Wer spricht im Bundeshaus? Männer dominieren die Debatten, einzelne Frauen behaupten sich

Eine Analyse der Redebeiträge im Schweizer Parlament der letzten 10 Jahre zeigt: Männer reden mehr und länger als Frauen und der Unterschied hat sich über die Jahre sogar noch leicht vergrössert. Doch eine Frau sticht hervor: Maya Graf redet deutlich länger als jede andere Frau und gehört zu den aktivsten Stimmen im Parlament.

«Ich bin jetzt sechs Jahre im Parlament und habe es schon dreimal erlebt, dass mir am Rednerpult die Kompetenzen abgesprochen werden.» Was GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy vor über acht Jahren gegenüber dem SRF [1] sagte, gilt auch heute noch. Dass Frauen im Schweizer Parlament oft schwer Gehör finden, lässt sich auch anhand der Wortmeldungen deutlich erkennen.

Kaum Frauen an der Spitze

Wenn im Parlament das Mikrofon an ist, dann spricht meistens ein Mann. Das belegen bereits Analysen des Bundesparlaments 2018 [2] und des Zürcher Gemeinderats 2023 [3]. Eine neue Auswertung der Schweizer Parlamentsdebatten der letzten drei Legislaturperioden bestätigt, dass Männer im Bundesparlament sowohl mehr als auch länger sprechen als Frauen. Diese neue Analyse untersucht den Zeitraum von Ende November 2015 bis Ende Juni 2025 anhand von öffentlichen Daten der Parlamentsdienste der Bundesversammlung [6] und erweitert die vorhergehenden Analysen um einen deutlich längeren Zeitraum.

Insgesamt redeten die Männer in diesen knapp zehn Jahren rund 27 Prozent häufiger und rund 22 Prozent länger als die Frauen. Im Durchschnitt sprach eine Frau im Parlament rund sieben Stunden, während ein Mann etwa 8.2 Stunden am Rednerpult stand. Dabei meldeten sich Frauen durchschnittlich 122 Mal, Männer im Schnitt 155 Mal.

Ständerat Beat Rieder meldete sich im Rat am häufigsten zu Wort und sprach dabei auch am längsten. Mit 921 Reden und 45.1 Stunden Redezeit hat er das Parlament geprägt wie niemand anderes. Unter den 20 Parlamentsmitgliedern mit den meisten Wortmeldungen ist die SP-Nationalrätin Jacqueline Badran als einzige Frau vertreten. Bei der Redezeit schafft es mit der Grünen-Ständerätin Maya Graf ebenfalls nur eine Frau unter die Top 20.

Daten: swissparl

Unterschiede in den Kammern und den Fraktionen

Auch zwischen den beiden Kammern gibt es klare Unterschiede: Im Ständerat ist das Missverhältnis zwischen Mann und Frau noch grösser als im Nationalrat. Männer redeten in der kleinen Kammer im Schnitt sogar 40 Prozent öfter und 44 Prozent länger als die Frauen. Dies hängt auch damit zusammen, dass die Redezeit im Ständerat nicht beschränkt ist [4].

Innerhalb der Fraktionen fällt das Verhältnis zwischen Mann und Frau unterschiedlich aus. Bei der FDP-Fraktion lag beispielsweise der Anteil der Frauen im Nationalrat in den letzten 10 Jahren stets bei über einem Viertel, doch nur knapp 22 Prozent der Redebeiträge kamen von Frauen. Männer sprachen in der FDP im Schnitt aber nicht nur häufiger, sondern auch länger. In der SVP-Fraktion kamen die Frauen deutlich seltener zu Wort als die Männer, während die Frauen der GLP und der Mitte deutlich kürzer sprachen. In den beiden linken Parteien, der SP und bei den Grünen, fiel die Kluft geringer aus.

Daten: swissparl

Über die letzten 10 Jahre hat sich der Unterschied zwischen Frauen und Männern sogar noch leicht vergrössert. Die Redezeit blieb zwar weitgehend konstant, jedoch meldeten sich die Männer immer häufiger zu Wort. Pro Jahr wuchs der Abstand um rund 2.3% wobei sich insbesondere bei der Mitte diese Lücke über die Zeit vergrössert hat.

