Sinkende Geburtenrate: Wie veränderte Werte zur Verschiebung des Kinderwunsches führen

Wie überall auf der Welt, ist die Geburtenrate in der Schweiz eingebrochen. Mit 1.33 Kinder pro Frau liegt diese gemäss Bundesamt für Statistik auf einem historischen Tiefstand. Der Geburtenrückgang betrifft fast alle Kantone, Ausnahme sind Basel-Stadt, Uri, Jura, Obwalden, Luzern und Appenzell Innerrhoden (Bundesamt für Statistik). Der Schwellenwert von 2.1 Kinder pro Frau wird seit den 1970er Jahren nicht mehr erreicht (Swissinfo). Auch in Europa, Nordamerika, den meisten Ländern Lateinamerikas und Australien ist die Fertilitätsrate unter den Schwellenwert von 2.1 gefallen. Ostasien namentlich Südkorea (0.8), China (1.2) und Japan (1.3) weisen die niedrigsten Fertilitätsraten weltweit auf.

Der Bevölkerungsrückgang beeinflusst langfristig massgeblich die Funktionalität einer Gesellschaft. Wenn auf viel ältere Menschen keine jüngeren folgen, führt dies zu einem Arbeitskräftemangel und Überlastung der Gesundheitssysteme (The Lancet, p34). Diesen spüren wir bereits heute und wird sich in den kommenden Jahrzehnten verstärken. Besonders schwerwiegend sind die Folgen des demografischen Wandels für die Finanzierung der Sozialversicherungssysteme. Diese basieren auf einen Generationenvertrag. Folglich sind diese darauf ausgelegt, dass genug junge Menschen nachkommen, um höhere Ausgaben der älteren Menschen zu kompensieren. Die grosse Frage bleibt, was beeinflusst den Entscheid von jungen Menschen für oder gegen Kinder? Forschungsberichte zeigen, dass besonders Hochgebildete ihren Kinderwunsch auf später verschieben oder ganz darauf verzichten (BFS – Zeit für Familien, p. 9). Welche Rolle spielt der Bildungsgrad für den Entscheid für oder gegen Kinder? Anders als in früheren Jahren sind Frauen heute bedeutend häufiger teilzeit erwerbstätig. Teilzeit, weil es nach wie vor die Frauen sind, welche den grössten Teil der Haus -und Betreuungsarbeit übernehmen. Die Rollenverteilung der Geschlechter in Familien – und Erwerbsleben persistiert. Dies ist unter anderem eine Folge von ungenügenden Massnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf (BFS – Zeit für Familien, p. 7). Welchen Einfluss haben Kinderbetreungsmöglichkeiten tatäschlich auf den Wunsch eine Familie zu gründen?

Familie oder Karriere?

Mehr als die Hälfte der Schweizer und Schweizerinnen im Alter von 20 bis 29 Jahren wünschen sich Kinder (Bundesamt für Statistik). Nicht alle die einen Kinderwunsch haben, erfüllen sich diesen. Am häufigsten sind es Akademikerinnen die kinderlos bleiben (30%) im Verglichen zu Frauen mit tieferem Bildungsabschluss (Bundesamt für Statistik). Akademikerinnen investieren erhebliche Zeit in ihre berufliche Karriere. Die Geburt eines Kindes führt besonders in der Erwerbsbiografie einer Frau zu starken Einschnitten. Im Vergleich zu kinderlosen Frauen führt für Mütter die Geburt des ersten Kindes zu Einkommenseinbussen von 40 bis 70 % (Baršić et al. 2020, p. 1). Zusätzlich sinkt die Erwerbsbeteiligung unmittelbar nach der Geburt des ersten Kindes. Mehr als die Hälfte der Frauen mit Kindern arbeiten Teilzeit, während Ihr Partner Vollzeit arbeitstätig ist (Bundesamt für Statistik). Die Beteilung am Arbeitsmarkt bleibt auch nach 5 Jahren nach Geburt des Kindes tief (NZZ). Besonders bei Akademikerinnen, die überdurchschnittlich gut verdienen, führt daher die Geburt eines Kindes zu hohen Opportunitätskosten und eventuell verpassten Karrierechancen. Die Entscheidung für ein Kind muss sorgfältig abgewogen werden. Sind es demnach besonders Tertiärgebildete die sich gegen Kinder entscheiden? 

