Wochenendbeschäftigung: Vater sein

Eine weitere Initiative steht bevor. Doch, wie viele politische Vorstösse brauchen wir noch, bis wir die Gleichstellung in den eigenen vier Wänden umsetzen? Alle wollen Gleichstellung – bis das erste Kind kommt.

Zwei Kinder. So lautet die durchschnittliche Kinderwunschanzahl junger Menschen in der Schweiz. Vergleicht man diese Zahl mit der Geburtenziffer im Jahr 2023, so liegt diese bei nur noch 1,3 Kindern pro Frau. Obwohl Familienzuwachs oft als Steigerung der allgemeinen Zufriedenheit angesehen wird, gibt es auch Zweifel.

Rund 40 Prozent aller Schweizer:innen ohne Kinder betrachten die Geburt eines Kindes als Einschränkung der persönlichen Freiheit. Eltern sehen das hingegen mehrheitlich anders. Mehr als ein Drittel aller Mütter widersprechen dieser Aussage, und auch unter Vätern zeigt sich ein ähnlicher Trend. Die Wahrnehmung hängt also weniger vom Geschlecht als vielmehr davon ab, ob man selbst Kinder hat oder nicht. Dennoch empfindet etwa jede:r dritte Elternteil einen gewissen Verlust an Freiheit.

Sind diese Wahrnehmungen auf die Kompromisse in der Kindererziehung zurückzuführen? Wer spielt mit dem Kind? Wer kocht für das Kind? Wer ist für die Kinderbetreuung zuständig?

Gleichberechtigung als Ideal

Wenn man die Schweizer Bevölkerung fragt, wie die Aufgaben idealerweise verteilt werden sollten, ist das Ergebnis eindeutig: Eine klare Mehrheit wünscht sich eine partnerschaftliche Teilung der Aufgaben. Neun von zehn Personen möchten gemeinsam für das Kind sorgen. Insbesondere bei der Freizeitgestaltung mit Kindern, bei Ratschlägen und bei Erziehungsfragen herrscht Einigkeit. Letzteres wird sogar von 98 % befürwortet.

Doch das Ideal der klassischen Rollenverteilung bröckelt langsam. Wenn es um die Kinderbetreuung geht, sieht bereits jede:r Dritte die Verantwortung bei den Frauen. Bei Finanzfragen gibt es nur eine knappe Mehrheit. Fast jede:r Zweite sieht hier Männer in der Hauptverantwortung. Die Rollenbilder scheinen somit gerade dort aufzubrechen, wo sie sozial und traditionell am stärksten verankert sind.

Ungleiche Aufteilung im Familienalltag

So klar der Wunsch nach Gleichberechtigung auch formuliert wird, sieht die Realität in vielen Schweizer Haushalten oft anders aus. Frauen übernehmen häufiger praktische Care-Arbeit als Männer. So gab die Hälfte aller Befragten an, dass im Krankheitsfall primär die Mutter einspringt. In nur vier Prozent der befragten Haushalte übernimmt der Vater diese Aufgabe. Zwar sind über zwei Drittel der Meinung, dass die Kinderbetreuung gemeinsam verantwortet werden sollte, doch in fast 50 Prozent der Fälle übernehmen Frauen diese Aufgabe. Nur bei der Freizeitgestaltung herrscht mehr Ausgewogenheit. In den meisten Haushalten sind hierfür beide verantwortlich.

Trotz dieses Zahlen ist zu beachten, dass Männer heute stärker in Care-Arbeit involviert sind. Allerdings leisten Frauen im Schnitt immer noch mehr unbezahlte Arbeit statt bezahlter Erwerbsarbeit. Somit bleibt die Kinderbetreuung im Alltag nach wie vor überwiegend weiblich.

Gesellschaftliche Zuschreibung und Wahrnehmung von Kompetenzen

Diese ungleiche Aufgabenverteilung lässt sich nicht nur durch äussere Faktoren wie die Arbeitszeit erklären. Sie kann auch mit gesellschaftlichen Zuschreibungen von Kompetenzen zusammenhängen. Welche Elternteile als „besser geeignet“ für bestimmt Aufgaben gelten, wurden dabei über Selbsteinschätzung erfasst. Die resultierende Aufgabenteilung kann auf freiwilliger Basis, durch stille gesellschaftliche Erwartungen oder persönliche Überzeugungen entstehen.