Männer setzen auf andere Themen

Männer ergriffen insgesamt nicht nur häufiger das Wort, sondern dominierten auch andere Themen. Sie sprachen öfter über Energie, internationale Politik, Verkehr und europapolitische Fragen. Frauen hingegen setzten ihre Schwerpunkte vermehrt auf Wissenschaft und Forschung, sozialen Schutz (wie etwa AHV oder EL), soziale Fragen (darunter Gleichstellung, Jugendschutz, häusliche Gewalt), Gesundheit und Bildung. Frauen befassten sich zum Beispiel über 40 Prozent mehr mit sozialen Fragen und Wissenschaft und Forschung als Männer, während Männer sogar doppelt so oft über Energie redeten wie Frauen.

So bespielten Männer eher «harte» Politikfelder, während sich Frauen eher mit gesellschaftspolitischen und sozialen Themen beschäftigten. Dies deckt sich mit den Erkenntnissen aus Untersuchungen in anderen Ländern [5] und widerspiegelt sich auch in persönlichen Erfahrungsberichten, wie etwa von der ehemaligen Nationalrätin Corina Eichenberger: «Zu Beginn meiner politischen Karriere hatte man die Tendenz, die Frauen immer in der Bildungspolitik und der Sozialpolitik zu platzieren.» [1].

Daten: swissparl

Die Vielrednerinnen der Fraktionen

Trotz dieser klaren Dominanz und der Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Schweizer Parlament gab es Frauen, die sich in diesem Debattenraum Gehör verschafften. Diese sechs Nationalrätinnen und Ständerätinnen ragten dabei besonders hervor und sind die Frauen ihrer Partei, die am häufigsten das Wort ergriffen:

BildNameParteiRedenRedezeit ParteirangRang gesamt
 Jacqueline BadranSP40712.4h#3#19/20
 Maya GrafGrüne39725.3h#2#21
 Andrea Gmür-SchönenbergerDie Mitte37216h#9#27
 Kathrin BertschyGLP27613.3h#2#48
 Céline AmaudruzSVP25014.6h#15#59
 Regine SauterFDP21711.5h#18#74
Bilder von: parlament, Daten: swissparl

Dabei zeigt sich, dass die Frauen auf unterschiedliche Themen setzten, um sich im parlamentarischen Diskurs zu positionieren, und sich nicht nur auf «weichere» Themenbereiche konzentrierten. Jacqueline Badran von der SP legte ihre Schwerpunkte insbesondere in der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen innerhalb und ausserhalb der SP redete sie weniger über soziale Themen und war thematisch näher bei ihren männlichen Kollegen. Maya Graf setzte in ihren Reden thematisch häufiger Akzente in den Bereichen Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialpolitik. Im Gegensatz zu Badran ähnelte ihre Themenauswahl eher der anderer Parlamentarierinnen.

Kathrin Bertschy, ehemalige Vizepräsidentin der GLP, meldete sich vermehrt bei Umwelt- und Gleichstellungsthemen zu Wort. Ständerätin Andrea Gmür-Schönenberger von der Mitte behandelte hingegen vor allem sicherheitspolitische Fragen. Die aktivste Frau der SVP am Rednerpult war die Vizepräsidentin der Partei, Céline Amaudruz, die ihre Schwerpunkte hauptsächlich in der Wirtschaftspolitik setzte. Thematisch überschnitt sie sich trotz politischer Gegensätze mit Badran. Regine Sauter von der FDP rundet diese Top 6 ab. Als Vizepräsidentin der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit engagierte sie sich regelmässig für Gesundheitsthemen.

Hindernisse für Frauen am Rednerpult

Was den politischen Diskurs der Schweiz betrifft, ist Gleichberechtigung im Schweizer Parlament nicht erreicht. Auch über die reine Sitzverteilung hinaus sind Frauen klar unterrepräsentiert. Und dennoch: Einige Parlamentarierinnen haben diese Barrieren überwunden und haben es geschafft, sich im parlamentarischen Diskurs zu behaupten.

