Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sind Bundesrat und Parlament auf Aufrüstungskurs. Umfragedaten zeigen: Die Bevölkerung ist das schon länger.
6.3 Milliarden Franken beträgt das Jahresbudget der Schweizer Armee für 2025 — über 500 Millionen Franken mehr, als noch im letzten Jahr. Diese Erhöhung ist nur die erste Etappe eines ambitionierten Aufrüstungsprojekts, das die eidgenössischen Räte unlängst beschlossen haben: Bis 2028 soll das Jahresbudget auf 7.4 Milliarden aufgestockt werden, ab 2032 soll es rund 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen — und damit rund eineinhalb mal so viel, wie noch in den 2010er-Jahren. Begründet wird diese Aufrüstungswelle allem voran mit dem Ukrainekrieg: So schrieb etwa der Bundesrat in seiner Armeebotschaft 2024 von einer sicherheitspolitischen „Zäsur“, die nunmehr einen drastischen Ausbau der Verteidigungsfähigkeit erforderlich mache.
Es liegt nahe, dass der völkerrechtswidrige Angriffskrieg auch für die armeepolitischen Positionen der Bevölkerung eine Zäsur darstellte. Aber ist dem wirklich so? Und wenn ja: Wer hat seine Haltung zur Armee geändert — und wer nicht? Aufschluss bietet das Schweizerische Haushalts-Panel (SHP). Seit 1999 befragt das Umfrageprojekt repräsentativ ausgewählte Schweizer:inenen zu ihrer Lebenssituation und ihren Wertehaltungen. Regelmässig werden sie dabei auch gefragt, wie sich die Armee ihrer Meinung nach entwickeln soll: Hin zu einer Stärkung, hin zu einer Abschaffung, oder keines von beidem.
Ausserhalb des Bundeshauses kommt die Zäsur früher
Betrachtet man die Armee-Präferenzen aller Befragten seit Anbruch des Jahrtausends, so zeigt sich dass der Wind hier schon recht früh zu drehen begann. Hatten sich die drei Lager noch Mitte der Nuller-Jahre kurzzeitig die Waage gehalten hatten, setzte bald darauf eine Phase der Polarisierung ein: Armee-Abschaffung und Starke Armee gewannen an Popularität, während sich das „Weder noch“-Lager drastisch verkleinerte. Diese Phase der Polarisierung hielt allerdings nicht besonders lange an, zumal auch der Anteil der Armee-Gegner:innen bald rückläufig wurde. Zwischen 2011 und 2023 verkleinerte er sich von rund 40 auf rund 23 Prozent, während die Vorstellung einer starken Armee weiter an Beliebtheit gewannen. 2023 erreichte sie ihren Höchststand seit Beginn der Befragungen.
Aber: Von einer Zäsur durch die Ukraine-Invasion kann nur bedingt die Rede sein, zumal dieser Trend schon lange vor 2022 eingesetzt hat; die grösste Verlagerung erfolgte bereits zwischen 2011 und 2014. Wenn Ereignisse in der Ukraine entscheidend zu einem Meinungswandel bei der Bevölkerung beigetragen haben, dann also bereits zum dem Zeitpunkt, als Russlands „Grüne Männchen“ auf der Krim aufkreuzten — und nicht erst als der „eigentliche“ Krieg begann. Ob die Krim-Annexion wirklich Grund für die Trendwende ist, lässt sich anhand der Umfragedaten nicht abschliessend beurteilen. Denkbar ist, dass sie zwar den ersten grösseren Ansprung erklärt, aber dass die Fortsetzung dieses Trends primär der zusehends unberechenbaren Rolle der USA in der Trump-Ära geschuldet ist.
Gewachsen ist die Unterstützung für eine Starke Armee jedenfalls in fast allen Bevölkerungsschichten — was allerdings nicht heissen soll, dass sie überall gleich gross ist. Nach wie vor findet sie grösseren Anklang unter Schweizer:innen als unter niedergelassenen Ausländer:innen; unter Männern grösseren als unter Frauen, und in der Deutschschweiz grösseren als in der Romandie und im Tessin. Am Grössten sind die Unterschiede, wenn man die Anteile nach Generation aufschlüsselt: Unter den vor 1946 Geborenen ist der Wunsch nach einer Starken Armee seit jeher verbreitetsten. Am wenigsten ausgeprägt war er zuletzt aber nicht etwa unter den jüngsten Befragten, sondern unter den „Millenials“ mit Geburtsjahrgängen zwischen 1981 und 1996. Zu Beginn der SHP-Befragungen, als die befragten Millenials allesamt selbst noch jugendlich waren, war der Anteil der Armeebegeisterten hier deutlich höher.
