{"id":6264,"date":"2016-04-26T11:29:39","date_gmt":"2016-04-26T10:29:39","guid":{"rendered":"http:\/\/pwipdm.uzh.ch\/wordpress\/?p=6264"},"modified":"2017-02-23T13:37:24","modified_gmt":"2017-02-23T12:37:24","slug":"twitter-politiker-aus-der-provinz-bekampften-durchsetzungsinitiative-online-am-starksten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/blog\/2016\/04\/26\/twitter-politiker-aus-der-provinz-bekampften-durchsetzungsinitiative-online-am-starksten\/","title":{"rendered":"Twitter: Politiker aus der Provinz bek\u00e4mpften Durchsetzungsinitiative online am st\u00e4rksten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>Derart stark wurde sich lange nicht \u00fcber Politik gestritten wie vor der Abstimmung zur Durchsetzungsinitiative (DSI). Diese wollte die Abschiebung straff\u00e4lliger Ausl\u00e4nder erleichtern. Stets sah es so aus, als behielte das Ja-Lager auch am 28.02.2016 die Oberhand, doch im letzten Drittel des Kampfes um jede Stimme machten die Gegner immer mehr Boden gut. Besonders im Fokus der Mobilisierung: Ihre starke Twitterpr\u00e4senz. Gerade au\u00dferhalb der Ballungszentren wurde das neue Medium von ihnen stark genutzt.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In der Schweiz ist das Ph\u00e4nomen, den Abstimmungskampf nicht nur auf der Strasse sondern auch in den sozialen Medien, insbesondere auf Twitter zu f\u00fchren, noch relativ neu. Das Gezwitscher scheint unseren Politikern zu gefallen. J\u00fcngst waren \u00fcber 2000, vom Kommunalpolitiker bis zum Nationalrat, in dem immer beliebteren Netzwerk aktiv. Dort war in den letzten Monaten besonders die Durchsetzungsinitiative ein hei\u00df diskutiertes Thema. Dabei ist es den Gegnern der Volksinitiative gelungen, die sozialen Medien ausdauernder und erfolgreicher f\u00fcr ihre Ziele zu nutzen. W\u00e4hrend bis weit in den Winter hinein alles auf eine Annahme der Durchsetzungsinitiative hindeutete, drehte nach und nach der Wind. Das Nein-Lager konnte immer mehr zulegen und schlie\u00dflich einen politischen Sieg f\u00fcr sich verbuchen. Die Bilder des feiernden Libero-Komitees und zahllose SVP-Satiren sprechen seit dem 28. Februar B\u00e4nde.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Alle M\u00f6glichkeiten genutzt <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neben den absoluten Zahlen interessiert sich die Politikwissenschaft nat\u00fcrlich genauso f\u00fcr deren geografische Verteilung. Woher kamen die Stimmen? Taten sich Politiker aus einem speziellen Kanton ganz besonders engagiert hervor? Forscher der Universit\u00e4t Z\u00fcrich wollten dieser Frage auf den Grund gehen. Dazu erarbeiteten sie eine alle auf Twitter aktiven schweizer Politiker umfassende Datenbank. Aus rund 1,2 Million Tweets wurden jene mit dem Hashtag #dsija (f\u00fcr die Durchsetzungsinitiative) und #dsinein (gegen die Initiative) herausgefiltert. Bereits in diesem ersten Schritt waren die Ergebnisse \u00fcberraschend und zeugen von einem st\u00e4rkeren Twitterengagement gegen die Initiative:<\/p><p><script id=\"infogram_0_GLBnI33jplfDJcJP\" title=\"DSI NeinTurbo\" src=\"\/\/e.infogr.am\/js\/embed.js?cDN\" type=\"text\/javascript\"><\/script><\/p>\n<div style=\"padding: 8px 0; font-family: Arial!important; font-size: 13px!important; line-height: 15px!important; text-align: center; border-top: 1px solid #dadada; margin: 0 30px;\"><a style=\"color: #989898!important; text-decoration: none!important;\" href=\"https:\/\/infogr.am\/GLBnI33jplfDJcJP\" target=\"_blank\">DSI NeinTurbo<\/a><br \/>\n <a style=\"color: #989898!important; text-decoration: none!important;\" href=\"https:\/\/infogr.am\" target=\"_blank\">Create your own infographics<\/a><\/div><p>Diese Zahlen erlaubten es sp\u00e4ter ein f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungszahl der Kantone korrigiertes Bild der politischen Twitteraktivit\u00e4t zu zeichnen. So verschieden wie die politische Kultur der Kantone, so unterschiedlich war auch das Twitterengagement ihrer Politiker. Aus 20 der 26 Kantonen waren Nein-Stimmen zu h\u00f6ren. Besonders bemerkenswert: Nicht die Politiker aus den Metropolen f\u00fchren dieses Classement an. Auf jeden Einwohner kommen die meisten Politikertweets