Augustreden und Neujahrsansprachen: Partepolitisch gefärbt, historisch bedingt

Zweimal im Jahr wendet sich die Bundespräsidentinnen oder der Bundespräsident mit einer Neujahrsansprache und einer Augustrede an das Volk. Eine Analyse der Reden zeigt, dass diese parteipolitischen Kriterien unterstehen und historische Ereignisse widerspiegeln.

In Kandersteg, einem kleinen Örtchen im Berner Oberland, wurde um die Jahrtausendwende Geschichte geschrieben. Protagonisten waren ein Tännlein, ein Tunnel, ein Teleprompter und ein tapferer Bundespräsident. Doch alles der Reihe nach: Es schneite flaumige Flocken als sich Adolf Ogi vor dem Nordportal des Lötschbergtunnels neben eine kleine Tanne stellte, um die offizielle Neujahrsansprache zu halten. Selbst die Inszenierung mit Tunnel und Tännlein hätte wohl für Gelächter gesorgt. Zum Verhängnis wurde Ogi jedoch der Teleprompter. Tapfer versuchte er seinen markigen Worten mit präsidentieller Gestik und zuversichtlich-autoritärer Tonlage Gewicht zu verleihen. Die zusammengekniffenen Augen und die stockende Stimme verrieten jedoch seine Leseschwierigkeiten. Für diese Darbietung erntete der neue Bundespräsident kurzfristig Hohn und Spott, längerfristig trug sie ihm jedoch viel Sympathie ein und blieb unvergessen. Nach dem Inhalt der „Jahrtausendrede“ gefragt, müssten die meisten aber passen. Und so geht es uns mit den meisten Neujahrsansprachen und Augustreden. Dabei bietet dieser zweijährliche Fernsehauftritt den Bundespräsidentinnen und Bundespräsidenten eine einmalige Gelegenheit, die politische Richtung ihrer Amtszeit vorzugeben. Indem 34 Augustreden und 42 Neujahrsansprachen einer automatisierten Textanalyse unterzogen und sogenannte Topic Models generiert werden, kann herausgefunden werden, welchen Themen sich die Rednerinnen und Redner bedienen.

Mit Zuversicht ins neue Jahr

Adolf Ogis Rede rief zur Zuversicht auf. Dafür stand das Nordportal des Lötschbergtunnels, „ein Jahrhundertwerk, erbaut zwischen 1906 und 1912. Geplant von zuversichtlichen und weitsichtigen Menschen.“ Und sie stand für eine selbstbewusste Schweiz „im Konzert der Nationen.“ Dafür stand das Tännlein, das trotz der Diversität seiner Äste eine Einheit war und bald zu einem starken Baum heranwachsen würde. Tatsächlich betonen die Bundesrätinnen und Bundesräte in ihren Neujahrsansprachen typischerweise den Wohlstand und das wirtschaftliche Potential der Schweiz und schauen zuversichtlich in die Zukunft. Die absoluten Protagonisten von Neujahrsansprachen sind allerdings Krisen, Sorgen und Probleme. Auch geht es weit häufiger um Frieden und soziale Anliegen als um die Wirtschaft. Dies zeigt ein Blick auf die Häufigkeitsverteilung von den Themen der Neujahrsansprachen seit 1972. Am Anfang ihrer Reden halten die Bundesrätinnen und Bundesräte nämlich gerne ein Kurzreferat über die Herausforderungen der Zeit: „Im vergangenen Jahr ist manches geschehen, was uns verunsichert. Zuerst hat der starke Franken viele Betriebe erschüttert. Und zuletzt haben uns Terror, Flüchtlingsströme und Konflikte gezeigt, wie schnell aus Risiken Dramen werden“, fasste beispielsweise Johann Schneider-Ammann das Jahr 2015 zusammen.

Viel Patriotismus am Nationalfeiertag

Ganz anders aufgebaut sind 1. August-Reden. Weit stärker als in den Neujahrsansprachen kommt der Nationalstolz zum Zug. Am häufigsten wird an die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger über Kantonsgrenzen hinweg appelliert. Aber auch das Zeichnen einer freiheitlichen Schweiz mitten in Europa oder das Herausstreichen der helvetischen Besonderheiten sind beliebte Elemente – und zwar über die Parteigrenzen hinweg. „Überall beneidet man uns um unsere Errungenschaften“, behauptete Doris Leuthard 2017. Überraschenderweise war es auch kein SVP-Vertreter, der 2007 stolz an den 716. Geburtstag der Schweiz erinnerte und für den Beibehalt der Schweizer Traditionen plädierte, sondern SP-Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey.