Die teuersten Kitas Europas

Der Entscheid für Kinder wirkt sich zweifellos auf die Finanzen eines Paares aus. Steigende Krankenkassenprämien, Bedarf an grösserem Wohnraum, sinkendes Einkommen bei reduzierter Erwerbstätigkeit und die teuren Kinderbetreuungskosten können eine Herausforderung darstellen. Familienergänzende Kinderbetreuung ist in der Schweiz in 90 Prozent der Fälle nicht staatlich betrieben, sondern privat (Häusermann et al. 2022, p1-13). Dies hat zur Folge, dass die Kosten von Betreuungsangeboten hoch sind. Im Vergleich mit anderen OECD-Länder sind die Preise von schweizerischen Betreuungsangeboten die höchsten. Die Credit Suisse kommt in einer Berechnung aus dem Jahre 2021 zum Schluss, dass Familien mit Schweizer Median-Bruttolohn (110’000 CHF) mit zwei Kindern, je nach Wohnort, zwischen 4’560 und 24’200 CHF pro Jahr für die Betreuung an zwei Tagen pro Woche bezahlt. Angesichts der hohen Kosten wird familienergänzende Kinderbetreuung unterschiedlich stark genutzt. Familien der oberen Mittelklasse nehmen dieses Angebot häufiger in Anspruch als weniger gutverdienende Familien (Häusermann et al. 2022, p.11). Wirkst sich ein höheres Einkommen positiv auf den Kinderwunsch aus? 

Mehrheitlich Aufschieber:innen des Kinderwunsches 

Antworten auf diese Frage, was den Entscheid für oder gegen Kinder beeinflusst, sollen die Daten des Schweizerischen Haushaltspanel liefern. Mittels Index wird der kurz -und längerfristige Kinderwunsch dargestellt. Personen ohne kurz- und langfristigen Kinderwunsch sind Kinderlose, Personen mit Kinderwunsch in den nächsten zwei Jahren sind beabsichtigte Eltern und Personen, die mit dem Kinderwunsch zuwarten sind die Aufschieber:innen.

Knapp 50 Prozent der Befragten Frauen und Männer zählen zur Gruppe der Aufschieber:innen, damit bilden sie die zahlreichste Kategorie. Sie sind mit 25 bis 32 Jahren die Jüngsten. Sie sind mehrheitlich Akademiker:innen und leben in städtischen Gebieten im Kanton Zürich (20%), Bern (14%) oder Aargau (10%). Sie sind die einkommensschwächste Gruppe. Mehr als die Hälfte ist Single, von den Verheirateten sind es die Frauen, die mit der Aufteilung der Hausarbeit unzufrieden sind. 

Die Kinderlosen sind häufiger weiblich und deutlich älter als die Aufschieber:innen und die beabsichtigten Eltern. Sie haben grösstenteils eine obligatorische Schulbildung absolviert und leben in urbanen Zentren des Kantons Zürich (20%) oder Bern (17%). Personen mit tiefem Einkommen sind gleich häufig vertreten wie die Mittelschicht und Oberschicht. Die grosse Mehrheit der Kinderlosen ist nicht verheiratet. Bei jenen die verheiratet sind, empfinden Frauen, die Hausarbeitaufteilung als ungleich, während Männer diese als ausgeglichen verteilt empfinden. 

Die beabsichtigten Eltern sind mehrheitlich zwischen 28 bis 36 Jahre und somit älter als die Aufschieber:innen. Der Trend, dass Mütter und Väter bei der Geburt des ersten Kindes älter sind als vor knapp 30 Jahren, bestätigt sich auch in den Daten des Schweizerischen Haushaltpanels (Tagesanzeiger). Die Mehrheit sind Akademiker:innen, etwas mehr als die Hälfte lebt in urbanen Zentren, je ein Viertel lebt in der Agglomeration oder ruralen Peripherien. In dieser Kategorie gibt es deutlich mehr verheiratete Paare, als bei den Kinderlosen oder den Aufschieber:innen. Personen dieser Gruppe sind finanziell besser gestellt als die Aufschieber:innen. Von den verheirateten Personen geben sowohl die Frauen wie auch die Männer an, sie seien mit der Aufteilung der Hausarbeiten zufrieden. 