Auch Linke haben immer weniger Lust auf eine Armeeabschaffung
Deutlicher wird das Bild, wenn man diese Merkmale der Befragten nicht separat betrachtet, sondern sie zusammen mit deren Parteisympathie in statistische Modelle füttert und diese bittet, die Wahrscheinlichkeit vorauszusagen, mit der sich Angehörige bestimmter Gruppen für eine Abschaffung oder eine Stärkung der Armee aussprechen. Die Resultate eines solchen Modells lassen sich in der obigen Graphik interaktiv erkunden. Hier bestätigt sich zunächst einmal eine Erwartung, die überaus nahe liegen dürfte. Namentlich, dass ungeachtet der betrachteten Gruppe die Armeepräferenzen der Positionierung auf dem politischen Spektrum folgen. Durchs band sind SVP-Sympathisant:innen am ehesten für eine starke Armee und Grünen-Sympathisant:innen am ehesten für ihre Abschaffung.
Das Modell unterstreicht aber auch, dass Ideologie bei weitem nicht der einzig wichtige Faktor ist. So beläuft sich beispielsweise die vorausgesagte Wahrscheinlichkeit, dass ein 45-Jähriger Grünen-Sympathisant aus dem Kanton Zürich sich 2023 für eine Armeeabschaffung ausspricht, auf rund 44%. Ist er stattdessen 80 Jahre alt, so reduziert sich die Voraussage auf rund 7%. Auch unter Berücksichtigung der Parteisympathie verbleibt also ein starker Zusammenhang zwischen der Haltung zur Armee und anderen persönlichen Merkmalen.
Allgemein lässt sich dennoch feststellen, dass die Beliebtheit einer Armeeabschaffung in (fast) allen betrachteten Gruppen seit 2011 deutlich gesunken, und die Beliebtheit einer starken Armee deutlich gewachsen ist — auch bei der politischen Linken. Die Haltung der Schweizer:innen zu ihrer Armee scheint im Begriff, eine Zeitwendende zu unterlaufen; wenn auch eine, die nicht überall gleich dramatisch ausfällt. Für 20-jährige SP-Sympathisantinnen aus dem Kanton Bern ist die vorausgesagte Wahrscheinlichkeit der Unterstützung einer Starken Armee in diesem Zeitraum beispielsweise von rund 12 auf rund 27 Prozent angestiegen, für FDP-Sympathisantinnen indessen nur von rund 45 auf rund 50 Prozent.
Keine Kurzschlussreaktion
Zumindest vor zwei Jahren stand die Schweiz also wohl nicht völlig geschlossen hinter dem Vorhaben einer Armee-Stärkung, das zwischenzeitlich in die Wege geleitet worden ist. Nicht wenige Sympathisant:innen von linken Parteien würden sie nach wie vor am liebsten abschaffen — und selbst am anderen Ende des politischen Spektrums finden sich noch immer Gruppen, die nicht restlos von der Notwendigkeit einer Starken Armee überzeugt scheinen.
Aber: Anders als noch vor 20 Jahren wünscht sich heute doch eine klare Mehrheit der in der Schweiz lebenden Menschen jene Starke Armee, die Bundesrat und Parlament kreieren wollen. Aus demokratietheoretischer Sicht ist das eine beruhigende Feststellung. Umso mehr, weil diese Haltung offensichtlich keine Kurzschlussreaktion auf einen „Kriegs-Schock“, sondern Resultat eines anhaltenden Trends ist. Für die finanziellen Prioritäten des Parlaments mag der Ausbruch des Ukrainekriegs eine „Zäsur“ gewesen sein; auf Ebene der Bevölkerung war er wohl höchstens Wasser auf die Mühlen einer Zeitenwende, die sich schon seit langem anbahnt.
Quellen
– Schäfer, Fabian. 2024. „Das Parlament erhöht das Armeebudget – kommt nun die Steuererhöhung?“ Neue Zürcher Zeitung. https://www.nzz.ch/schweiz/kampf-um-das-armeebudget-die-buergerlichen-lenken-ein-aber-das-geld-fehlt-noch-immer-ld.1863207 (Stand 23. Juni 2025).
– BBl 2024, 563: Armeebotschaft 2024 vom 14. Februar 2024. Bundeskanzlei. https://www.fedlex.admin.ch/eli/fga/2024/563/de (Stand 30. Juni 2025)
– „Grafik – So viel Geld fliesst in die Schweizer Armee“. 2022. Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). https://www.srf.ch/news/schweiz/grafik-so-viel-geld-fliesst-in-die-schweizer-armee (Stand 23. Juni 2025).
– „Ständerat sagt ohne Gegenstimme Ja zum Bundesbudget“. 2024. Swissinfo. https://www.swissinfo.ch/ger/ständerat-sagt-ohne-gegenstimme-ja-zum-bundesbudget/88561426 (Stand 30. Juni 2025).
– „‘Finanzierung Und Ausrüstung Der Schweizer Armee“. Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). https://www.vbs.admin.ch/de/finanzierung-armee (Stand 23. März, 2025).