Daten:

Die Daten wurden aus dem swissparl package [6], das als Schnittstelle zu den Webservices der Schweizer Bundesversammlung dient. Ausgeschlossen wurden Präsident:innen und Vizepräsident:innen der beiden Räte. Insgesamt wurden 428 Parlamentarier:innen berücksichtigt, die seit Ende 2015, seit Beginn der 50. Legislaturperiode bis heute (Juni 2025), im Parlament mindestens eine Rede gehalten haben.

Insgesamt wurden 61’044 Redebeiträge in diesem Zeitraum vorgetragen. Davon waren 9’495 keinen Themen zugeordnet, weswegen für diese Analysen anhand von Geschlecht, Fraktion, Legislaturperiode, Kammer und Amtserfahrung, sowie Zeit im Amt während des Untersuchungszeitraums gewichtet wurden.

Validität:

Berechnet wurden die Unterschiede der Anzahl Redebeiträge und der Redezeit mit verschiedenen negativen Binomialmodellen, um feststellen zu können, ob die jeweiligen Geschlechtsunterschiede (allgemein, über Zeit, in den Fraktionen) signifikant sind. Die Geschlechtsunterschiede in der Themenwahl wurden mit binären logistischen Modellen untersucht.

Als Kontrollvariablen dienten jeweils Geschlecht, Fraktionszugehörigkeit, Kammer, Amtserfahrung, Zeit im Amt während des Untersuchungszeitraums und ob jemand Präsident:in oder Vizepräsident:in einer Kommission war. Die ehemalige CVP, EVP und BDP Fraktionen wurden zusammengenommen mit der Mitte Fraktion.

Anhand der Berechnung der euklidischen Distanz bei den Themen wurde untersucht, wie ähnlich diese Frauen jeweils zu ihrer Partei und den Frauen und Männern sind. Allerdings hatte die Themenauswahl der Frauen fehlende Themenklassifizierung bei allen sechs Frauen, wobei sich keine systematischen Unterschiede in Zeit und in einer qualitativen Durchsicht zeigten. Allerdings konnten so keine statistischen Rückschlüsse gezogen werden.

Informationen:

Autorin: Aurora Palanza

Email: aurora.palanza@uzh.ch

Datum: 30. Juni 2025 (überarbeitete Version: 15. August 2025)

Dozierende: Karsten Donnay, Anielle Peterhans

Wörter: 957

Referenzen:

[1] Christen, N. (2017, 15. Dezember). Politikerinnen reden Klartext – «Schreiben Sie das Protokoll?». Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). Abgerufen am 28. Juni 2025, von https://www.srf.ch/news/schweiz/politikerinnen-reden-klartext-schreiben-sie-das-protokoll

[2] Berg, T. & Demuth, Y. (2019, 17. Juli). Im Bundeshaus reden Frauen weniger. Beobachter. Abgerufen am 28. Juni 2025, von https://www.beobachter.ch/politik/wahlen-2019/long-read/im-bundeshaus-reden-frauen-weniger-257239?srsltid=AfmBOooKXPjATmwJF-tXewCik91

[3] Metzler, B. (2023, 16. März). Ungleichheit im Parlament: Frauen reden weniger im Zürcher Gemeinderat als Männer. Tages-Anzeiger. https://www.tagesanzeiger.ch/frauen-reden-weniger-im-zuercher-gemeinderat-als-maenner-139531580123

[4] Rederecht. (o. D.-b). Das Schweizer Parlament. Abgerufen am 28. Juni 2025, von https://www.parlament.ch/de/%C3%BCber-das-parlament/parlamentsportraet/ratsmitglieder/ratsmitglieder-im-parlamentsbetrieb/rederecht

[5] Bäck, H., Debus, M., & Müller, J. (2014). Who Takes the Parliamentary Floor? The Role of Gender in Speech-making in the Swedish Riksdag. Political Research Quarterly67(3), 504-518. https://doi.org/10.1177/1065912914525861

[6] Zumbach, David (2020). swissparl: Interface to the Webservices of the Swiss Parliament. R package version 0.2.1. https://CRAN.R-project.org/package=swissparl