Weder Frauen noch Männer halten Väter für die geeigneteren Betreuungspersonen. Eine deutliche Mehrheit ist der Ansicht, dass beide Elternteile gleichermassen geeignet sind. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich jedoch nach wie vor klassische Geschlechterzuschreibungen.

So hält beispielsweise jeder dritte Mann Mütter für besser geeignet. Sie sehen Frauen offenbar als natürlicher und kompetenter in der Fürsorge. Auch wenn viele Männer die Gleichberechtigung befürworten, scheinen tief verankerte Bilder weiterhin mitzuwirken. Nur ein Prozent der Männer weicht beiden Optionen aus und sieht sich selbst bzw. Väter in dieser Rolle.

Auch unter Frauen ist die Einschätzung differenziert. Zwar sieht keine der befragten Frauen Männer als die Besseren in der Kinderbetreuung, doch rund jede Fünfte schreibt diese Rolle eher sich selbst bzw. Müttern zu. Dies ist deutlich weniger als bei den Männern.

Diese Vorstellungen werden auch auf alleinerziehende Mütter übertragen. Die Mehrheit der Bevölkerung vertraut ihrer Erziehungsfähigkeit. Trotzdem gibt es deutliche Unterschiede je nach Geschlecht und Elternstatus. Ein Drittel aller Männer lehnt es ab. Am grössten ist das Misstrauen bei Vätern. Frauen ohne Kinder befürworten dies am häufigsten.

Diese Ergebnisse zeigen, dass sich zwar eine Mehrheit für Gleichstellung ausspricht, gleichzeitig aber traditionelle Rollenverständnisse weiterhin verbreitet sind.

Wiederholung oder Wandel?

Unsere eigenen Erfahrungen können unsere Vorstellungen von Rollenverteilungen prägen. Die Mehrheit der Befragten gab an, dass in ihrer Kindheit hauptsächlich die Mutter für die Erziehung und Betreuung zuständig war. Väter waren hingegen nur in Einzelfällen stärker beteiligt. Dies könnte ein Hinweis auf die lange Tradition der geschlechtsspezifischen Aufgabenteilung im familiären Bereich sein.

Heute zeigt sich ein etwas ausgeglicheneres Bild. Zwar lässt sich noch nicht von einer partnerschaftlichen Verteilung sprechen, doch die Zahlen deuten auf eine reale Verschiebung hin. So sagt fast die Hälfte der Väter mit Kindern, dass sie sich gleichermassen an der Betreuung beteiligen. Unter den Müttern mit Kindern geben hingegen zwei Drittel an, die Hauptverantwortung selbst zu tragen.

Diese Zahlen bedeuten jedoch nicht, dass sich Väter grundsätzlich weniger engagieren wollen. Vielmehr kann die Sozialisation die Wahrnehmung von Verantwortung und Kompetenz beeinflussen. Die Frage ist also: Warum bewerten Männer und Frauen ihre Beteiligung an der Kinderbetreuung unterschiedlich? Liegt es an den steigenden Ansprüchen von Müttern an Männer? Oder waren die Erwartungen an Männer im Familienalltag früher viel geringer?

Deutlich wird, dass es in der Schweiz einen Gap zwischen dem Ideal einer partnerschaftlichen Elternschaft und der gelebten Realität gibt. Zwar ist eine gleichstellungsorientierte Einstellung bei beiden Geschlechtern verbreitet, jedoch koexistiert diese mit traditionellen Rollenbildern, sozialen Prägungen und stereotypischen Zuschreibungen. Klar ist, dass Kinderbetreuung nach wie vor stark mit Frauen assoziiert wird. Auch wenn sich Rollenbilder verschieben, bleibt die Care-Arbeit oft weiblich geprägt.