Daten
Die Analysen beruhen auf Version 9.0 des Schweizerischen Haushalts-Panels (SHP), die unter https://doi.org/10.48573/swnc-bn46 abrufbar ist. Die Berechnungen beruhen auf dem kombinierten „Langen“ Datensatz (1999-2023) der Individualdaten, wobei diese mit einigen Variablen aus den — ebenfalls in SHP verfügbaren — „Cross-National Equivalent File“-Datensätzen angereichert wurden.
Validität
Die ersten beiden Abbildungen sind rein deskriptiver Natur und zeigen die Verteilung der Antwortoptionen im SHP-Item „pp12“ (Keine Armee/Weder Noch/Starke Armee) entlang unterschiedlicher soziodemographischer Gruppen; sie schliessen jeweils alle Respondent:innen mit ein, für welche die erforderlichen Daten verfügbar waren, und wurden mittels dem durch das SHP berechneten Querschnittsgewicht („wicss“) Gewichtet, sodass sie möglichst repräsentativ für die Zusammensetzung der Schweizerischen Bevölkerung in den jeweiligen Jahren sind. Die Aufschlüsselung nach Sprachregion beruht auf einer Variable, welche die Sprachregion der Wohngemeinde der „Haushalts-Referenzperson“ angibt, die Aufschlüsselung nach Generationen auf einem ungefähren Geburtsjahr (Umfragejahr – Alter).
Die interaktiven Wahrscheinlichkeits-Plots in der dritten Graphik basieren auf Simulationen, die Anhand von zwei logistischen Mehrebenenregressionen vorgenommen wurden. Beide Modelle basieren auf den selben unabhängigen Variablen: Alter (in Jahren), Geschlecht (M/W), Parteisympathie (basierend auf Mitgliedschaft > hypothetischer Parteiwahl > sonstiger Identifikation), und Wohnkanton. Die Modelle sind ebenfalls Querschnittsgewichtet und berücksichtigen Paneleffekte durch Verwendung von Random Intercepts für alle einzelnen Befragten. Sie unterscheiden sich durch ihre abhängigen Variablen: Das erste Modell schätzt den Effekt der Unabhängigen Variablen auf die Befürwortung einer starken Armee (1 wenn „Starke Armee“ als Präferenz angegeben wird, ansonsten 0), das zweite den Effekt der unabhängigen Variablen auf die Befürwortung einer Armee-Abschaffung (1 wenn „Keine Armee“ als Präferenz angegeben wird, ansonsten 0). Beide Modelle wurden gegen alternative Spezifikationen geprüft, um sich ihrer Robustheit zu versichern. Sie können als recht „passend“ bewertet werden: Unter Berücksichtigung der Random Intercepts decken sich ihre Vorhersagen in 88 beziehungsweise 90% der Fälle mit den beobachteten Werten, ohne Berücksichtigung der Random Intercepts in jeweils 72% der Fälle. Bei den Simulationen für spezifische Personengruppen wurden jeweils 95%-Konfidenzintervalle berechnet, die durch „Schwebenlassen“ des Mauszeigers auf einzelnen Datenpunkten inspiziert werden können.
Die Modelle und Graphiken bieten Auskunft über die gemeinsame Verteilung von unterschiedlichen Faktoren, lassen aber keine Kausalaussagen zu. Um es an einem konkreten Beispiel zu formulieren: Anhand der Modelle lässt sich die Aussage treffen, dass SVP-Sympathisant:innen im Vergleich mit FDP-Sympathisant:innen (bei Konstanthaltung aller anderen Aspekte) signifikant stärker dazu tendieren, eine Starke Armee zu befürworten. Das lässt aber nicht den pauschalen Schluss zu, dass diese Tendenz auftritt, weil SVP-Sympathien zu mehr Freude an der Armee führen.
Die Analysen wurden in der Statistik-Software „R“ durchgeführt. Der verwendete Code ist auf mehrere Dateien aufgeteilt, und enthält einige ausführliche Kommentare zu den getroffenen methodischen Entscheidungen. Er kann online eingesehen werden:
– 00_data_preparation.R (Enthält Datei-Import, Aufbereitung, Codierung, etc.)
– 01_model_construction.R (Enthält Konstruktion und Tests der Modelle)
– 02_predictmodels.R (Enthält Generierung der vorausgesagten Wahrscheinlichkeiten)
– 03_plots.R (Enthält Code für die Erstellung der Graphiken)
– 10_runner.R (Enthält Dateipfad-Definitionen und eine Helferfunktion zur Installation benötigter Libraries)
Autor: Jascha Egli
Abgabedatum: 30. Juni 2025 (aktualisierte Version: 15.08.2025)
Dozierende: Prof. Dr. Karsten Donnay & Anielle Peterhans