Unterschiede zwischen den Gruppen zeigen sich bei der stabilen Partnerschaft und der egalitären Aufteilung der Haushaltsaufgaben, dem Bildungsgrad, Einkommen und dem Alter.  In einem zweiten Schritt wird mittels statistischer Modelle geprüft, ob die Unterschiede den Kinderwunsch beeinflussen könnten.

Herkömmliche Einflussgrössen greifen zu kurz

Die Resultate zeigen, dass der Effekt der Tertiärbildung regional unterschiedlich ist. Verglichen mit Personen, die in ruralen Gebieten leben, wirkt sich eine Tertiärbildung in Agglomerationen negativ auf den Wunsch nach einem Kind aus. In urbanen Zentren hat die hohe Bildung keinen Einfluss. Verglichen mit Personen mit sehr hohem Einkommen, begünstigt ein tieferes Einkommen den Kinderwunsch. Weder die Aufteilung der Hausarbeiten noch die Arbeitsbedingungen beeinflussen die Entscheidung. In einem zweiten Schritt wird für die aussenfamiliären Kinderbetreuungskosten pro Kanton kontrolliert. Die Resultate zeigen, dass die Kinderbetreuungskosten weder für Personen mit tiefen Einkommen noch für Personen mit hohem Einkommen einen Einfluss haben.

Daraus lässt sich schliessen, dass Einflussgrössen wie Bildungsgrad oder das Einkommen zu kurz greifen, um die Entscheidung für oder gegen ein Kind zu erklären. Höhere Bildung führt nicht zwangsläufig zu Kinderlosigkeit. Tatsächlich kann ein sehr hohes Einkommen ebenfalls einen negativen Effekt haben, obwohl mit höheren Einkommen die Kosten eines Kindes tragbarer erscheinen lassen. Die Komplexität der Entscheidung für oder gegen Kinder hat sich im Laufe der Zeit, mit der Möglichkeit von Alternativen, zugenommen. Heute spielen soziale und kulturelle Werte eine wichtige Rolle. Vor Einführung der Sozialversicherungen galten Kinder als finanzielle Absicherung im Alter. Diese Rolle wurde vom Sozialstaat abgelöst. Ein Wertewandel hat dazu geführt, dass eine Familie mit Kindern nicht mehr zwingend zu einem erfüllten Leben gehört. Es wird vielmehr rational die Vor -und Nachteile von Kindern abgewogen, sowie die Freude an der Elternrolle und die Kosten und Einschränkungen, die damit verbunden sind. Viele schieben ihren Kinderwunsch auf den «richtigen» Zeitpunkt im Leben auf. Erst wenn der richtigen Partner gefunden ist, man beruflich angekommen und finanziell stabil ist, erfolgt eine Realisierung des Kinderwunsches.



Daten
Die Daten für die Modelle stammen einerseits vom Schweizerischen Haushaltspanel für den Zeitraum von 2011 bis 2022. Es wurde ein Index konstruiert aus den Fragen: „Wie viele Kinder hätten Sie gerne insgesamt?“ und „Haben Sie die Absicht, innerhalb der nächsten 24 Monate ein Kind zu bekommen?“. Dieser Index verfolgt das Ziel, die kurz -und längerfriste Entscheidung differenzierter darzustellen. Der Datensatz wurde auf Personen über 18 Jahre und unter 45 Jahre eingeschränkt, um die biologische Fruchtbarkeit zu widerspiegeln.
Zusätzlich wurden Daten aus der Erhebung der Credit Suisse aus dem Jahre 2021 verwendet für die Variable der regionalen Kinderbetreuungskosten. Es handelt sich hierbei um ein Modellhaushalt bestehend aus einem Ehepaar mit zwei Kindern im Vorschulalter. Das Haushalteinkommen (ohne Kinderzulagen) beträgt 110’000.- CHF. Die Kinder besuchen an zwei Tagen pro Woche eine Kinderbetreuungseinrichtung .