Quellen
Bundesamt für Statistik. (2021). Frauen leisteten 50 % mehr Haus- und Familienarbeit als Männer im Jahr 2020 – aber Männer legen zu. https://www.bfs.admin.ch/asset/de/17124476 (zuletzt abgerufen am 30.06.2024)

Bundesamt für Statistik. (n.d.). Geburtenhäufigkeit. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/geburten-todesfaelle/fruchtbarkeit.html (zuletzt abgerufen am 30.06.2024)

Bundesamt für Statistik. (n.d.). Kinderwunsch, Elternschaft. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/familien/kinderwunsch-elternschaft.html (zuletzt abgerufen am 30.06.2024)

Bundesamt für Statistik. (n.d.). Vereinbarkeit von Beruf und Familie, unbezahlte Arbeit. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/erwerbstaetigkeit-arbeitszeit/vereinbarkeit-unbezahlte-arbeit.html (zuletzt abgerufen am 30.06.2024)

Familien-Zeit.ch. (n.d.). Argumente & Initiativtext. https://www.familien-zeit.ch/initiativtext/ (zuletzt abgerufen am 30.06.2024)

Ernst Stähli, Michèle, Marlène Sapin, Alexandre Pollien, Michael Ochsner und Karin Nisple (2023): MOSAiCH 2022 on Family and Changing Gender Roles and related topics. Survey Documentation. Lausanne: FORS – Swiss Centre of Expertise in the Social Sciences.

Ernst Stähli, Michèle, Marlène Sapin, Alexandre Pollien, Michael Ochsner und Karin Nisple (2023): MOSAiCH 2022. Measurement and Observation of Social Attitudes in Switzerland. Study on Family and Changing Gender Roles and related topics (1.0.0) [Datensatz].
Lausanne: FORS – Swiss Centre of Expertise in the Social Sciences.

SHP Group (2025): Living in Switzerland Waves 1–25 + Long file + Covid 19 data (Version 9.0) [Datensatz]. Lausanne: FORS. https://doi.org/10.48573/swnc-bn46
Validität
Dieser Blogartikel basiert auf zwei Datensätzen: MOSAiCH aus dem Jahr 2022 und dem Swiss Household Panel (SHP), Version 9.0.
Bei dieser Analyse handelt es sich um eine deskriptive Auswertung. Das Ziel ist es, geschlechtsspezifische Wahrnehmungen und tatsächlich beobachtbare Ungleichheiten in der Kinderbetreuung sichtbar zu machen. Um diese Unterschiede hervorzuheben, wurden ausschliesslich binäre Geschlechtskategorien (Frauen und Männer) berücksichtigt. Zudem fokussiert sich die Analyse auf heteronormative Paar- und Familienkonstellationen. Insbesondere bei der Analyse mit dem SHP wurde versucht, nur Paare mit Kindern zu identifizieren, bei denen die Eltern nicht in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung stehen. Dies konnte anhand der Individualdaten abgeleitet werden.
Obwohl beide Datensätze repräsentativ für die Schweizer Wohnbevölkerung sind, ist die externe Validität der Ergebnisse eingeschränkt. Dies liegt daran, dass nicht alle relevanten soziodemografischen Einflussfaktoren berücksichtigt wurden. Variablen wie Bildungsstand, Einkommen oder Alter, die wesentlich zur Erklärung der beobachteten Muster beitragen könnten, wurden nicht einbezogen. Zusätzlich wurde in dieser Analyse keine Gewichtung verwendet.
Um Unterschiede zwischen den Gruppen deutlicher sichtbar zu machen, wurden inhaltlich verwandte Antwortoptionen wie „Mütter sind viel besser geeignet“ und „Mütter sind etwas besser geeignet“ zu einer gemeinsamen Kategorie zusammengefasst.
Information
Verfasserin: Sai Gaayaththiri Rasamanickam
Kontakt: saigaayaththiri.rasamanickam@uzh.ch
Seminar: Forschungsseminar Politischer Datenjournalismus (FS 2025)
Verantwortliche: Karsten Donnay, Anielle Peterhans
Abgabedatum: 30.06.2025
Anzahl Worte: 877 (excl. Lead)