gegen die DSI aus eher weniger dicht besiedelten Gegenden:<\/p><p><script id=\"infogram_0_PnSe9aq5gK6UWyMQ\" title=\"Twitteraktivit\u00e4t nach Kantonen\" src=\"\/\/e.infogr.am\/js\/embed.js?Hav\" type=\"text\/javascript\"><\/script><\/p>\n<div style=\"padding: 8px 0; font-family: Arial!important; font-size: 13px!important; line-height: 15px!important; text-align: center; border-top: 1px solid #dadada; margin: 0 30px;\"><a style=\"color: #989898!important; text-decoration: none!important;\" href=\"https:\/\/infogr.am\/PnSe9aq5gK6UWyMQ\" target=\"_blank\">Twitteraktivit\u00e4t nach Kantonen<\/a><br \/>\n<a style=\"color: #989898!important; text-decoration: none!important;\" href=\"http:\/\/charts.infogr.am\/column-chart?utm_source=embed_bottom&utm_medium=seo&utm_campaign=column_chart\" target=\"_blank\">Create column charts<\/a><\/div><p>W\u00e4hrend man sich in Zug und Appenzell-Au\u00dferrhoden mit der politischen Nutzung sozialer Medien sehr zur\u00fcck h\u00e4lt, waren Politiker wie beispielsweise Marc Buergi (BDP) aus Basel-Landschaft der unangefochtene \u201eTwitter-GTI\u201c gegen die DSI. Noch vor Basel-Stadt und Z\u00fcrich komplettieren die Kantone Bern und das ebenfalls l\u00e4ndliche Solothurn das Spitzenfeld in puncto erfolgreicher Twittermobilisierung. Hier taten sich Ruedi L\u00f6ffel (BE, EVP) und Heidi Lemmana (SO, FDP) als aktive Nein-Twitterer heraus. Bemerkenswert ist, dass trotz der Amtssprache Franz\u00f6sisch auch zahlreiche ablehnende Tweets aus dem Kanton Waadt auf Deutsch gesendet wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die andere Seite der wei\u00dfen Taube <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Thurgau. Z\u00fcrich. Sankt Gallen. Ausschlie\u00dflich aus diesen drei Kantonen twitterten Politiker f\u00fcr die Initiative. Besonders aus dem Thurgau kamen mit den zahlreichen Tweets von Marco R\u00fcegg (FDP) und von Werner Bechtel (SVP) aus Z\u00fcrich die meisten Stimmen, die f\u00fcr eine Annahme der DSI an der Urne warben. Verglichen mit ihnen\u00a0fallen die \u00a0wenigen Twitterstimmen der Ostschweizer Politiker kaum mehr ins Gewicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>SVP-Hochburg Schwyz zwitschert gegen die DSI <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">W\u00e4hrend das Tessin und katholische wie konservative SVP-Bastionen der Innerschweiz die Initiative annahmen, scheiterte sie in den restlichen St\u00e4nden bekannterma\u00dfen knapp bis stark.<\/p>\n<div id=\"attachment_6265\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2016-04-05-um-10.32.32.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6265\" class=\"wp-image-6265 size-large\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Bildschirmfoto-2016-04-05-um-10.32.32-1024x640.png\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"480\" \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-6265\" class=\"wp-caption-text\">Amtliches Endergebnis der Volksabstimmung \u00fcber die Durchsetzungsinitiative. Quelle: Tagesanzeiger.<\/p>\n<\/div><p>Wie gut lassen sich aktuell die kantonalen Abstimmunsrgebnisse mit dem Twitterverhalten ihrer Politiker in Verbindung bringen? Auff\u00e4llig: Der Kanton Z\u00fcrich lehnte die DSI sowohl mit einem eher hohen Neinanteil ab als auch zeigten Z\u00fcrcher Politiker eine starke Twitteraktivit\u00e4t gegen die DSI (zu erkennen an der dunkleren Rotf\u00e4rbung in der vorhergehenden und folgenden Karte). Ganz offensichtlich bestand hier eine bemerkenswerte Einigkeit zwischen Stimmvolk und twitteraffinen Politikern. F\u00fcr die im Folgenden wei\u00df eingef\u00e4rbten Kantone liegen keine oder nur unzureichende Daten von Twitter vor. Dies ist insbesondere f\u00fcr die meisten deutschschweizer Gegenden, welche die Initiative annehmen (AI, NW, OW, UR), der Fall. Eine erstaunliche Ausnahme bildet der <strong>Kanton Schwyz<\/strong>, wo ein interessanter Gegensatz zwischen Stimmausgang und Twitterverhalten einzelner Politiker besteht. Die dortige Bev\u00f6lkerung votierte zwar klar f\u00fcr eine raschere Abschiebung straff\u00e4lliger Ausl\u00e4nder, jedoch setzte sich mit Pietro Imhof (GLP) ein Politiker aus dem Kanton besonders stark ein und brachte Schwyz somit im Twitterranking gegen die DSI auf Platz neun.