Methode
Die Fragestellung möchte sowohl den Einfluss des Bildungsgrades und Einkommens auf den Kinderwunsch untersuchen. Dazu werden zwei Multilevel Modelle mit zufälligen Effekten für Kantone und Jahre berechnet. Diese ermöglichen es, Variationen auf individueller sowie auf kantonaler Ebene über verschiedene Jahre hinweg zu modellieren. In beiden Modellen werden sowohl direkte Effekte wie auch Interaktionseffekte (kombinierte Effekte zweier Prädikatoren auf den Kinderwunsch) untersucht. Im ersten Modell wird der Interaktionseffekt von Bildung und Stadt-Land Lebensraum integriert. Dies ermöglicht Aussagen zu treffen, ob der Effekt der Bildung auf den Kinderwunsch je nach Lebensraum variiert. In einem zweiten Modell wird der Interaktionseffekt zwischen Einkommen und durchschnittlichen kantonalen Kinderbetreuungskosten integriert. Dies soll aufzeigen, ob der Effekt der Kitakosten auf den Kinderwunsch davon abhängt, in welcher Einkommenskategorie sich die Individuen befinden. Zudem wird für die  Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen und Aufteilung der Hausarbeit, sowie das Geschlecht kontrolliert.

Validität
Der Einsatz von Panel Daten ermöglicht es inidividuelle Entwicklungen und Trends über die Zeit hinweg zu kontrollieren, in dieser Analyse über einen Zeitraum von 11 Jahren. Es gibt jedoch Einschränkungen der Aussagekraft der Modelle. Eine Einschränkung könnte durch die Verwendung der Daten zu den Kinderbetreuungskosten verursacht werden. Diese Erhebung wurde lediglich für das Jahr 2021 durchgeführt. Durch das Zusammenführen zweier unterschiedlicher Datenstrukturen können die Resultate in ihrer Validität eingeschränkt sein. Zusätzlich sind Aufschieber:innen und Akademiker:innen üperpropotional vertreten in der Stichprobe. Dies führt zu potentziell verzerrten Ergebnissen, die nicht ohne Weiteres für die gesamte Bevölkerung gültig sind. Zudem kann man bei der Interpretation der Modelle nicht von Kausalität sprechen, da nicht für alle potenziell konfundierenden Variablen kontrolliert wurde. Soziale und kulturelle Faktoren, die eine entscheidende Rolle für oder gegen den Kinderwunsch spielen, konnten aufgrund fehlender Datenlage nicht berücksichtigt werden.
Zur Bewertung der Robustheit und Validität der Ergebnisse wurde eine statistischen Diagnostik durchgeführt. Mit HIlfe des Variance Inflation Factors (VIF) wurde auf Multikollinearität geprüft. Die Ergebnisse zeigen, dass die Prädikatoren nicht starkt miteinander korrelieren, was auf eine geringe Multikollinearität hinweist. Mittels Cookk’s Distance Plot wurden die Modelle auf einflussreiche Ausreisser geprüft. Die meisten Datenpunkte haben niedrige Hebelwirkungen, demnach haben diese keinen starken Einfluss auf die Modellparameter. Die Analyse Residuenvarianz deutet darauf hin, dass die Annahme der Homoskedastizität verletzt wird. Das weist auf Hetereoskedastizität hin, was bedeutet, dass die Varianz der Fehlerterme nicht konstant ist. Die Prüfung der Normalitätsannahme der Residuen, zeigt, dass die Residuen nicht normal verteilt sind. Die Verletzung beider Annahmen kann zu verzerrten Schätzungen führen. Zum Vergleich der Modelle wurde das Bayes’schen Informationskriterium (BIC) verwendet, welches die Komplexität und Anpassungsgüte der Modelle bewertet. Gemäss diesem Test ist das erste Modell zu bevorzugen, da es einen niedrigen BIC-Wert aufweist.

Bloginformationen
Autorin: Sibylle Lima Rodrigues
Email: sibylle.limarodrigues@uzh.ch
Abgabedatum: 30.06.2024 (überarbeitete Version: 01.09.2024)
Vorlesung: Forschungsseminar Politischer Datenjournalismus
Dozierende: Lucas Leeman, Jacqueline Büchi, Reto Mitteregger, Karsten Donnay
Anzahl Wörter: 1273