt es klare Unterschiede zwischen den beiden R\u00e4ten. W\u00e4hrend sich die Parteien im Nationalrat auf einem \u00e4hnlichen Niveau befinden, geben sich im St\u00e4nderat die SVP-Parlamentarier viel kooperativer als ihre Gegenspieler von der SP. Stark abgenommen hat im St\u00e4nderat die Kooperationsbereitschaft der CVP.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/G0_Titelbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6428\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/G0_Titelbild.jpg\" alt=\"G0_Titelbild\" width=\"801\" height=\"569\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wortmeldungen im Parlament sind in einer Demokratie ein wichtiges Instrument, um Positionen kund zu tun, die Gegnerschaft von den eigenen Argumenten zu \u00fcberzeugen und mit den W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern zu kommunizieren. Parlamentsreden ergeben jedoch nicht nur Aufschluss \u00fcber politische Inhalte, sondern sagen auch einiges \u00fcber die Einstellungen und Werte der jeweiligen Votanten aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Messung der Kooperationsbereitschaft \u00fcber ein so genanntes Kooperationsw\u00f6rterbuch l\u00e4sst sich die Einstellung der Parlamentarierinnen und Parlamentarier zu Kooperation messen. Der so entstandene Kooperationsindex zeigt, dass sich bez\u00fcglich der Kooperationsbereitschaft einiges getan hat in den letzten 20 Jahren.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Messung der Kooperationsbereitschaft<\/strong><\/p><p>Kooperationsbereitschaft definiere ich im vorliegenden Beitrag \u00fcber die Verwendung von Kooperationsw\u00f6rtern in Reden von Parlamentarierinnen und Parlamentariern im National- und St\u00e4nderat. Die Kooperationsw\u00f6rter stammen aus dem von Soziologen entwickelten<em> Lasswell Value Dictionary<\/em>.<\/p><p>Der <em>Lasswell Value Dictionary<\/em> besteht aus 60 Kategorien und basiert auf der Arbeit von Lasswell und Kaplan (1963). Er dient der Inhaltsanalyse von politischen Texten und erlaubt es, verschiedene politische Werthaltungen zu messen. Er ist in 8 Hauptkategorien aufgeteilt, wovon <em>Kooperation <\/em>in die Hauptkategorie <em>Macht <\/em>f\u00e4llt (Namenwirth und Weber 1987: 40). F\u00fcr den vorliegenden Beitrag habe ich die weiterentwickelte Version des <em>Lasswell Value Dictionary<\/em> verwendet, deren englischsprachige Version 120 Kooperationsw\u00f6rter umfasst (Lasswell Value Dictionary 1998).<\/p><p>Diese Kooperationsw\u00f6rter habe ich auf Deutsch \u00fcbersetzt, wodurch ein deutschsprachiges Kooperationsw\u00f6rterbuch mit 230 W\u00f6rtern entstanden ist. Dieses Kooperationsw\u00f6rterbuch habe ich auf s\u00e4mtliche deutschsprachigen Parlamentsreden der 45. bis zur 49. Legislaturperiode (1995 bis 2015) angewendet. Daraus entstanden ist ein <em>Index der Kooperationsbereitschaft<\/em>, welcher die Anzahl Kooperationsw\u00f6rter pro 100 verwendeter W\u00f6rter in einer Rede angibt.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sind Reden von Parlamentarierinnen und Parlamentariern in der Bundesversammlung (welche jedoch nur selten zusammentritt) von der h\u00f6chsten Kooperationsbereitschaft gepr\u00e4gt (gemessen an der Anzahl Kooperationsw\u00f6rter pro 100 verwendeten W\u00f6rtern), gefolgt von Reden im St\u00e4nderat und jenen im Nationalrat. Diese Unterschiede sind konstant und zeigen keine \u00dcberlappungen. Die Kooperationsbereitschaft ist bei den wenigen Reden in der Bundesversammlung knapp h\u00f6her als im oft als konzilianter und sachlicher wahrgenommen St\u00e4nderat. Im Nationalrat hingegen herrscht eine konstant geringere Kooperationsbereitschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Rplot02.