Stolze SP, zuversichtliche FDP

Calmy-Reys Themenwahl überrascht. Noch überraschender ist jedoch die Feststellung, dass Gründungsstolz über alle Reden hinweg gesehen das beliebteste Element in Reden von SP Bundesräten ist. Gerade im Falle der Genferin lohnt sich aber ein Blick auf den Inhalt. Hier offenbart sich nämlich, dass Calmy-Rey trotz dem Rückgriff auf patriotische Phrasen auf SP-Parteilinie bleibt und diese sogar nutzt, um ihr Argument einer offenen, demokratischen und solidarischen Schweiz voranzubringen. Auch Umweltthemen vermag sie geschickt in ihre patriotische Rhetorik einzuflechten. „Wir sind bäuerlicher Herkunft“, sagt sie und argumentiert in politisch grüner Manier: „Wir wissen, dass wir das Land, die Landschaft und die Umwelt erhalten und pflegen müssen.“ Ähnlich geht Calmy-Rey in ihrer Augustrede von 2011 vor. „Schweiz, Freiheit, Europa“, ein Thema, das andere SP-Bundespräsidentinnen und –Präsidenten kaum anschnitten, nutzte sie, um an eine mutige und aktive Schweiz im Konzert der Nationen zu appellieren. Somit unterscheidet sich ihre Argumentation deutlich von jener des SVP-Bundesrates Ueli Maurer, dessen Rede dem selben Thema zugeordnet wurde, der aber gegen die Europäische Union und internationale Institutionen donnerte und sich für eine freie und unabhängige Schweiz einsetzte. Generell betonen die SVP-Bundesräte in ihren Ansprachen häufig die Besonderheit der Schweiz und prophezeien ihr eine rosige Zukunft dank starker Wirtschaft und Demokratie. Der soziale Part kommt dagegen der CVP zu, deren Bundesrätinnen und Bundesräte gerne mit den Schlagworten „Welt“, „Frieden“ und „Sozial“ operieren. Am 1. Januar 1990 erinnerte Arnold Koller dementsprechend an „die Kranken, Gebrechlichen, Benachteiligten [in der Schweiz und an] die Verfolgten, Entrechteten, Hungernden im Ausland.“ Parteibuchkonform sprechen schliesslich die Vertreterinnen und Vertreter der FDP; in ihren Reden stehen Wirtschaft und Wohlstand oft an erster Stelle.

Reden als Spiegel historischer Ereignisse

Die präsidentiellen Reden nur nach parteipolitischen Färbungen hin zu untersuchen, griffe aber zu kurz. Sie sind auch geprägt von historischen Ereignissen. Als die Schweizer Frauen 1971 das Stimmrecht erhielten, unterliess es FDP-Bundespräsident Nello Celio 1972 nicht, dies in seine Neujahrsansprache einzuflechten. Er würdigte den steinigen und mühsamen Weg der „Schweizerfrau“ zur politischen Teilhabe und hiess sie so in der politischen Gemeinschaft willkommen – Gemeinschaft war denn auch das Thema seiner Rede. Ein Jahr später kam es zur Ölkrise. Die Schweizer Strassen blieben drei Sonntage im November autofrei und wurden durch Fahrräder ersetzt. Bundespräsident Ernst Brugger mahnte in seiner Neujahrsansprache: „Die Zeiten des Überflusses und der Vergeudung [sind] endgültig vorbei. Seine Rede stand – selbstverständlich – im Zeichen der wirtschaftlich angespannten Lage. Dies wiederholte sich anfangs der 1990er-Jahre und 2009, als die Wirtschaft erneut kriselte. Und als 1989 die Mauer fiel, sich ein Zerfall des Ostblockes abzeichnete und in Zürich eine immer grössere offene Drogenszene entstand, stand Arnold Kollers Neujahrsansprache im Zeichen von Frieden und Sozialem. Und so ist nicht immer ganz klar, was von Parteiprogramm und was historischen Gegebenheiten geprägt ist. Eines ist allerdings sicher; auch wenn sowohl Neujahrsansprachen und Augustreden einem immer ähnlichen Aufbau unterlegen sind, setzten die Bundespräsidentinnen und -präsidenten durchaus eigene Akzente. Und dies betrifft nun nicht die Inszenierung – beispielsweise mit Tännlein, Tunnel und Teleprompter –  sondern den Text.

Chantal Marquart

Informationen zum Blogbeitrag
Verfasserin: Chantal Marquart | Matrikelnummer: 13-763-13 | chantalmirja.marquart@uzh.ch
Abgabedatum: 27.05.2018
Dozierende: Dr. Bruno Wüest, Alexandra Kohler

Wortzahl: 980

Informationen zur Methode

Die Daten, auf denen dieser Blogbeitrag basiert, stammen von der Webseite des Bundes. Auf einer Unterseite werden 42 Neujahrsansprachen (1972-1974, 1980-2018) und 34 Augustreden ( 1978, 1985-2017) aufgeführt. Die Reden wurden mittels R von der Website gescraped und mit dem dem stm-package bearbeitet. Die Suche nach der optimalen Anzahl Topic Models hat die im Text vorgestellten Themen ergeben. Für jedes Topic Model schlägt R passende Begriffe vor. Manuell wurden jeweils drei bis vier ausgewählt, um die Themen möglichst aussagekräftig zusammenfassen zu können. Anschliessend wurde von jeder Rede das proportional stärkste Thema herausgeschrieben. Für die weitere Analyse und die Visualisierungen wurden nur diese so generierten Themen verwendet.

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