<\/p>\n<div id=\"attachment_6267\" style=\"width: 803px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/wrapmap-2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6267\" class=\"wp-image-6267 size-full\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/wrapmap-2.png\" alt=\"\" width=\"793\" height=\"467\" \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-6267\" class=\"wp-caption-text\">Je dunkelroter der Kanton, desto st\u00e4rker mobilisierten dortige Politiker auf Twitter gegen die DSI.<\/p>\n<\/div><p>Wenn bei einer konfliktiven Vorlage wie dieser die Meinungen stark auseinander gehen, gibt es auch im Pro-Lager Erstaunliches zu beobachten. Aus der Twitterdatenbank der Universit\u00e4t Z\u00fcrich konnten nur f\u00fcr Politiker aus drei deutschschweizer Kantonen Tweets unter dem Hashtag #dsija ausgelesen werden. Diese kamen bemerkenswerterweise aus drei St\u00e4nden, in denen die Initiative schlussendlich chancenlos blieb. Politiker aus dem Thurgau, einer der Stammregionen der SVP, setzten sich schweizweit als einzige verst\u00e4rkt f\u00fcr die DSI ein. Trotz dieser vergleichsweise starken Mobilisierung wurde die Initiative im Thurgau abgelehnt. Der Kanton Z\u00fcrich scheint aufgrund der dort geringeren Twitteraktivit\u00e4t der Bef\u00fcrworter wenig geeignet. Der Kanton Sankt Gallen ist f\u00fcr belastbare Aussagen zum Verh\u00e4ltnis von Ja-Tweets zum Abstimmungsergebnis g\u00e4nzlich untauglich.<\/p>\n<div id=\"attachment_6268\" style=\"width: 803px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/wrapmap-3.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6268\" class=\"wp-image-6268 size-full\" src=\"http:\/\/pwiweb.uzh.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/wrapmap-3.png\" alt=\"\" width=\"793\" height=\"485\" \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-6268\" class=\"wp-caption-text\">Aus dem Thurgau kamen absolut und relativ die meisten die Initiative bef\u00fcrwortenden Politikertweeds unter dem Hashtag #dsija.<\/p>\n<\/div><p>Unter dem Strich wird deutlich, dass nirgendwo das Gezwitscher f\u00fcr ein Ja den Ausschlag geben und den Kanton f\u00fcr sich gewinnen konnte. Zwischen dem Nein-Lager in der Bev\u00f6lkerung und der aus ihrem Kanton stammenden Politikern besteht hingegen oft eine hohe Kongruenz. Oft war es, wie zum Beispiel in Bern, Z\u00fcrich und Basel-Stadt nicht m\u00f6glich eine Mehrheit der Bev\u00f6lkerung zu einem Ja zu bewegen. Zeitgleich finden sich die drei Kantone in den \u201eTop 5\u201c der #dsinein \u2013 Twitterer. Leider ist es anhand vorliegender Daten nicht m\u00f6glich eine robuste Kausalit\u00e4t auszuweisen. Die digitale wei\u00dfe Taube scheint den einen oder anderen in seiner Entscheidung, die Initiative abzulehnen, best\u00e4rkt zu haben. Ob sie aber das Z\u00fcnglein an der Waage war, ist nicht nachweisbar.<\/p><p><strong>Was am Ende bleibt <\/strong><\/p><p>Zuletzt bleiben nicht nur gl\u00fcckliche Sieger und entt\u00e4uschte Verlierer der Abstimmung. Unter dem Strich \u00f6ffnet diese Auswertung den Weg zu einer spannenden Fallstudie im Forschungsfeld der Innerschweiz. Einzig im Kanton Schwyz findet sich ein krasser Gegensatz zwischen Volk und Politik. Wo ein konservatives Elektorat die Durchsetzungsinitiative annahm, stellten sich ihm liberale Politiker wie Pietro Imhof im Zeichen des Hashtags entschieden entgegen.<\/p><p>Quellen:<\/p><p>Grafik, Ergebnisse der Abstimmung zur DSI:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/schweiz\/standard\/Resultate-Durchsetzungsinitiative\/story\/28541071\">Tagesanzeiger<\/a><\/p><p>Erstellte Grafiken zur Twitteraktivit\u00e4t in den Kantonen:\u00a0<a href=\"http:\/\/geo.dianacht.de\">Visualisierte geographische Karten<\/a><\/p><p>Einwohnerzahlen der Kantone:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/portal\/de\/index\/regionen\/kantone.html\">BFS<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derart stark wurde sich lange nicht \u00fcber Politik gestritten wie vor der Abstimmung zur Durchsetzungsinitiative (DSI). Diese wollte die Abschiebung straff\u00e4lliger Ausl\u00e4nder erleichtern. 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