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6435\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Rplot02.jpeg\" alt=\"Rplot02\" width=\"801\" height=\"396\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hohe Kooperationsbereitschaft bei der SVP, niedrige bei der SP<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Nationalrat zeigt sich, dass sich die Parteien in ihrer Kooperationsbereitschaft einander angen\u00e4hert haben. Hier bestehen heute im Gegensatz zu den 90er Jahren nur noch geringe Unterschiede. Es f\u00e4llt hingegen auf, dass die beiden Neugr\u00fcndungen BDP und GLP heute eine geringere Kooperationsbereitschaft zeigen als noch in der Legislaturperiode zuvor. Ebenfalls scheint sich die Gr\u00fcne Partei von einer wenig kooperativen Protestpartei hin zu einer konzilianteren, etablierten Partei entwickelt zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im St\u00e4nderat zeigen sich weit gr\u00f6ssere Unterschiede als im Nationalrat. Die kleine Kammer scheint ihrem Ruf als \u00abchambre de r\u00e9flexion\u00bb gerecht zu werden, da die Kooperationsbereitschaft konstant und \u00fcber alle Parteien hinweg gr\u00f6sser ist als in der grossen Kammer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kooperationsbereitschaft in den Parteien hat sich im St\u00e4nderat stark ver\u00e4ndert. Die geringste Kooperationsbereitschaft findet sich heute in der Fraktion der SP. Nur knapp dar\u00fcber liegt die CVP, welche lange Zeit am ehesten zur Kooperation bereit war. In den letzten 20 Jahren konnten SVP und FDP deutlich zulegen, sodass die SVP heute Spitzenreiter bei der Kooperationsbereitschaft im St\u00e4nderat ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/G2_all.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6607\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/G2_all.jpg\" alt=\"G2_all\" width=\"799\" height=\"451\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kooperationsbereitschaft: Eine Frage des Erfolges?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die unterschiedliche Kooperationsbereitschaft kommen verschiedene Gr\u00fcnde in Frage: Einerseits k\u00f6nnte der pers\u00f6nliche Erfolg der Parlamentarierinnen und Parlamentarier in Parlamentsabstimmungen (sprich das Resultat entspricht dem Abstimmungsverhalten) eine Rolle spielen oder die St\u00e4rke der Partei.\u00a0 Andererseits k\u00f6nnte auch der Frauenanteil oder Erfolg, bzw. Misserfolg einer Partei bei den Wahlen ausschlaggebend sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe diese Erkl\u00e4rungsmechanismen getestet. Die Resultate zeigen, dass der Erfolg in Parlamentsabstimmungen keine Rolle spielt (dort sind vielmehr die Mitteparteien durchs Band erfolgreicher als die Polparteien). Ebenfalls keine Rolle spielen der Frauenanteil einer Partei (Frauen sind ungef\u00e4hr gleich kooperationsbereit wie M\u00e4nner) oder der Erfolg bzw. Misserfolg einer Partei bei den Wahlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der einzige statistisch signifikante Erkl\u00e4rungsmechanismus ist die St\u00e4rke der Partei. Je h\u00f6her der W\u00e4hleranteil, desto h\u00f6her die Kooperationsbereitschaft. Wie man untenstehender Grafik entnehmen kann, ist der Effekt jedoch relativ gering.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Rplot16.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6470\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Rplot16.jpeg\" alt=\"Rplot16\" width=\"805\" height=\"398\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bedeutet Kooperationsbereitschaft auch Kooperation? Was ist mit den Romands?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassend l\u00e4sst die vorliegende Untersuchung die folgenden Schl\u00fcsse zu:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Im St\u00e4nderat wird seinem Ruf als \u00abchambre de r\u00e9flexion\u00bb gerecht. In der kleinen Kammer geben sich die Parlamentarierinnen und Parlamentarier deutlich kooperationsbereiter als in der grossen Kammer.<\/li>\n<li>Es bestehen grosse Unterschiede zwischen dem National- und dem St\u00e4nderat. Im Nationalrat hat sich die Kooperationsbereitschaft der grossen Parteien einander angeglichen, w\u00e4hrend die neuen Parteien BDP und GLP an Kooperationsbereitschaft eingeb\u00fcsst haben. Im St\u00e4nderat hingegen hat die Kooperationsbereitschaft der SVP und der FDP zugenommen, w\u00e4hrend vor allem diejenige der CVP nachgelassen hat.<\/li>\n<li>Die Unterschiede in der Kooperationsbereitschaft in den Parteien lassen sich ein St\u00fcck weit durch ihre St\u00e4rke bei den Wahlen erkl\u00e4ren. Grosse, etablierte Parteien k\u00f6nnen sich kooperativer geben als kleine, welche zudem mehr um ihre Profilierung bem\u00fcht sind.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungsmechanismen aufzusp\u00fcren, sollten zwei Punkte eingehender untersucht werden:<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>Ob mit einer h\u00f6heren Kooperationsbereitschaft auch effektive Kooperation einhergeht. Nach dem Motto: \u00abwho talks the talk must walk the walk\u00bb muss sich zeigen, ob kooperationsbereitere Parlamentarierinnen und Parlamentarier auch wirklich zu mehr Kooperation Hand bieten oder ob ihre Worte nur mehr Schall und Rauch sind.<\/li>\n<li>Wie die Verh\u00e4ltnisse jenseits des R\u00f6sti- und des Polentagrabens aussehen, bleibt mit dieser Untersuchung ungekl\u00e4rt. Eine sprachliche Anpassung des Kooperationsw\u00f6rterbuchs und dessen Anwendung auf die franz\u00f6sisch- und italienischsprachigen Ratsmitglieder w\u00e4re jedoch w\u00fcnschenswert und sicherlich erkenntnisreich.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lasswell, Harold Dwight und Kaplan, Abraham (1963): Power and society. A framework for political inquiry. New Haven: Yale University Press.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lasswell Value Dictionary (1998): Power Cooperation Dataset. (http:\/\/www.wjh.harvard.edu\/~inquirer\/homecat.htm [Stand: 12-Apr-16]).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Namenwirth, Joseph Zvi und Weber, Robert Philip (1987): Classification and Interpretation in Content Analysis:\u00a0The Lasswell Value Dictionary. In: Namenwirth, Joseph und Weber, Robert (Hrsg.): <em>Dynamics of culture. <\/em>Boston. Allen and Unwin: 27\u201353.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Disclaimer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Robin Gut \/ robin.gut@uzh.ch \/ 09-720-095<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Blogbeitrag ist im Rahmen eines Forschungsseminars am Institut f\u00fcr Politikwissenschaft der Universit\u00e4t Z\u00fcrich im Herbstsemester 2015 entstanden: Politischer Datenjournalismus bei Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann und Dr. des. Bruno W\u00fcest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abgabedatum: 17.04.2016<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anzahl W\u00f6rter ohne Lead: ca. 900 W\u00f6rter<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Titelbild: <a href=\"https:\/\/www.google.ch\/url?sa=i&rct=j&q=&esrc=s&source=images&cd=&ved=0ahUKEwjQkbnGo5bMAhXEtBQKHWt2ADEQjB0IBg&url=http%3A%2F%2Fwww.dayasriolk.top%2Fx%2Fcartoon-pictures-of-cooperation%2F&bvm=bv.119745492,d.d24&psig=AFQjCNG1R30XPsY3Rj0rzDLEh5pzSu9ArA&ust=1461003288613749&cad=rjt\">www.dayasriolk.top<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kooperationsbereitschaft im Schweizer Parlament ver\u00e4ndert sich. Wie eine Inhaltsanalyse der deutschsprachigen Reden im Schweizer Parlament aufzeigt, gibt es klare Unterschiede zwischen den beiden R\u00e4ten. 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